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„Einfach nicht genug“

Mit Spannung wurden am Freitag die letzten Arbeitslosenzahlen vor der US-Wahl erwartet. Während Beobachter im Vorfeld vom möglicherweise entscheidenden Zünglein auf der Waage sprachen, hinterlässt die nun publizierte Arbeitsmarktbilanz einen unerwartet hohen Spielraum.

Wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl ist in Washington zwar eine steigende Arbeitslosenquote verkündet worden, was bereits in der Vergangenheit einem schlechten Omen für den Amtsinhaber gleichkam. Die Rate lag im Oktober mit 7,9 Prozent allerdings mit 0,1 Prozentpunkten nur denkbar knapp über der Vergleichszahl vom September. Nach Angaben des Arbeitsministeriums wurden im Oktober zudem deutlich mehr Jobs geschaffen als gestrichen.

Mit 171.000 neuen Stellen lag der Anstieg zudem deutlich über den Erwartungen. Zudem war erst im September die Arbeitslosenquote mit 7,8 Prozent auf den niedrigsten Stand seit Obamas Amtsantritt im Jänner 2009 gesunken.

Statistik spricht gegen Obama

Die schwierige Lage auf dem Jobmarkt gilt als eines der zentralen Themen im Wahlkampf zwischen Obama und Romney, wobei der reine Blick auf die Statistik nun gegen den Amtsinhaber spricht. Der Grund: Nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte nur Ronald Reagan trotz einer Arbeitslosenquote von mehr als sechs Prozent im Jahr 1984 die Wiederwahl. Zuvor gelang das ungeachtet einer Arbeitslosigkeit im zweistelligen Bereich 1936 auch Franklin Roosevelt.

„Beleg für Stillstand der Wirtschaft“

So verschenkte Romney am Freitag auch keine Zeit, um seinem Gegner noch einmal gehörig den Kopf zu waschen. „Die heutige Zunahme der Arbeitslosigkeit ist eine traurige Erinnerung, dass die Konjunktur praktisch im Stillstand ist“, erklärte er nur eine gute halbe Stunde nach Vorlage der Arbeitsmarktdaten.

Sein Hauptargument lautet, dass das Jobwachstum nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten kann. Dass die Quote trotz einer Schaffung von neuen Stellen im Oktober zunahm, spielt ihm dabei in die Hände. „Wenn ich Präsident bin, unternehme ich echte Veränderungen, die zu einer echten Erholung führen“, lautete seine Wahlkampfparole. Wie Romneys Wirtschaftsberater Glenn Hubbard gegenüber CNBC zudem sagte, sei auch die Zahl der neu geschaffenen Jobs alles andere als ausreichend: Wirklich entscheidend sei demnach „erst eine Zahl zwischen 250.000 bis 300.000 pro Monat“.

„Beweis, dass sich Wirtschaft weiter erholt“

Das Weiße Haus freilich deutet den letzten Arbeitsmarktbericht vor der Wahl entschieden anders: „Der heutige Bericht liefert weitere Beweise, dass sich die US-Wirtschaft weiter von dem größten Niedergang seit der Großen Depression erholt“, sagte Obamas Wirtschaftsberater Alan Krueger und verwies darauf, dass der Privatsektor seit 32 Monaten am Stück zusätzliche Arbeitsplätze schaffe - insgesamt schon 5,4 Millionen.

Auch mehrere Ökonomen sehen den Amtsinhaber leicht im Vorteil: „Die Zahlen waren insgesamt gut und liefern weitere Hinweise, dass sich die US-Wirtschaft auf Erholungskurs befindet“, sagte etwa Robert Wood von der Berenberg Bank.

Lage bleibt unklar

Die unklare Lage lässt es fraglich erscheinen, ob Jobreport Nummer 46 wirklich noch einen Einfluss an den Wahlurnen am 6. November haben wird. Von Reuters wurde aus diesem Grund auch die Frage gestellt, ob das Glas nun halb voll oder halb leer sei. Experten warnen zudem, die Daten in ihrer Bedeutung nicht zu überschätzen.

Die Quote wird durch Umfragen in rund 60.000 Haushalten und rund 140.000 Unternehmen ermittelt. Statistische Fehler in dieser Methodik sind kaum zu verhindern. Die Berichte sind immer wieder „Gegenstand von Revisionen und merkwürdigen statistischen Ungereimtheiten und somit nur ein Teil eines komplexen ökonomischen Puzzles“, warnte die „Washington Post“ (Freitag-Ausgabe) ihre Leser.

Düstere Prognosen

Die Arbeitslosenquote läge heute nach Berechnungen von Ökonomen bei vernichtenden elf Prozent, hätten sich nicht in den vergangenen Jahren geschätzt mehrere Millionen Amerikaner freiwillig vom Arbeitsmarkt verabschiedet. Die sogenannte Beteiligungsquote auf dem Arbeitsmarkt sank unter Obama von 65,7 auf 63,5 Prozent. Zuletzt hatte sich 1980 ein so geringer Anteil der Einwohner in den USA um Arbeit bemüht. Auch bei der Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit sieht die Statistik so düster aus wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Wie auch immer die Wahl ausgeht, auf den Mann im Weißen Haus kommt eine Menge Arbeit zu. Ökonomen begründen das langsame Jobwachstum nämlich vor allem mit der Unsicherheit der Unternehmer über die politische Zukunft des Landes. Zum Jahreswechsel drohen durch Gesetzesfristen erhebliche Steuererhöhungen und Einschnitte bei den Staatsausgaben, die laut Experten das Wirtschaftswachstum um vier Prozentpunkte nach unten drücken können. Doch wegen des Wahlkampfes und der tiefen politischen Spaltung in Washington bleibt die drohende Fiskalklippe derzeit ohne Gegenmaßnahme.

Umfrage: Hauchdünner Vorsprung für Obama

Das Rennen um die Präsidentschaft bleibt unterdessen weiter völlig offen: Nach einer neuen Umfrage der „Washington Post“ und des TV-Senders ABC ging Obama mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,07 Prozentpunkten vor Romney in das letzte Wahlkampfwochenende. Auch andere Erhebungen bleiben innerhalb der statistischen Fehlerwahrscheinlichkeit.

Um das Rennen doch drehen zu können, wollten sich Obama und Romney auf die besonders heiß umkämpften Bundesstaaten konzentrieren, die die Wahl entscheiden könnten. Die Terminpläne sahen zahlreiche Auftritte etwa in Ohio, Virginia oder Wisconsin vor.

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