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Erste Plünderungen

Am Tag danach ist das ganze Ausmaß der Verwüstung, das der Wirbelsturm „Sandy“ in New York und anderen Großstädten an der US-Ostküsten angerichtet hatte, erst sichtbar geworden. Vor allem die New Yorker sind schockiert über die verheerenden Folgen des Naturereignisses. Bürgermeister Michael Bloomberg zeigte sich fassungslos: „Die Natur ist so viel mächtiger als wir.“

Wie dramatisch die Natur auch hochtechnisierten Millionenmetropolen wie New York mitspielen kann, hatte selbst Bloomberg überrascht. New York ist de facto eine geteilte Stadt - in jene Bereiche der Metropole, die Strom haben und wo das Leben, wenn auch mit Behinderungen, wieder aufgenommen wurde, und in jene, die von der Stromversorgung abgeschnitten sind - und das noch bis zu einer Woche sein werden. Das betrifft vor allem Lower Manhattan, wo die Explosion eines Transformators für einen großflächigen Stromausfall sorgte.

Ein Bauingenieur, dessen Keller bis zur Decke mit Wasser geflutet wurde, meinte: „Jeder wusste, dass der Sturm kommt. Aber das war leider auch schon alles, was man erfahren hat.“

Arbeiter bei Aufräumarbeiten

AP/ John Minchillo

Die Aufräumarbeiten werden noch einige Zeit dauern

„Schulter an Schulter“

Bloomberg versuchte aber Optimismus zu versprühen: „Wir werden die bevorstehenden Tage durchstehen, indem wir das tun, was wir in schwierigen Zeiten immer machen: zusammenhalten, Schulter an Schulter, bereit, dem Nachbarn zu helfen, Fremde zu trösten, um die Stadt, die wir lieben, wieder zum Laufen zu bringen.“

Der verheerendste Sturm in der Geschichte New Yorks hat dort und an einem breiten Streifen an der Ostküste zumindest 50 Menschenleben gefordert und Milliardenschäden verursacht: Während der Sturm weiterzog, bemühte man sich in New York und den anderen verwüsteten Küstenregionen um eine Rückkehr in den Alltag, zumindest einige Buslinien sollten wieder fahren. In der Metropole war zuvor der öffentliche Verkehr zusammengebrochen, U-Bahn-Schächte liefen voll Salzwasser.

Überschwemmt New Yorker U-Bahnstation

AP/ Metropolitan Transportation Authority

Flut und Trümmer in einer U-Bahn-Station

„Noch nie gesehen“

US-Präsident Barack reiste am Mittwoch in die schwer beschädigte Küstenstadt Atlantic City. Zusammen mit Gouverneur Chris Christie machte er sich im Bundesstaat New Jersey ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung. Christie sprach von einer „Verwüstung, wie ich sie noch nie gesehen habe“.

Die Sachschäden dürften nach Schätzungen von Wirtschaftsfachleuten bis zu 50 Milliarden Dollar (38,5 Milliarden Euro) betragen. 20 Milliarden davon sollen demnach Schäden an Gebäuden und Infrastruktur ausmachen, bis zu 30 Milliarden durch entgangene Geschäfte, so IHS Global Insight.

Acht Millionen ohne Strom

Obama machte Druck auf Elektrizitätsunternehmen. Bei einem Treffen mit Chefs von Energiefirmen im Weißen Haus habe Obama betont, dass die Wiederherstellung der Stromversorgung oberste Priorität habe, teilte das Weiße Haus mit. Nach CNN-Angaben waren gut 24 Stunden nach dem Durchzug von „Sandy“ an der Ostküste weiter mehr als acht Millionen Menschen ohne Strom.

Arbeiter sägt Ast von Baum ab

APA/EPA/Shawn Thew

Die Aufräumarbeiten laufen weiter auf Hochtouren

Die Stadtautobahnen in Manhattan wurden am Mittwoch wieder freigegeben - es bildete sich sofort der übliche Stau. Der 36 Stunden zuvor noch knietief mit Wasser bedeckte Franklin D Roosevelt Drive an der Ostseite der Insel war Mittwochfrüh wieder auf allen sechs Spuren befahrbar. Allerdings erließ Bloomberg eine Beschränkung: Die meisten Strecken dürfen vorerst nur von Fahrzeugen mit drei oder mehr Insassen befahren werden, um die Straßen zu entlasten.

U-Bahn weiter außer Gefecht

Von Normalbetrieb noch weit entfernt bleibt unterdessen mit der U-Bahn die zentrale Verkehrsader der Stadt. Dass die gesamte U-Bahn ausfällt, sei noch nie vorgekommen, zitierte CNN den Chef der New Yorker Metropolitan Transportation Authority (MTA), Joseph Lota. „Das New Yorker City-Subway-System ist 108 Jahre alt, aber so eine furchtbare Katastrophe, wie wir sie letzte Nacht gesehen haben, gab es noch nie.“ Laut Bloomberg dürfte das mehrere Tage dauern, da Tunnel teils meterhoch unter Wasser stehen. Die U-Bahn hatte ihren Betrieb bereits am Sonntagabend vorsorglich unterbrochen.

Polizisten sperren U-Bahn-Zugang ab

APA/EPA/Justin Lane

Sandsäcke hielten dem Wasser nicht stand

Auch die New Yorker Börse wurde am Mittwoch wiedergeöffnet, ebenso die Flughäfen John F. Kennedy und Newark. Der Bahnbetreiber Amtrak kündigte an, den Fernzugbetrieb wiederaufzunehmen, wenn auch mit großen Einschränkungen. Die Schulen in New York bleiben die ganze Woche geschlossen. Der New-York-Marathon am Sonntag soll plangemäß über die Bühne gehen.

Berichte über Plünderungen

Am Mittwoch gab es erste Berichte über Plünderungen in New York. Die Polizei habe in den Stadtteilen Brooklyn und Queens mehrere Menschen unter anderem wegen des Verdachts von Plünderungen festgenommen, berichtete die Zeitung „Wall Street Journal“ („WSJ“) in ihrer Onlineausgabe. Die Festnahmen seien in Gegenden erfolgt, die durch die Fluten besonders betroffen seien. Dort seien auch die Polizeistationen evakuiert worden. Insgesamt war von 13 Festnahmen die Rede. Aus Furcht vor Kriminellen hätten mehrere kleine Ortschaften in Virginia und New Jersey nach Angaben lokaler Medien nächtliche Ausgangssperren verhängt.

„Sandy“ auch im Landesinneren zu spüren

Auch in anderen Regionen waren die Ausläufer des Sturms deutlich zu spüren. In den Höhenlagen der Appalachen in West Virginia brachte der Wirbelsturm bis zu einen Meter Schnee. Auch in der Metropole Chicago waren die Folgen zu spüren: Hier peitschten Winde den Lake Michigan auf. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich vom Ufer des Sees fernzuhalten.

Ein Rettungsauto steckt nahe Belington, West Virginia, im Schnee fest

AP/Robert Ray

Schneedecke „hart wie Beton“ in West Virginia

In den schwer überschwemmten Gemeinden entlang der mittleren Atlantikküste waren am Dienstag Hunderte Menschen aus ihren von den Fluten abgeschnittenen Häusern gerettet worden. Mindestens vier Städte in New Jersey standen nach einem Dammbruch bis zu 1,80 Meter hoch unter Wasser. West Virginia bescherte der Sturm teils heftige Schneefälle, an manchen Orten türmte er sich nach Blizzards fast einen Meter hoch.

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