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Ringen um „Intelligenz“ für die Straße

Die aktuelle Parkplatzdiskussion in Wien könnte durch ein automatisches Parkleitsystem einfach gelöst werden, sagen Experten. Mit den Einnahmen würden sich die Investitionen schnell rechnen, die Hardware könnte für weitere „intelligente“ Verkehrssysteme genutzt werden. Deren breiter Einsatz scheitert derzeit unter anderem am Geld.

Zu den „intelligenten“ Verkehrssystemen zählen neben Assistenzsystemen wie Tempomat und Einparkhilfe auch Fahrplaninfos an Haltestellen, Notrufsysteme wie E-Call und Informationen zum aktuellen Straßenzustand - kurz alles, was den Verkehr in irgendeiner Weise lenken und beruhigen kann. Um Straßen und Autos „intelligent“ zu machen, müssen sie allerdings mit entsprechender Technik ausgerüstet werden.

Wenig Investitionsbereitschaft

Das Geld dafür kann oder will die Politik in der aktuelle Krise in vielen Ländern oftmals nicht aufbringen, hieß es in diversen Diskussionsforen im Rahmen des ITS Weltkongresses (ITS steht für „Intelligente Transportsysteme“) am Dienstag in Wien. Experten, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter aus den Branchen Autombil, Technik und Mobilfunk diskutierten dort, wie man mit Hilfe „intelligenter“ Verkehrssysteme nicht nur den Komfort und die Sicherheit beim Autofahren erhöhen, sondern eben auch akute Probleme wie Staus und die Parkplatzsuche lösen kann. Auch die Firmen zögern mit ihren Investitionen, da sie offenbar noch nicht wissen, wie sie damit Geld verdienen können.

Finanzierung über Parkplatzgebühr

Laut dem US-Anbieter Streetline kann das Problem über einen Umweg einfach gelöst werden: Streetline bietet ein Parkleitsystem für normale Straßenparkplätze an. Dazu werden Sensoreinheiten in oder unter dem Asphalt angebracht, die mit Lichtsensoren und Magnetometer erkennen können, ob ein Auto abgestellt wurde. Freie Parkplätze werden über eine App auf dem Smartphone oder Navigationsgerät angezeigt. Das System ist bereits in einigen US-Städten in Betrieb, demnächst soll es in einem Bezirk in der deutschen Stadt Braunschweig eingesetzt werde.

„Parken ist ein gutes Testfeld, weil es den Städten schnell Geld bringt und die Investitionen bald wieder drinnen sind“, so Streetline-Marketingchefin Kelly Schwager gegenüber ORF.at. Je nach Lage und Nachfrage könnten die Parkplätze unterschiedlich teuer werden, auf diese Weise könnte etwa der Suchverkehr zusätzlich gelenkt werden. Zudem könnten damit Probleme wie aktuell in Wien gelöst werden, wo in manchen Bezirken ein Mangel an Parkplätzen, in anderen ein Überfluss herrscht. In Los Angeles werde dieses „dynamische“ System bereits getestet.

Vorgriff auf die City-Maut

Im besonders dicht verbauten Gebiet mit wenigen Parkplätzen könnte das System schnell an seine Grenzen stoßen, gibt Schwager zu, dennoch würde sich die Investition grundsätzlich rasch bezahlt machen. „Sobald die Infrastruktur einmal da ist, kann man damit auch weitere Anwendungen realisieren“, meint Schwager. So könnten etwa Autos durch darin verbaute Chips automatisch erkannt und das Geld vom Konto abgebucht werden. Auch Zufahrtssysteme wie eine City-Maut könnten auf diese Weise kostengünstig umgesetzt werden.

Manche Experten sehen das Einsetzen von Sensoren im Asphalt kritisch, die grundsätzliche Idee der Umwegrentabilität sei aber durchaus nachvollziehbar, so etwa ein Vertreter der FH Joanneum in Graz. Die Frage sei aber, wer die Infrastruktur und am Ende die Hoheit über die Daten behält - denn Daten wie über Verkehrsströme sind das eigentliche Kernstück derartiger Verkehrssysteme.

Auch das Thema Standards wird derzeit heiß diskutiert, wie der europäische Verkehrskommissar Siim Kallas bei der Auftaktveranstaltung am Montag sagte. „Sie glauben gar nicht, wie viel Rivalität es zwischen den Anbietern und der Politik gibt“, daher werde auch so wenig umgesetzt.

Breiter Einsatz in Asien

Die weltweite Herangehensweise an das Thema ist zum Teil sehr unterschiedlich. In Asien hat Telematik einen fixen Platz in der Verkehrsplanung, in Südkorea gibt es etwa unzählige Apps, die Informationen über die aktuelle Lage auf allen möglichen Verkehrsmitteln anzeigen. Wichtig sei vor allem, dass der Zugang zu den zugrundeliegenden Daten für alle offen sei, so ein Vertreter des südkoreanischen Verkehrsministeriums. Ebenso sollte es einheitliche Standards geben, damit sich Regierungen nicht einem System oder Anbieter ausliefern.

Es gibt aber auch Zweifel an der Wirkung von „intelligenten“ Verkehrssystemen, vor allem im Bereich Effizienzerhöhung. „Wir müssen uns anstrengen, dass wir auch wirklich den Beweis bringen könne, dass ITS die Wirtschaft ankurbelt“, so ein Vertreter von Xerox aus den Niederlanden. Auch sei ITS derzeit nur punktuell ein Thema, gerade in Städten, die besonders davon profitieren würden wie boomende Megacitys, sei es noch nicht angekommen.

Suche nach Geschäftsmodellen

Derzeit sei das Thema noch am Anfang, so Derek Williams von Toyota bei einer weiteren Paneldiskussion - das gelte sowohl für die passenden Geschäftsmodelle als auch für die eigentliche Nutzung. „Es gibt wenig Aufmerksamkeit für das Thema und wenig Nachfrage“, so sein Fazit, die Systeme müssten für eine weitere Verbreitung nutzerfreundlich, kostengünstig und vor allem EU-weit verwendbar sein.

Ob am Ende mit ITS überhaupt Geld zu verdienen ist, darüber ist die Branche gespalten. Während eine Vertreterin des Mobilfunkers Orange meinte, dass niemand für Services wie etwa Parkplatzsuche zahlen werde, sind sich unter anderen heimische Branchenvertreter sicher, dass gerade personalisierte Infos und Services nicht gratis sein werden. Gerade bei der Verteilung knapper Güter wie Parkplätzen in der Stadt sei eine strenge Reglementierung, auch über Geld, unumgänglich.

Nadja Igler, ORF.at

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