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Die Nacht und ihre Rätsel

Die Nacht ist für die Kunst Furcht und Faszination zugleich. Dem Kontrollverlust im Dunklen steht die Möglichkeit der Entdeckung des Neuen, Überraschenden oder lange Verdrängten entgegen. Seit Jahren versuchen zahlreiche Kulturgeschichten, die Ästhetik der Nacht festzuhalten. Nun begibt man sich im Belvedere traumwandlerisch ins „Zwielicht“ der Nacht und sucht nach Abgründigem gerade auch in eigenen Sammlungsbeständen.

„Alle Nerven ecitiert von dem gewürzten Wein - Anwandlung von Todes-Ahndungen - Doppelt-Gänger“, notiert der Musiker und Schriftsteller E. T. A. Hoffmann am 6. Jänner 1804 in sein Tagebuch. Er wird einer jener Künstler sein, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in die Grenzerfahrungen der Nacht begeben. Und wenn sein Kollege Novalis die blaue Blume sucht, dann tut er das auch nachts - nicht selten angetrieben von opiumhaltigen Weingetränken wie Laudanum.

Für die Bildende Kunst ist die Nacht eine besondere Herausforderung, muss sie doch auf eine besondere Lichtsituation bauen. Das Belvedere bemüht nun für seine Erkundung der Nacht in der Malerei (für die man zunächst einmal eigene Bestände durchforstet hat) das Leitmotiv des „Zwielichts“. Von 1800 bis zur Gegenwart stammen 280 Exponate, die, ausgewählt von Kuratorin Brigitte Borchhard-Birbaumer, noch bis 17. Februar zu sehen sein werden.

Ölgemälde von Carl Gustav Carus "Winterlandschaft mit verfallenem Tor", 1816/18

Galerie Neue Meister/Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Elke Estel, Hans-Peter Klut

Das Zwielicht in der romantischen Nacht: „Winterlandschaft mit verfallenem Tor“, 1816/18, von Carl Gustav Carus

Traumwandlerisch soll man sich Exponatpaare von Philipp Otto Runge und Gerhard Richter, Caspar David Friedrich und Gerhard Rühm, Hans Makart und Anselm Kiefer, Arnold Schönberg und Markus Schinwald, Alfred Kubin und Birgit Jürgenssen erschließen.

Missverständnisse zur romantischen Nacht

Dass diese Erkundung der Nacht in der Romantik anfängt, ist Reiz und Hürde der Schau, gilt es doch mit dem Missverständnis aufzuräumen, dass der Blick nach innen erst ab 1900 einsetzt. Werner Hofmann, Doyen der österreichischen Kunstgeschichte, erinnert im Katalog in seinem Abriss über die Erschließung der Nacht in der Kunst in Österreich an das Auftauchen der ersten Caprichos im Gefolge Goyas im frühen 19. Jahrhundert.

Gleichzeitig ist das 18. Jahrhundert und die Sammlung des Belvederes reich an Stücken, die vom Abgründigen des Menschen berichten, man denke an die „Charakterköpfe“ eines Franz Xaver Messerschmidt. Mit dem 19. Jahrhundert und im Gefolge Goyas verstärkt man allerdings die Gleichung, dass die Erkenntnis des Widerspenstigen im Menschen vor allem in der Nacht vonstattenginge.

Die „äußere“ und die „innere“ Nacht

Blickt man in die Kulturgeschichte, wie das etwa im vergangenen Jahr Heinz-Gerhard Friese mit seiner „Ästhetik der Nacht“ getan hat, so kannte man im Umfeld von Homer und Hesiod schon eine Unterscheidung zwischen „der unermesslichen Nacht draußen“ und der inneren Nacht in den Massen, den Körpern und der Erde.

„Die griechische Analogie zwischen unterirdischer und innermenschlicher Nacht ist bei Hesiod bemerkenswert“, konstatiert Friese mit Blick auf die „Theogonie“: „Keine andere Gottheit als jene bei Tagesanbruch in den Tartaros zurückgehende Nyx gebiert aus ihrem dunklen Schoß: die inneren Zustände des Menschen.“

Ölgemälde von Rene Magritte "Le seize septembre", 1956

Kunsthaus Zürich/VBK Wien

Die mondhelle Nacht bei Magritte

Die Nacht, sie ist über Jahrhunderte hinweg der „andere Ort“, der „Heterotopos“, jener Bereich, in dem jene bei Tag gekannten Gesetze aufgehoben sind und Erfahrungen jenseits bekannter Grenzen gesucht werden dürfen. Darauf verwies die Zürcher Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen in ihrer nicht minder umfangreichen Studie aus dem Jahr 2008 - „Tiefer als der Tag gedacht: eine Kulturgeschichte der Nacht“.

Die Nacht müsse man gesehen haben, bevor man den Tag begreifen könne, zitiert Bronfen Erkenntnisse der Literatur und streift durch die nächtliche Spiegelwelt, in denen sich durch die Erkundung der Nachtseite des Geistes und der widersprüchlichen Phantasie eine tiefere Erkenntnis über den Menschen erzielen lasse. Für Bronfen etwa führt der Weg zu Freud und die Abgründe der Seele über Mozarts „Zauberflöte“ und die Königin der Nacht.

Eine rätselhafte Königin

Die Königin der Nacht ist auch in der Ausstellung im Belvedere eine der Schlüsselfiguren für den Zugang der Vorstellungen rund um die Nacht in der Kunst seit 1800. 1791 brachten Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel Schikaneder im Wiener Freihaustheater diese Oper zur Uraufführung - und am Ende der Aufklärung und vor der Romantik spiegelt und amalgamiert diese Oper und ihre Vorstellungswelt die Hell-Dunkel-Debatten des 18. Jahrhunderts: Hier der Sonnenpriester Sarastro, da die faszinierende Königin der Nacht, für die Karl Friedrich Schinkel, wie in der Ausstellung zu sehen, 1815 ein wirkungsmächtiges Bühnenbild schuf: Die Figur, eine Mischung aus antiker Göttin und Marienstatue, schwebt über Mond und Wolken, inmitten eines klassizistisch angeordneten Sternenmeers.

„Die Rätselgestalt erscheint gut und böse, wie ihr männliches Pendant", der Sonnenpriester Sarastro“, erinnert Kuratorin Borchhard-Birbaumer.

Radierung von Karl Friedrich Schinkel Bühnenbild der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte, 1819–24

Kunsthistorisches Museum, Wien

Radierung von Karl Friedrich Schinkels Bühnenbild der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“, 1819–24

In der Kunst des 20. Jahrhunderts wird die Nacht noch mehr zum Katalysator für die Darstellung abgründiger Erfahrungen. Nun erscheint die Kunst beeinflusst von Disziplinen wie der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde, so zeigt die Schau, nutzen etwa die Nacht für besonders koloristische wie expressive Hervorhebungen der menschlichen Figur.

Hinweis

„Die Nacht im Zwielicht. Kunst von der Romantik bis heute“, von 24. Oktober bis 17. Februar 2013, täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, mittwochs 10.00 bis 21.00 Uhr, Katalog im Prestel Verlag, 320 Seiten, 39 Euro.

Die Nacht bringt die rätselhafte Natur des Menschen zum Vorschein. Sie überhöht die expressive Wirkung, sie macht die Ängste plastisch - sie erlaubt den Künstlern, auch ganz eigenwillige Lichtspiele und Lichtkompositionen zu inszenieren.

Ohne Licht und das helle Pigment kommt die bildnerische Kunst nicht aus, will sie von der Nacht erzählen. Die Darstellung des natürlichen und künstlichen Lichts in den Bildern markiert ein eigenes Spannungsmoment der Schau. Und blickt man auf die fotografischen Arbeiten, dann taucht in unserem Jahrhundert noch eine sehr kühle, ästhetisierte Spielform der Nachtdarstellung auf. Die Nacht in der Kunst, sie spielt sich nicht zuletzt auch in künstlichen Nachträumen wie dem Kino ab.

Bücher zum Thema:

  • Elisabeth Bronfen, Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht, Hanser Verlag, 639 Seiten, 29,90 Euro.
  • Heinz-Gerhard Friese, Die Ästhetik der Nacht. Eine Kulturgeschichte, Rowohlt, 1312 Seiten, 49,90 Euro.

Umfangreiche Exponatauswahl

Viel, sehr viel Material hat die Schau zum Thema Nacht zu bieten: sowohl eigene und nie gezeigte Werke als auch viele prominenten Leihgaben, gerade auch im Bereich der zeitgenössischen Kunst. Wie fragil die Nacht mittlerweile im Zeitalter der Lichtverschmutzung geworden ist, kann erkunden, wer am Abend aus der Schau in die Nacht tritt.

Ein richtiges Dunkel sind wir nicht mehr gewohnt. Auch die Kunst kann es letztlich nie ganz finster haben, will sie von der Nacht berichten.

Gerald Heidegger, ORF.at

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