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Spätfolgen einer Beinahe-Katastrophe

Fast 47 Jahre nach dem schwersten Unfall mit US-Atomwaffen sind in Spanien noch immer nicht alle Schäden beseitigt: Die US-Regierung ließ damals zwar tonnenweise Erdreich abtragen und in die USA bringen, doch nach wie vor gibt es mit Plutonium kontaminierte Erde. Medienberichten zufolge soll es derzeit weitere Verhandlungen geben, damit die USA eine weitere Reinigungsaktion vornehmen.

Schon 2006 kam Washington mit Madrid grundsätzlich überein, verbliebene radioaktive Rückstände gemeinsam zu beseitigen, passiert ist seitdem aber wenig. Außenminister Jose Garcia-Margallo sagte nach einem Treffen mit US-Außenministerin Hillary Clinton, sie habe ihm versprochen, dass das Problem gelöst werde, solange sie noch im Amt sei. Das US-Außenamt wollte das so zwar nicht bestätigen, erklärte aber, man führe ernsthafte Gespräche.

Kollision in der Luft

Bei dem Dorf Palomares in der Provinz Almeria war am 17. Jänner 1966 ein B-52-Bomber der US-Luftwaffe mit vier nicht scharf gemachten Atombomben abgestürzt. Die Maschine war beim Auftanken in der Luft mit einem Tankflugzeug zusammengestoßen. Drei der vier Atombomben an Bord prallten auf die Erde. Sie explodierten nicht, aber zwei Bomben platzten auf und kontaminierten 220 Hektar Felder mit radioaktivem Plutonium.

Von den 1.500 Bewohnern von Palomares wurde bei dem Unglück niemand verletzt. Die vier Besatzungsmitglieder des Tankflugzeugs sowie drei der B-52 kamen ums Leben. Vier weitere Besatzungsmitglieder des Bombers brachten sich mit Fallschirmen in Sicherheit.

Riesige Suche nach den Bomben

Innerhalb kürzester Zeit schickte die US-Armee 700 Soldaten und Wissenschaftler, um die Bomben zu finden und das verstrahlte Erdreich abzutragen. „Sie hatten einen Plan“, sagte Barbara Moran, Autorin des Buchs „The Day We Lost the H-Bomb“ gegenüber der BBC.

Archivfoto: Fässer gefüllt mit radioaktiv verseuchten Boden am Strand von Palomares

AP

Die verstrahlte Erde wurde nach Aiken in South Carolina gebracht

„Allerdings sah der so aus, dass der Fall auf einem netten flachen Stück Erde in den USA eintritt und nicht in einem fremden Land, in dem niemand Englisch spricht und wo überall Bauern mit ihren Ziegen herumwandern.“ Dennoch: Nach 24 Stunden waren drei der Atombomben gefunden. In Tausenden 250-Liter-Fässern wurde die verstrahlte Erde in die USA gebracht.

Wie in James-Bond-Film

Nur einen Monat vor dem Unglück erschien der James-Bond-Streifen „Feuerball“ - mit etlichen Parallelen zu Spanien. Bonds Auftrag war, Atombomben zu finden, die auf dem Meeresgrund versteckt waren.

80-tägige Suche im Meer

Das größere Problem war aber die Suche nach der vierten Bombe im Meer. Mit mehreren U-Booten wurde das Gebiet durchkämmt - und das nicht nur ob der Gefährlichkeit der Bombe: In der angespannten Situation des Kalten Krieges waren offenbar auch russische Einheiten in der Gegend, die nach dem Sprengkörper suchten. Nach 80 Tagen wurde die Bombe gefunden - allerdings erst nach Hinweisen eines einheimischen Fischers, der den Absturz gesehen hatte und die Stellen den US-Militär zeigen konnte. Zehn Millionen Dollar kostete die Aktion.

Archivfoto: Die vierte, aus dem Mittelmeer geborgene Atombombe

AP

Erst im April 1966 fand man die Bombe

Danach hieß es, sämtliche Spuren seien beseitigt: Um der Bevölkerung von Palomeras die Angst vor einer radioaktiven Verstrahlung zu nehmen, badeten der damalige spanische Tourismusminister Manuel Fraga Iribarne und der US-Botschafter Biddle Duke wenige Monate nach dem Unglück am Strand der Ortschaft im Meer: „Wenn das Radioaktivität ist, liebe ich sie“, sagte Duke zu Reportern.

Minister noch lange aktiv

Der heuer verstorbene Manuel Fraga war auch nach der Franco-Ära einer der wichtigsten Politiker des Landes. Er stürzte erst im Jahr 2002 ironischerweise über einen Umweltskandal: Er unterschätzte das Unglück des Öltankers „Prestige“ vor der galicischen Küste: Statt dort zu sein, unternahm er einen Jagdausflug.

Verstrahltes Sperrgebiet

Spanien und die USA vereinbarten regelmäßige Gesundheitschecks für die Bevölkerung. Offiziellen Angaben zufolge nahm niemand aus der Bevölkerung über die Jahre Schaden. Umweltschützer bezweifeln diese Daten. Schließlich ist noch heute eine größere Fläche abgeriegelt und quasi Sperrgebiet.

Carlos Sancho vom spanischen Energieministerium schätzt, dass sich noch rund ein halbes Kilogramm Plutonium im Erdreich befindet. Genau könne man das aber nicht sagen, weil die USA nie angaben, wie viel von dem radioaktiven Material verloren wurde. Sieben bis elf Kilo schätzen Experten. Man habe beschlossen, das Gebiet einfach ruhen zu lassen. Solange das Plutonium dort liegt, gebe es kein Problem.

Weitere Funde

2008 wurden zwei weitere Gruben mit verstrahltem Erdreich entdeckt. Sie waren offenbar nach dem Unglück von den US-Militärs kurz vor deren Abzug ausgehoben worden, um dort radioaktive Materialien zu vergraben. Erst der Bauboom seit Ende der 90er Jahre habe dazu geführt, dass neue Bodenanalysen vorgenommen worden seien, meldeten spanische Medien.

In Palomares selbst ist man über Berichte zu dem alten Vorfall jedes Mal unglücklich. Zu einer Touristenmetropole wie einige umliegende Orte hat man es mit der kontaminierten Erde ohnehin nicht gebracht - und jeder Artikel heute würde wieder mehr Touristen fernhalten, so die Befürchtung.

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