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„Mit Essen spielt man nicht“

Für die einen sind sie nüchtern „Soft Commoditys“, für die anderen Essen, mit dem man nicht „spielt“: Lebensmittel wie Mais, Weizen und Co. - wobei „spielen“ in diesem Zusammenhang den Handel mit Finanzprodukten auf Basis von Agrarrohstoffen bedeutet. Die „Wetten“ stehen im Verdacht, die realen Lebensmittelpreise hochzutreiben.

Die Frage, wie das vonstattengeht und wie groß der Einfluss ist, blieb auch bei einem Expertengespräch des Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG) am Montagabend in Wien offen bzw. gingen die Meinungen dazu erwartungsgemäß weit auseinander.

Für Nichtregierungsorganisationen wie den World Wildlife Fund for Nature (WFF) ist klar, dass der Rohstoffmarkt in eine Schieflage geraten ist. Diese bestehe, wie Armand Colard von WWF Österreich ausführte, schon im Verhältnis zwischen „realem Handel“ von Produzenten und Abnehmern und rein spekulativ agierenden Investoren. Zwischen 1998 und 2011 habe sich das Verhältnis von 1:3 „umgedreht“ und parallel dazu das Volumen der gehandelten Termingeschäfte von neun auf 99 Mrd. Dollar mehr als verzehnfacht.

WWF: Zynisches Motto mit drastischen Folgen

Insbesondere nach dem Platzen der US-Immobilienblase nach 2007 hätten Spekulanten ihre Geschäfte auf die Rohstoffmärkte verlegt - gemäß dem Motto „Essen muss man immer“ als Garant für Gewinne. Für Colard ist das nicht nur ethisch untragbar - er sieht reale und drastische Folgen: „Ein Prozent Preissteigerung bedeutet jedenfalls millionenfaches Elend und Hunger“, insbesondere in der „Dritten Welt“, wo die Menschen bis zu 80 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen.

Hedgefonds: Hat nicht mit realen Preisen zu tun

Eine gänzlich andere Sicht der Dinge vertrat Gernot Heitzinger, Hedgefondsmanager und Geschäftsführer bei SMN Investment Services in Wien. „Es ist unerheblich, ob man es macht oder nicht“, sagte er mit Blick auf den Derivatehandel. SMN würde ständig hinterfragen, ob man damit Schaden anrichte - und könne die Frage klar verneinen. „Ich bin mir sowas von sicher, dass Terminhandel mit aktuellen Preisen nichts zu tun hat.“

Ursachen für Preisausschläge seien wohl eher die Subventionspolitik in der Landwirtschaft und etwa das „Gelddrucken“ (die Erhöhung der Geldmenge) durch die Europäische Zentralbank (EZB). „Dass das irgendwann zu steigenden Rohstoffpreisen führen wird, ist, glaube ich, klar.“ Generell beschreibt Heitzinger das Futures-Geschäft als ein Nullsummenspiel zweier Akteure, einem Gewinner und einem Verlierer. „Tendenziell zahlen sich die Spekulanten das selber auf den Rohstoffmärkten und beeinflussen in keiner Weise den Basispreis.“ Stattdessen würde das Gleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern, „Long“- und „Short“-Positionen, Preise stabil halten.

Zweifel an rein fundamentalen Ursachen

Reinhard Friesenbichler, Unternehmensberater (RFU) und Experte für Nachhaltiges Investment, vermisst in der Diskussion „nach wie vor“ schlüssige Belege dafür, ob und welchen Einfluss Termingeschäfte auf reale Preise haben. Wenn der Anteil spekulativ orientierter Investoren überhandnimmt, dann glaube er allerdings, dass das sehr wohl Folgen hat. „Ich würde behaupten, das bleibt nicht effektlos, das traue ich mich zu sagen.“ In einem „derartig komplexen System wesentliche Variablen derart stark zu verändern bleibt mit ziemlicher Sicherheit nicht effektlos“.

Auch Heinz Behacker, Vorstand der VBV Vorsorgekasse, hegte einen Verdacht in diese Richtung. Dass etwa extreme Preisschwankungen, wie sie zuletzt bei Mais aufgetreten waren, rein fundamentale Gründe hätten, „das bezweifeln wir einfach, da muss es andere Kräfte geben“, so Behacker unter Verweis auf den „Papierhandel“ (ohne realen Austausch, Anm.). Die Future-Preise beeinflussten - wenn auch nur indirekt - die realen Preise, zeigte sich Behacker überzeugt.

„Der Spekulant“ und der „Herdentrieb“

Eine zentrale Frage in der Debatte ist allerdings nicht nur das Wie, sondern auch das Wer. Wer ist „der Spekulant“, dem die Schuld an der Krise gegeben wird und den die Politik bremsen will? Das gängige Bild sei sicher nicht mehr zeitgemäß, sagte Friesenbichler und ortete auch eine gewisse Ironie in der kollektiven Empörung über Börse und Kapitalmarkt, wenn Menschen gleichzeitig - und oft ohne es zu wissen - Teil des Systems, und wenn nur als Kunden von Fonds und Vorsorgekassen, sind. „Alle sind Teil dieses Systems.“

Das Risiko sieht der Unternehmensberater weniger beim „Typus Spekulant“, wie immer der aussehe, sondern eher beim „unbewussten Investor“. Das seien all jene, die wegen Ertragszielen und Anlagepolitik „wo mitmüssen“, und das auch wider besseres Wissen. Das hätten Spekulationsblasen gezeigt. Oft sei Managern klar, dass das Spiel so ewig nicht weitergehen könne. „Dieser mechanisierte Herdentrieb, den halte ich für eine große Gefahr.“

Auch Heitzinger sieht eine „Form des Herdentriebs“. Blasen werde es immer geben, wenn viel Geld in Umlauf ist. „Es ist nicht ‚der Spekulant‘, es ist die Summe dessen, was viele - vom Immobilienkauf bis zum Kredit - Individuen tun.“ Das wiederum in Summe hochgerechnet sei „große Spekulation“, so Heitzinger. „Das Bild von dem, der weiß, was die Märkte morgen machen, und daraus den großen Profit schlägt, da gibt es ganz wenige. Ich behaupte, so was gibt es eigentlich nicht.“

Im Zweifelsfall auf Eis gelegt

Trotzdem: Für den WWF-Ökonomen Colard reicht „nur der Funke eines Verdachts“, um notwendige Konsequenzen zu ziehen: „Es braucht Spielregeln, die funktionieren, und es braucht Transparenz auf dem Finanzmarkt.“ Bei der VBV fühlt man sich gemäß diesem Motto „sehr wohl damit“, Agrarrohstoffe aus der Veranlagung ausgeschlossen zu haben, wie Behacker sagte. „Wir wollen mit unseren Investments keine Aktivitäten setzen, die irgendwo auf der Welt Nachteile mit sich bringen.“ Tatsächlich haben bereits mehrere Banken - in Deutschland und auch in Österreich - einen derartigen Schritt gesetzt.

Friesenbichler „gefällt“, wie er sagte, in diesem Zusammenhang die Entscheidung der Deutschen Bank, das Geschäftsfeld „Soft Commoditys“ vorerst auf Eis zu legen, „bis wir für uns diese Thematik ökonomisch wie auch ethisch letztlich durchdrungen haben. Das halte ich für den adäquaten Umgang damit. Ich will’s zuerst einmal verstehen, und so lange mache ich jetzt einfach nichts.“

Spiel mit Essen oder „Memory“?

Für Colard ist es grundsätzlich falsch, „mit Essen zu spielen“, das Thema lasse sich nicht schönreden. Er stellt abseits des ethischen Aspekts auch den Nutzen an sich infrage. „Es gehe letztlich nur darum, noch reicher zu werden, wo es uns eh so gutgeht.“ Er finde auch, dass man mit Essen nicht spielen solle, sagte Heitzinger. „Ich behaupte aber, wir spielen so eine Art Memory, wo Essen drauf abgebildet ist. Futures-Märkte haben mit der Realität relativ wenig zu tun.“

Georg Krammer, ORF.at

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