Themenüberblick

Nachbau in Detailtreue

Sehr zum Missfallen des Pentagons werden immer mehr Details zu Vorbereitung und Durchführung der Erstürmung von Osama Bin Ladens Versteck in Pakistan bekannt. Nachdem ein beteiligter Soldat über den Einsatz berichtet hatte, tauchten nun Aufnahmen von Bin Ladens Haus auf - eins zu eins zu Trainingszwecken in den USA nachgebaut.

Die Aufnahmen stammen von Microsofts Satellitenkartendienst Bing und waren zuletzt noch online, wie die britische Zeitung „Daily Mail“ online unter Berufung auf die Aufdeckerseite Cryptome.org berichtete. Das Gebäude wurde mittlerweile abgerissen - genau wie sein Vorbild in Pakistan. Überraschend ist die Detailtreue des Nachbaus. Sämtliche Mauern und Abstellkammern wurden nachgebaut, wenn auch offenbar nicht gänzlich im richtigen Maßstab. Ein kleineres Modell, das im Pentagon nachgebaut wurde, ist akkurater - offenbar waren zu diesem Zeitpunkt bereits mehr Informationen erhältlich.

Auf die Bing-Suche machten sich die Verfasser des Cryptome.org-Artikels nach Lektüre des Buches „No Easy Day“, geschrieben von Navy SEAL Matt Bissonnette unter dem Pseudonym Mark Owen. US-Verteidigungsminister Leon Panetta hatte erst Ende September das Buch scharf kritisiert. „Wie zur Hölle können wir heikle Operationen gegen Feinde durchführen, wenn Leute das machen dürfen?“, sagte er dem TV-Sender CBS.

Modell vom Haus Bin Ladens

AP/National Geospatial-Intelligence Agency

CIA-Modell von Bin Ladens Anwesen

Details enthüllt

Derartige Enthüllungen über Militäraktionen könnten Soldaten sowie künftige Operationen gefährden, fügte er hinzu. Panetta äußerte sich allerdings nicht zu möglichen Sanktionen gegen den Soldaten. Es waren die ersten offiziellen Äußerungen Panettas zu „No Easy Day“. Darin liefert ein Kommandant der Spezialtruppe Navy SEALs seine Version über die Operation zur Tötung von Terrorchef Bin Laden im Mai vergangenen Jahres in Pakistan.

Der Autor schreibt, die Elitetruppe Navy SEALs habe Bin Laden gleich zu Beginn der Erstürmung seines Verstecks in Pakistan in den Kopf geschossen. Nach bisheriger Darstellung der US-Regierung war Bin Laden bei der Stürmung seines Verstecks kurz im Gang erschienen und zurück in sein Schlafzimmer geflüchtet, so dass die Mitglieder des US-Kommandos fürchteten, er wolle eine Waffe holen. Erst daraufhin hätten sie entschieden, den Anführer des internationalen Terrornetzwerkes zu töten. Die Navy SEALs hatten das Haus in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad am 2. Mai 2011 gestürmt.

Die Version des Navy-SEAL-Kommandanten

Im Buch, dem ersten veröffentlichten Augenzeugenbericht von dem Einsatz, beschreibt der Autor die Szene anders: Bin Laden habe aus seiner Zimmertür im Obergeschoß seines Hauses herausgeschaut, daraufhin seien Schüsse gefallen. Als die SEALs das Zimmer stürmten, sei Bin Laden sterbend und zuckend am Boden gelegen. Zwei Frauen hätten sich weinend über den Al-Kaida-Chef gebeugt, seien aber von den US-Soldaten weggestoßen worden, die anschließend weitere Schüsse auf Bin Laden abgegeben hätten. „Wir feuerten mehrere Schüsse“, heißt es in dem Buch. „Die Kugeln zerrissen ihn und hämmerten seinen Körper auf den Boden, bis er reglos war.“

Die US-Regierung hatte zudem betont, die Leiche Bin Ladens sei würdig behandelt und nach muslimischem Ritus im Meer bestattet worden. Dem Buch des Augenzeugen zufolge saß während des Hubschrauberfluges aus Pakistan jedoch ein Mitglied der SEAL-Truppe auf dem Brustkorb des Toten, weil es an Bord nicht genug Platz gab.

Hubschrauber war überfüllt

Ein US-Regierungsbeamter sagte der französischen Nachrichtenagentur AFP, selbst wenn die Schilderung des Augenzeugen stimmen sollte, handle es sich nicht um ein Zeichen mangelnden Respekts. Vielmehr habe das Spezialkommando bei der Landung in Bin Ladens Versteck einen Helikopter durch einen Unfall verloren. Daher sei der einzige verbleibende Hubschrauber überfüllt gewesen.

Bei Hubschrauberflügen nach anderen Einsätzen in der Vergangenheit hätten US-Elitesoldaten auf den Leichen ihrer eigenen gefallenen Kameraden sitzen müssen, sagte der Regierungsbeamte.

Pentagon „not amused“

„Ich (...) warne Sie wegen der erheblichen Verletzung ihrer Vereinbarungen und informiere Sie darüber, dass das Ministerium erwägt, gegen Sie vorzugehen“, drohte Pentagon-Anwalt Jeh Johnson nach Medienberichten dem Autor des Enthüllungsbuchs. Mit seinem Werk hat der ehemalige Soldat der Elitetruppe Navy SEALs offenbar das Pentagon wie auch das Weiße Haus kalt erwischt.

Bereits wenige Tage nach der Ankündigung des Buchs hatte der TV-Sender Fox News den Schreiber entlarvt: als den 36-jährigen, aus Alaska stammenden Matt Bissonnette. Er ließ sich inzwischen sogar von anderen Sendern interviewen. Das Pentagon lief Sturm. Bissonnettes Kameraden auch. „Wenn jemand Geheimnisse verrät und derart über Heldentaten redet, können schnell Verbindungen gezogen und unsere Sicherheit gefährdet werden“, warnte Ex-Navy-SEAL John McGuire im TV-Sender CNN.

Anwalt verteidigt Bissonette

Im Pentagon war es stets oberste Devise, die Identität der Navy SEALs des legendären Teams 6 geheim zu halten. Die Soldaten hätten eine Geheimhaltungserklärung unterschrieben, hieß es. Der Ex-SEAL habe „sich das Recht verdient, seine Geschichte zu erzählen“, schrieb hingegen sein renommierter Anwalt Robert Luskin nach Medieninformationen an das Pentagon. Bissonnette habe sich vor dem Vertrag mit dem Verlag über seine Rechte informiert und das Buch sorgfältig auf Details überprüft, die seine Kameraden in Gefahr bringen könnten.

Links: