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Ein Buchmarkt zum Entdecken

Der Buchmarkt in Neuseeland ist überschaubar - ebenso wie die Zahl der potenziellen Leser. Nur zwei einheimische Autoren haben es geschafft, in ihrer Heimat mehr als 50.000 Bücher zu verkaufen. Nun werden durch die Frankfurter Buchmesse einige Autoren deutschsprachigen Lesern nähergebracht.

Die Verlagsindustrie in Neuseeland sei wie ein Wasserfall, sagt Kevin Chapman, Präsident des neuseeländischen Verlegerverbandes: „Oben sind die Briten und Amerikaner, und wir Neuseeländer sind ein bisschen wie der Lachs, der gegen den Strom nach oben will.“ Schriftsteller aus Neuseeland haben es nicht leicht. Selbst in Australien sei es schwierig, in den Vertrieb zu kommen, sagt Chapman, ganz zu schweigen von den USA und Großbritannien. Der heimische Markt ist winzig: Neuseeland hat nur 4,4 Millionen Einwohner. Im ganzen Land gibt es nur rund 2.000 echte Buchläden. Trotzdem: „Die Szene ist lebendig“, sagt Chapman.

Viele Autoren verlegen sich selbst. Das ist zwar nur selten lukrativ, aber oft der einzige Weg. „Enthusiasmus: riesig, Ertrag: dürftiger“, beschreibt Robyn Bargh die Szene. Ihr Verlag Huia Publishers veröffentlicht Werke von Ureinwohnern, den Maoris, und Autoren der Pazifikinseln. Bargh startet bei Auflagen von 1.500 bis 3.000 Exemplaren, braucht aber 8.000, um in die Gewinnzone zu kommen.

„Whale Rider“ und „Die letzte Kriegerin“

Der Buchhändlerverband Booksellers prämiert die erfolgreichsten Bücher aller Zeiten mit einem Platinsiegel. Das schafft ein Roman schon bei 50.000 verkauften Exemplaren. Aber auch das ist bisher nur vier Büchern gelungen, je zwei von Witi Ihimaera und Alan Duff. Beide kennt man hierzulande am ehesten aus dem Kino, sie schrieben die Vorlagen für „Whale Rider“ und „Die letzte Kriegerin“.

Sachbücher erreichen höhere Verkaufszahlen. Viele Kochbücher sind darunter und ein Band über Drehorte der „Herr der Ringe“-Filme. Neuseeland habe eine lange Tradition in mündlicher Überlieferung, aber keine große literarische Tradition, berichtet Chapman. Das erste Buch sei in Neuseeland 1830 veröffentlicht worden, der erste Roman vor 150 Jahren. „Wir sind ein junges Land - das ist unsere Stärke.“

Vermeintliches Land der Leseratten

Im 20. Jahrhundert hatte Neuseeland lange den Ruf, ein Land der Leseratten zu sein, ähnlich wie Island, sagt Chapman. „Es gab jede Menge Witze über die langen dunklen Winterabende und die Isolation, in der viele leben.“ Seit der Verband Leserzahlen erhebt, ist klar, „dass wir allenfalls im Mittelfeld liegen“.

Trotz Hunderter Kleinverleger haben die Großen das Sagen: „Rund 20 heimische und ausländische Verlage machen aber 80 Prozent der Buchproduktion aus“, sagt Chapman. Im Jahr sind das rund 2.000 Bücher. Einer der kommerziell erfolgreichsten Schriftsteller der letzten Jahre ist der Thrillerautor Paul Cleave. Seine Schocker haben hierzulande eine viel größere Fangemeinde als zu Hause.

Die Hoffnungen für die Buchmesse

66 neu ins Deutsche übersetzte Bücher hatten die Organisatoren des Buchmessen-Auftritts versprochen - in den vergangenen Jahren waren es meist so um die zehn. Chapman erhofft sich 2012 in Deutschland „eine Verkaufssteigerung von etwa 600 Prozent“.

Ohne Koch- und Reisebücher, Fotobände und Wiederauflagen alter Werke schrumpft die Liste schnell zusammen. Und nicht überall, wo in den Buchhandlungen Neuseeland draufsteht, ist auch Neuseeland drin. Einige Autoren - wie Anthony McCarten - sind zwar dort geboren, leben aber im Ausland. Andere - wie Linda Olsson - stammen eigentlich aus anderen Ländern.

Neuseeländisch - aber ohne Neuseeland-Bezug

Bei vielen Büchern spielt das Heimatland ihrer Autoren in den Texten überhaupt keine Rolle. „Die Frau im blauen Mantel“ von Lloyd Jones (Rowohlt) thematisiert das Schicksal von Bootsflüchtlingen und das Leid von Illegalen; „Der Dirigent“ (Aufbau) von Sarah Quigley handelt von Dimitri Schostakowitsch und spielt 1941 in Leningrad.

Den großen Belletristikverlagen waren, wie es scheint, die schriftstellerischen Qualitäten wichtiger als die Bezüge zu Neuseeland. Wer nach Maori-Häuptlingen und Kolonialkonflikten sucht, findet sie eher bei kleineren Verlagen. Der Berliner MANA Verlag verlegt seit zehn Jahren Bücher aus und über Neuseeland, Australien und der Südsee.

Altbewährtes und neue Stimmen

Neu im Programm: „Der junge William Fox“ von Peter Walker, die wahre Geschichte eines Eingeborenenkindes, das von Briten entführt, getauft, in einen Anzug gesteckt und vom Premierminister adoptiert wird. Oder „Rangatira“ von Paula Morris (Walde+Graf) über Maori-Anführer, die 1863 mit dem Schiff nach England reisen, um sich wie Zootiere ausstellen zu lassen und der Queen die Hand zu schütteln.

Es lohnt sich vielleicht doch, nach den großen Autoren Neuseelands zu suchen. Vor allem zwei Autorinnen sind für eine - erneute - Lektüre zu empfehlen: Janet Frame (1924 bis 2004) und Keri Hulme (geboren 1947). Hulme wurde für „Unter dem Tagmond“ mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Frames schweres Schicksal kennen manche aus der Verfilmung ihrer Autobiografie „Ein Engel an meiner Tafel“. Beide Romane stehen in thematischer Wucht und sprachlichem Wagemut der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison nicht nach.

Schwedischer Bestseller aus Neuseeland

Dank des Übersetzungsförderprogramms der Buchmesse gibt es erstmals auch einen Roman von David Ballantyne (1924 bis 1986) auf Deutsch. Das Buch mit dem größten Bestsellerpotenzial hat ausgerechnet eine Schwedin vorgelegt: „Die Fremde am Meer“ von Linda Olsson war in ihrer Wahlheimat ein Bestseller und dürfte sich auch hierzulande gut verkaufen.

Nicht vergessen darf man natürlich die Krimis, die ja oft die höchsten Auflagen erzielen. Von den Neuseeländern sind Paddy Richardson („Komm, spiel mit mir“) und Paul Cleave („Das Haus des Todes“) am bekanntesten. Zum Reinschnuppern in die Belletristik eignet sich vielleicht am besten das handliche Fischer-Taschenbuch „Neuseeland erzählt. Vom anderen Ende der Welt“.

Simon Hadler, ORF.at

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