Themenüberblick

Historisches, Thrill und Politik

Neuseeland ist der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2012. Fast alle Verlage haben in diesem Herbst mindestens ein Buch vom anderen Ende der Welt im Programm. Die deutsche Nachrichtenagentur dpa hat Kurzkritiken der wichtigsten Neuerscheinungen zusammengestellt.

Karen Nölle hat „Wenn Eulen schrein“, den 1961 erstmals auf Deutsch erschienenen Roman von Janet Frame, neu übersetzt. Ein frühes Meisterwerk der 2004 gestorbenen Autorin, die aufgrund einer Fehldiagnose jahrelang in einer Nervenheilanstalt eingesperrt war. Ihr Bruder litt an Epilepsie, andere Geschwister starben bei tragischen Unglücken. Ähnliche Schicksalsschläge prägen die Figuren in diesem Buch. Große Literatur, oft näher an Lyrik als an Prosa.

Janet Frame: Wenn Eulen schrein. C. H. Beck, Mai 2012, 287 Seiten, 20,60 Euro.

Ein Spiel mit Perspektiven

Der Neuseeländer Lloyd Jones erzählt in „Die Frau im blauen Mantel“ von einer „Illegalen“, die aus Afrika nach Berlin flieht, um ihr entführtes Kind zu finden. Ihr Schicksal wird reflektiert in den Ich-Erzählungen der Menschen, denen sie begegnet, die sie verfolgen, ihr helfen oder aus ihrer Situation Profit schlagen. Je nach Perspektive ist sie Hure, Diebin oder Mörderin - oder Verzweifelte, tapfer Kämpfende, Opfer. Ein gutes Buch.

Lloyd Jones: Die Frau im blauen Mantel. Rowohlt, August 2012, 320 Seiten, 20,60 Euro.

Britischer Humor

In „Superhero“ erzählte der in Neuseeland geborene Autor Anthony McCarten von einem krebskranken Buben. Nun berichtet er in „Ganz normale Helden“, wie es nach dessen Tod mit dem Rest der Familie weitergeht. Der Bruder zieht aus - ins Internet. Er wird Superstar in einem Onlinevideospiel. Wenn die Eltern etwas von ihm wollen, müssen sie ihn dort suchen; eine Lektüre ohne großen Tiefgang, aber mit viel britischem Humor.

Anthony McCarten: Ganz normale Helden. Diogenes, September 2012, 453 Seiten, 23,60 Euro.

Familiendrama um die Liebe

Emily Perkins verfolgt in „Die Forrests“ die Lebensgeschichte von vier Geschwistern, die mit ihren Eltern aus New York nach Neuseeland umziehen müssen. Dort treffen sie auf Daniel - quasi fünftes Kind der Familie und Objekt der Begierde zweier Schwestern. Beide Mädchen werden seine Geliebte, sein Verschwinden reißt ein Loch in beider Leben.

Emily Perkins: Die Forrests. Bloomsbury, September 2012, 400 Seiten, 19,99 Euro.

Dick aufgetragen, aber packend

Wie die Autorin Lina Olsson stammt auch die Hauptfigur in „Die Fremde am Meer“ aus Schweden und hat in Neuseeland eine neue Heimat gefunden. Nach Jahren selbstgewählter Einsamkeit holt ein kleiner Bub sie zurück ins Leben. Sein Schicksal ist Anlass für Rückblenden in ihre eigene Kindheit - bis hin zu dem Schicksalsschlag, der sie an die Küste Neuseelands spülte; ein bisschen dick aufgetragen, aber packend.

Linda Olsson: Die Fremde am Meer. btb, September 2012, 256 Seiten, 10,30 Euro.

Historischer Roman aus Maori-Perspektive

Laut Verlag ist die Autorin Paula Morris die Ur-Ur-Großtochter des Maori-Häuptlings, dessen Leben sie in „Rangatira“ nacherzählt. Der Rangatira (Maori-Bezeichnung für einen „Anführer“) sitzt als alter Mann einem Maler Modell und erzählt ihm, wie er 1836 mit dem Schiff nach England reiste, um die Queen zu treffen. „Clash of Cultures“ im Gewand eines Historienromans.

Paula Morris: Rangatira. Walde+Graf, September 2012, 304 Seiten, 23,60 Euro.

Rechercheprotokoll statt Roman

„Der junge William Fox“: gute (wahre) Geschichte, niedergeschrieben von Peter Walker, leider verschenkt: Im Krieg zwischen Engländern und Maori entgeht ein Junge dem Massaker und wird verschleppt. Er wird getauft, in einen Anzug gesteckt, in die Schule geschickt und vom Premierminister adoptiert. Er wird der erste eingeborene Rechtsanwalt Neuseelands - und ein einsamer Mann. Eher ein Rechercheprotokoll als ein Roman.

Peter Walker: Der junge William Fox. MANA, 464 Seiten, 19,95 Euro.

„Neuseeländischer Berlin-Roman“

„Jedem das Seine“ - Untertitel: „Ein neuseeländischer Berlin-Roman“. Der Autor Philip Temple wurde in England geboren und kam als Jugendlicher nach Neuseeland. Von dort aus lässt er im Jahr des Mauerfalls einen Historiker nach Berlin reisen - offiziell, um über deutsche Entdecker in Neuseeland zu forschen, eigentlich, um etwas über seinen im Zweiten Weltkrieg in Berlin gefallenen Vater zu erfahren.

Philip Temple: Jedem das Seine. MANA, September 2012, 304 Seiten, 18,50 Euro.

Rugby, Sex & Crime

Alix Boscos „Cut & Run“ ist ein Thriller mit mehr Tempo als Tiefgang. Ein Rugbystar wird erschossen - beim Sex mit einer Klatschspaltenberühmtheit. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, doch die Ermittlerin glaubt ihm sein Geständnis nicht. Die Geschichte wird aus weiblicher Perspektive erzählt, doch der Autor ist ein Mann. Der heißt in Wahrheit Greg McGee und hat sich kürzlich zu seinem weiblichen Pseudonym bekannt.

Alix Bosco: Cut & Run. Ars Vivendi, Juli 2012, 368 Seiten, 19,50 Euro.

Schostakowitschs Drama

Der Roman „Der Dirigent“ der in Berlin lebenden Neuseeländerin Sarah Quigley spielt 1941 im belagerten Leningrad. Es herrschen Hunger, Kälte, Todesangst und Verzweiflung. Tagsüber hebt der Komponist Dimitri Schostakowitsch Schützengräben aus, nachts schreibt er an seiner siebten Symphonie. Bei der Uraufführung brechen die geschwächten Musiker auf der Bühne zusammen. Ein Muss für jeden Musikliebhaber. Die Symphonie liegt als CD bei.

Sarah Quigley: Der Dirigent. Aufbau, August 2012, 298 Seiten, 23,70 Euro.

Mysteriöse Todesfälle am Rande der Welt

David Ballantynes „Sydney Bridge Upside Down“ entführt in einen Sommer am Rande der Welt: fünf Häuser, die einsturzgefährdete Ruine einer Fleischfabrik, ein stillgelegter Hafen, ein Einsiedler mit einem Pferd namens Sydney Bridge Upside Down, eine begehrenswerte Cousine aus der Stadt und mysteriöse Todesfälle: Ein Buch aus den 1960er Jahren, das nun erstmals auf Deutsch erscheint, eine Mischung aus „Huckleberry Finn“ und Coming-of-Age-Roman. Hinreißend lakonisch.

David Ballantyne: Sydney Bridge Upside Down. Hoffmann und Campe, 333 Seiten, 20,60 Euro.

Krimi-Hausmannskost von der Insel

Ein Kind verschwindet in Paddy Richardsons „Komm, spiel mit mir“ am Strand Neuseelands, die Leiche wird nie gefunden. Die traumatisierte große Schwester arbeitet später als Therapeutin und behandelt eine Frau, die ihre kleine Schwester unter ganz ähnlichen Umständen verlor. Stephanie ist sicher, dass die beiden Mädchen nicht ertrunken sind und sucht den Mörder. Ein weiterer Richardson-Roman („Der Frauenfänger“) erschien im März; Krimi-Hausmannskost.

Paddy Richardson: Komm, spiel mit mir. Droemer, September 2012, 432 Seiten, 20,60 Euro.

Der Todesautor schlägt zu

„Der siebte Tod“, „Die Stunde des Todes“, „Die Toten schweigen nicht“, „Der Tod in mir“, „Die Totensammler“ - wenn Paul Cleave zuschlägt, fließt Blut in Strömen. „Der nächste Stephen King“ (NDR) hat nun einen Roman geschrieben, der auf einem Schlachthof spielt - also ist in „Das Haus des Todes“ ganz besonders viel Blut garantiert.

Paul Cleave: Das Haus des Todes. Heyne, Oktober 2012, 576 Seiten, 10,30 Euro.

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