Themenüberblick

„Wo sollte ich sonst überleben?“

Janet Frame lebte ein Leben der Extreme: aufgewachsen in bitterer Armut, gequält von einer psychischen Krankheit und noch mehr von den Heilungsversuchen der damaligen Psychiatrie - und gestorben als vielfach preisgekrönte Anwärterin auf den Literaturnobelpreis. Das Werk der neuseeländischen Autorin ist getränkt von ihrer Autobiografie und dabei nicht weniger intensiv als ihr Leben.

Das Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse ist heuer Neuseeland - ein sonniger Inselstaat, doch ein dunkler Kontinent ganz für sich alleine in literarischer Hinsicht. Vieles gilt es neu zu entdecken - im Fall von Janet Frame, die 2004 im Alter von 79 Jahren verstorben war, muss man jedoch von einer erneuten Wiederentdeckung sprechen. Die Neuübersetzung ihres ersten veröffentlichten Romans „Wenn Eulen schrein“ lädt dazu ein.

Buchhinweise:

Buchcover "Wenn Eulen schrein" von Janet Frame

C.H. BECK

Janet Frame: Wenn Eulen schrein. C. H. Beck, 286 Seiten, 20,60 Euro.

Buchcover "Ein Engel an meiner Tafel" von Janet Frame

PIPER

Janet Frame: Ein Engel an meiner Tafel / Der Gesandte aus der Spiegelstadt. Die vollständige Autobiographie in einem Band. Piper, 581 Seiten, in dieser Version nur gebraucht erhältlich.

In ihrer Heimat war Frame bereits mit zahlreichen Preisen bedacht worden, einem internationalen Publikum wurde sie jedoch erst durch Jane Campions („Das Piano“) Verfilmung ihrer dreiteiligen Autobiografie unter dem Titel „Ein Engel an meiner Tafel“ aus dem Jahr 1990 bekannt. Sowohl in ihrer Autobiografie als auch in „Wenn Eulen schrein“ rang Frame vor allem mit der dramatischen Geschichte ihrer jungen Jahre.

Der Wunsch zu verschwinden

Frame wuchs in den 40er Jahren als Tochter eines Eisenbahnangestellten und eines Dienstmädchens in Armut auf. Ihre älteren Schwestern starben beide unabhängig voneinander bei Unfällen durch Ertrinken, ihr jüngerer Bruder litt unter Epilepsie, ihre jüngere Schwester entwickelte sich zu einem Snob und verachtete die restliche Familie. Der Vater war gewalttätig - und die Mutter buk eifrig Kekschen. Frame litt unter Depressionen und Angstzuständen.

Zunächst hatte sie als Lehrerin zu arbeiten begonnen. Doch schon bald wurde Frame, als sie während einer Arbeitsinspektion einfach das Klassenzimmer verließ und verschwand sowie einen Suizidversuch verübte, in eine Psychiatrie eingewiesen. Die Diagnose einer Schizophrenie sollte sich später als falsch erweisen, ihr jedoch verdankte Frame jahrelange Qualen, eingesperrt in einem „Irrenhaus“ und zahllosen Elektroschocks ausgesetzt; sogar sämtliche Zähne wurden ihr gezogen.

Frame rettete sich ins Schreiben - und es war eine Rettung im Wortsinn. Denn die Verleihung eines nationalen Literaturpreises für eine Sammlung von Kurzgeschichten verhinderte in letzter Sekunde eine Lobotomie, die an ihr durchgeführt werden sollte, eine neurochirurgische Operation, bei der die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen sowie Teile der grauen Substanz im Gehirn durchtrennt werden - mit verheerenden Folgen für die Persönlichkeit.

Überleben - nur in der Literatur möglich

„Wenn ich nicht in der Welt des Bücherschreibens leben könnte, wo sollte ich sonst überleben“, hatte sie sich selbst einmal in einem Zeitungsinterview gefragt. Nach acht Jahren wurde sie schließlich 1954 aus der Psychiatrie entlassen. Mit Hilfe eines Stipendiums ging die Autorin 1957 nach Europa und unterzog sich in London einer Psychotherapie. Sieben ihrer elf Romane sollte sie später ihrem Therapeuten widmen. Nach dem Tode des Vaters kehrte Janet Frame 1963 nach Neuseeland zurück.

Musikhinweis:

Auf Ö1 war letzte Woche „Ex Libris“ Neuseeland gewidmet. Die Redakteure untermalten ihre Sendung mit Musik von Lawrence Arabia, einem Neuseeländer, der die Stimmung gerade auch der Romane von Janet Frame trefflich wiedergibt - eine Musikempfehlung zur Literatur.

Zuvor hatte sie den Schriftsteller Frank Sargeson kennengelernt, der an ihr Talent glaubte und ihr eine kleine Pension verschaffte. In dieser Zeit entstand der Roman „Owls do cry“ („Wenn Eulen schreien“), in dem sie am Beispiel der Geschichte einer Eisenbahnerfamilie die Probleme von Frauenleben im nachkolonialistischen Ländern schilderte.

Nur halbherzig verschleierte Frame die Identität ihrer Familie und siedelte diese in einem einsamen neuseeländischen Ort an. Der Roman reißt, gerade in der viel gelobten neuen Übersetzung durch Karen Nölle und Ruth Malchow, den Leser mit in seinen düsteren Strudel. Fantasien der Hauptfigur vermischen sich mit beinharter Realität, ab und an blitzt Satire durch in der Beschreibung der Figuren - vor allem jener der jüngsten Schwester.

Heiße Kandidatin für Nobelpreis

Frames Werk erwies sich als wirkungsmächtig und beschäftigte bis heute bereits Generationen feministischer und postkolonialer Literaturtheoretiker. Dass sie für den Nobelpreis als heiße Kandidatin gehandelt wurde, lag zunächst einem Versehen zugrunde: Ein Kritiker hatte 1998 einen Blick auf eine Liste erhascht, die Frame anführte - allerdings nur deshalb, weil die Namen der möglichen Gewinner dieses Jahres durch die Nobelpreiskommission alphabetisch angeordnet worden waren.

2003 wiederum prophezeite eine einflussreiche Literaturkritikerin der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ mit fälschlicher Sicherheit die Verleihung des Preises an Frame. Im Jahr darauf verstarb sie an Leukämie. Es ist nicht frei von Ironie, dass ausgerechnet Frame, die in ihrem Werk die postkoloniale Gesellschaft Neuseelands geißelte, nun ihr Land in Frankfurt nach außen vertritt. Aber schließlich wurden ihr in ihrer Heimat auch zu Lebzeiten bereits alle Ehrungen zuteil, die es zu verleihen gab: zu Recht - wie heute niemand anzweifelt.

Simon Hadler, ORF.at

Links: