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„Romney war so gut wie nie“

Bei der TV-Debatte zwischen dem demokratischen US-Präsidenten Barack Obama und seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney am Mittwochabend hat es einen klaren Gewinner gegeben. Das belegen Umfragen, und auch Kommentatoren und Politiker sehen es so: Wider Erwarten heißt er Romney.

Bemerkenswert ist, dass selbst Obamas treueste Unterstützer dem nicht widersprechen. „Romney war so gut wie nie“, sagte etwa der schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton nach dem Schlagabtausch zerknirscht. Er lässt sonst kein gutes Haar an dem Republikaner. Sharpton konnte seine Verwunderung darüber nicht verhehlen, wie kraftlos und defensiv Obama bei einem seiner wichtigsten Tests vor der Wahl am 6. November wirkte. Ständig schaute der Präsident nach unten. Sein Lächeln wirkte seltsam unsicher. Es waren nicht seine Antworten, die viele Zuschauer irritierten. Es war die müde Art, sie vorzutragen.

Ganz anders Romney: Von der ersten Minute an griff er Obama und dessen Bilanz in den vergangenen vier Jahren an. „Er erdrückt die Familien in der Mittelschicht“, sagte der Multimillionär und zählte seine Anklagepunkte auf wie ein Staatsanwalt. Gegen Romneys scharfe Formulierungen und klare Aussagen richtete Obama kaum etwas aus. „Starker Angriff, schwache Verteidigung“, titelte die „Chicago Tribune“ hinterher im Internet.

Mitt Romney und Barack Obama

Reuters/Jim Urquhart

Romney angriffslustig - Obama schaut auf den Boden

„Frischzellenkur“ für Republikaner

Die „New York Times“ schreibt in ihrer Analyse, dass Obama gewirkt habe, als würde er im Rosengarten hinter dem Weißen Haus vor Reportern referieren - und nicht gegen seinen Kontrahenten im Ring kämpfen. Romney habe vom Stil her gewonnen. Ähnlich die „Washington Post“: Nach einigen schwierigen Wochen habe Romney gewirkt, als habe er eine Frischzellenkur absolviert. Der Republikaner habe gut vorbereitet und aggressiv gewirkt - ganz im Gegensatz zum Präsidenten, der energielos erschienen sei.

Umfragen lassen keine Zweifel offen

So sehen es offenbar auch die Fernsehzuschauer - zwischen 40 und 60 Millionen Amerikaner könnten nach Vorabschätzungen das Duell verfolgt haben. Eine von CNN veröffentlichte Umfrage, die nach der Debatte durchgeführt wurde, spricht eine klare Sprache: 67 Prozent der Befragten sahen Romney als Gewinner des Abends, nur 25 Prozent Obama. Als stärkerer Anführer einer Nation habe sich Romney präsentiert, finden 58 Prozent, nur für 37 Prozent trifft das auf Obama zu. Selbst in Sachen sympathisches Auftreten lag Romney mit 46 zu 45 Prozent vor Obama.

Laut dem Sender CBS, der eine Umfrage mit unentschlossenen Wählern durchführte, sagten 46 Prozent, Romney habe die Debatte gewonnen. 22 meinten, Obama sei als Sieger von der Bühne gegangen. Der Rest spricht von einem Unentschieden. Vor allem aber meinte die Mehrheit, ihre Meinung über Romney habe sich verbessert. Selbst Obamas Sprecherin Jennifer Psaki meinte hinterher: „Romney hat Punkte im Stil gewonnen. Er war vorbereitet.“

„Romney rocked it“

Republikanische Politiker waren selbstredend auch dieser Meinung, allen voran Romneys Vizekandidat Paul Ryan: „Mitt Romney hat Amerika ganz klar die Alternativen aufgezeigt. Er ist der Mann des Augenblicks und wird uns zu einem wirklichen Aufschwung führen.“ Knackiger formulierte es Rick Santorum, der frühere republikanische Bewerber: „Romney rocked it!“ (Romney hat voll eingeschlagen.) Obamas Kontrahent bei der Wahl 2008, John McCain, sagte: „Wenn diese Debatte ein (Box-)Kampf gewesen wäre, hätte man sie abgebrochen.“

Nur Obamas engster Kreis wollte öffentlich keine Kritik üben. Die Aussage seiner Frau darf als Geschenk zum 20. Hochzeitstag gelten: „Ich könnte nicht stolzer auf meinen Ehemann sein als heute Abend.“ Vizepräsident Joseph Biden versuchte ebenfalls für Obama Stimmung zu machen: „Leute, ich hoffe, Ihr habt gesehen, was ich heute Abend gesehen habe: Präsident Obama ist die richtige Wahl, um uns voranzubringen.“ Al Gore, Demokrat und früherer US-Vizepräsident, übte Kritik an Romney: „Gouverneur Romney stellt seine Strategie nur theoretisch vor, aber es fehlt an sämtlichen Details.“

Obama allzu zahm

Details hatte Obama zahlreiche zu bieten. Aber er wirkte wohl auch deshalb so harmlos, weil er weitgehend auf persönliche Attacken gegen seinen Herausforderer verzichtete. Kein Wort über Romneys Vergangenheit als Finanzmanager, kein Verweis auf dessen schlimmen Patzer - etwa als Romney 47 Prozent der Amerikaner als Sozialschmarotzer charakterisierte. Stattdessen erinnerte Obama in seiner Abschlussbemerkung die Amerikaner noch einmal daran, schon vor vier Jahren gesagt zu haben, „dass ich kein perfekter Präsident sein werde“. Bei Romney klangen die Schlussworte so: „Ich bin beunruhigt über die Richtung, die Amerika in den vergangenen vier Jahren eingeschlagen hat.“

Sehr schnell hoben die US-Kommentatoren den Daumen für Romney. Da schien es gleichgültig, was die beiden inhaltlich überhaupt gesagt hatten. Ob Romneys Steuerpläne oder Obamas Gesundheitsversicherung - jedes Thema wurde hart und in fast verwirrender Detailtiefe diskutiert. Dass Romney mit manch neuer Definition seiner seit Monaten bekannten Vorhaben überraschte, dürfte die Analysten der US-Medien noch Tage beschäftigten. Der 78 Jahre alte Moderator Jim Lehrer, der schon viele solcher präsidialen TV-Debatten geleitet hatte, ließ Romney jedenfalls gewähren.

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