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Für den Ex-Kammerdiener wird es ernst

Zu Jahresbeginn hat die Veröffentlichung vertraulicher Papst-Akten für Spekulationen gesorgt. Am 23. Mai wurde der Kammerdiener Benedikts XVI., Paolo Gabriele, verhaftet. In seiner Wohnung wurden stapelweise Geheimdokumente gesichert. Seit Samstag steht Gabriele wegen schweren Diebstahls vor Gericht. Dabei handelt es sich um einen der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte des Vatikans.

Bei der ersten Verhandlung am Samstag wurde der Prozess auf Dienstag vertagt. Weitere Gerichtsverhandlungen sind danach täglich bis zum 6. Oktober vorgesehen. Der Präsident des vatikanischen Gerichts, Giuseppe Dalla Torre, berichtete, dass das Verfahren bereits kommende Woche zu Ende gehen könnte. Bei der Gerichtsverhandlung am Dienstag soll Gabriele vor den Richtern aussagen.

Vom Tatbestand her weicht der Prozess nicht von anderen Verfahren am vatikanischen Gericht ab, das sich hauptsächlich mit Taschendieben auf dem Petersplatz beschäftigen muss. Gabriele drohten sechs Monate bis drei Jahre Haft wegen schweren Diebstahls, sagte Staatsanwalt Giovanni Giacobbe. Sollte das Gericht erschwerende Umstände berücksichtigen, könnte die Strafe auf vier Jahre Haft steigen.

Kann Gabriele auf Milde hoffen?

Gabrieles Geständnis genüge allein aber nicht für eine Verurteilung. Giacobbe betonte, dass Benedikt XVI. das Gerichtsverfahren nicht beeinflussen könne. Er könne sich jedoch für die Begnadigung Gabrieles einsetzen, sollte dieser verurteilt werden. Ein Gefängnis, das auf dauerhafte Häftlinge eingerichtet ist, gibt es im Vatikan ohnehin nicht - Gabriele müsste bei einer Verurteilung auf italienischem Staatsgebiet hinter Gitter.

Justiz im Vatikan

Gemäß dem Gesetz vom 21. November 1987 wird die Gerichtsbarkeit des Vatikans von einem einzigen Richter, einem Gericht, einem Berufungsgericht und einem Obersten Gerichtshof ausgeübt. Sie üben ihre Tätigkeit im Namen des Papstes aus. Die einzelnen Kompetenzen sind im Bürgerlichen Gesetzbuch und dem Strafgesetzbuch, die im Vatikanstaat gelten, festgelegt.

Mit Gabriele muss sich ein zweiter Angestellter, Claudio Scopelliti, verantworten, der als Informatiker für das Staatssekretariat des Vatikans gearbeitet hat. Ihm wird Beihilfe vorgeworfen. Die Richter beschlossen aber am Samstag die Trennung seines Prozesses von jenem Gabrieles.

Geheimdokumente, Gold und Geschenke

Gabriele war im Mai festgenommen worden und verbrachte 53 Tage in Untersuchungshaft. Danach wurde er unter Hausarrest gestellt. Ihm wird vorgeworfen, vertrauliche Dokumente vom päpstlichen Schreibtisch entwendet zu haben, von denen einige brisante in die Medien gelangten. Darunter waren Unterlagen zu einem angeblichen Mordkomplott gegen den Papst und zu umstrittenen Geschäften der Vatikan-Bank IOR.

Papst Benedikt XVI mit Paolo Gabriele und dem persönlichen Sekretär Georg Gaenswein

AP/Alessandra Tarantino

Paolo Gabriele (vorne) befand sich stets in nächster Nähe von Benedikt XVI.

Im Zuge der Ermittlungen wurden bei Gabriele nicht nur stapelweise Geheimdokumente sichergestellt. Auch ein auf Benedikt ausgestellter Scheck über 100.000 Euro sowie weitere an den Papst gerichtete Geschenke wurden in der Wohnung des Kammerdieners gefunden - darunter ein Goldklumpen und eine wertvolle Ausgabe von Vergils „Aeneis“ aus dem Jahr 1581.

Rätselraten über Motiv

Zehn Wochen lang hatten vatikanische Justiz und Gendarmerie ermittelt. Parallel dazu gingen drei vom Papst ernannte Kardinal-Kommissare dem Geheimnisverrat nach. Vor allem versuchte man Gabrieles Motive zu ermitteln. Das Verfahren soll erhellen, warum Gabriele offenbar bald nach Dienstantritt 2006 brisante Dokumente vom Schreibtisch seines Dienstherrn kopiert und gesammelt hatte.

Er habe dem Papst und der Kirche helfen wollen, auf den richtigen Weg zurückzufinden, gab Gabriele zu Protokoll. In ihm seien Unmut und Frust über Missstände im Vatikan gewachsen. Er bezeichnete sich als „Verbindungsmann des heiligen Geistes gegen das Böse und die Korruption“, der sich von einem „Medienschock“ eine heilsame Wirkung erwartete und die Kirche wieder auf den rechten Weg bringen wollte.

Einzeltäter oder Verschwörung?

Beobachter erwarten sich von dem Prozess Antwort auch auf die Frage, ob es sich um einen frustrierten Einzeltäter, eine ausländische Diffamierungskampagne oder eine Verschwörung höchster Vatikan-Stellen gegen den Papst oder Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone handelt. Im Ermittlungsbericht war vage die Rede von weiteren Personen, die in den Geheimnisverrat involviert sein könnten oder zumindest davon gewusst haben - etwa sein geistlicher Berater.

Der Bericht nannte keine Klarnamen. Gabriele selbst sprach als vermummter Zeuge in einem TV-Interview von rund 20 Gesinnungsgenossen. Vom Verfahren wird Aufschluss darüber erwartet, ob jemand Gabrieles Frust kanalisiert und wer ihn mit dem Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi zusammengebracht hat. Schließlich muss sich zeigen, ob nicht doch Geld oder Geheimdienste eine Rolle spielten.

„Paolo ist psychisch sehr belastet“

Ein psychiatrisches Gutachten schildert den Verdächtigen als Person mit „instabiler Identität“, als manipulierbaren Menschen mit einfacher Intelligenz und Hang zur Paranoia - aber in jedem Fall schuldfähig. Familienangehörige und Freunde sorgten sich unterdessen um den psychischen Zustand Gabrieles.

„Paolo ist psychisch sehr belastet. Unmittelbar vor dem Prozess begreift er immer mehr, dass seine Tat seine ganze Familie belastet. Sie zahlt einen hohen Preis für Gabrieles Handeln“, zitierte die italienische Nachrichtenagentur ANSA einige mit dem Ex-Kammerdiener vertraute Personen. Gabriele sorge sich vor allem um seine drei Kinder.

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