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Kaum Spielraum bei Personalkosten

Termindruck, enge Baustellen, schwierige Rastplatzsuche und tagelang im Lkw unterwegs - und das alles bei verhältnismäßig geringer Entlohnung. Vom Kapitän der Landstraße ist beim heutigen Berufsbild des Lkw-Fahrers wenig übrig geblieben. Je unattraktiver der Job und je aussichtsloser die Perspektiven, desto mehr klagen die Frächter über Nachwuchsprobleme.

Für Deutschland prognostiziert die Transportbranche, dass in zehn Jahren über 150.000 Lkw-Fahrer fehlen werden. In Österreich zeichnen sich ähnliche Probleme ab. Branchenvertreter versuchen, mit Kampagnen gegenzusteuern und in Unternehmen den Beruf attraktiver zu machen.

„Es gibt schon jetzt einen Mangel an Kraftfahrern“, sagte Gerhard Blümel, Leiter der ÖAMTC-Berufsfahrerakademie, im Gespräch mit ORF.at. Insgesamt gebe es derzeit in Österreich rund 75.000 Lenker, aber es sei ein „überalteter Beruf“, warnt Blümel: „Mehr als die Hälfte der Lkw-Fahrer in Österreich ist über 50 Jahre alt. Vergleicht man den Abgang in die Pension mit den neuen Führerscheinberechtigungen, gibt es mittlerweile signifikant weniger Nachwuchs als noch vor zehn bis 15 Jahren.“

Spediteur: Strafen zu streng

Auch Franz Wolfsgruber - stellvertretender Fachverbandsobmann Transporteure bei der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) sowie Geschäftsführer eines Speditionsunternehmens - ortet einen beginnenden Mangel an Fahrern in Österreich. Als Ursachen nennt er die teure Ausbildung, das schlechte Image des Berufs und die „rigorosen Strafen schon bei geringfügigen Überschreitungen“ - etwa bei der Geschwindigkeit und der Lenkzeit. Das könne oft von den Unternehmen nicht übernommen werden.

In einer von der Arbeiterkammer (AK) und der Gewerkschaft vida durchgeführten Studie fordern Lkw-Lenker zum Teil selbst strengere Kontrollen, insbesondere bei der Einhaltung der Lenkzeiten. Immer wieder beklagen Fahrer, dass sie vonseiten des Unternehmens und wegen des Termindrucks zu Überschreitungen der Lenkzeit gezwungen werden. Wolfsgruber weiß von solchen Fällen, sieht aber auch die Fahrer in der Verantwortung: „Es liegt im Ermessen des Fahrers, wie er seine Tour plant.“ Jeder Fall müsse aber einzeln durchleuchtet werden.

Lohnwettbewerb mit den Nachbarn

Verschärft wurde der Wettbewerb nicht zuletzt durch den billigeren Konkurrenzkampf mit östlichen Nachbarländern. Wolfsgruber: „In Österreich sind die Fahrer im Vergleich um bis zu 50 Prozent teurer. Hier kostet ein Fahrer einem Unternehmen rund 4.500 Euro, in Tschechien oder Ungarn muss für einen Fahrer insgesamt rund 2.500 Euro bezahlt werden.“

Nicht zuletzt deshalb verlegen vor allem die größeren österreichischen Spediteure ihre Standorte ins benachbarte Ausland, um nach den dortigen Rahmenbedingungen und Löhnen agieren zu können. Dieses Ausflaggen wird von Arbeitnehmervertretern heftigst kritisiert.

Dass es aufgrund der Ersparnis vor allem bei den Personalkosten auch in Zukunft noch weiter ansteigen wird, bestätigen aber alle Seiten. „Auf der Strecke bleiben die kleinen Speditionen, die bei diesem Wettbewerb nicht mithalten können“, kritisiert Richard Ruziczka, Transportexperte bei der AK Wien. Er ortet bei Österreichs Frachtführern viele „graue und kaum weiße Schafe“. Frachtführer übernehmen die Beförderung der Güter und werden von Spediteuren mit dem Transport beauftragt.

Ausländische Fahrer in Österreich dürften eigentlich keinen Unterschied zu heimischen Lenkern bei den Kosten machen, betont Wolfsgruber, da alle nach den hiesigen Bestimmungen - und mindestens nach dem Kollektivvertrag (KV) - bezahlt werden müssten. Dass einige Speditionen ausländische Fahrer zu billigeren Konditionen einsetzen, kann aber auch der WKO-Vertreter nicht ausschließen: „Der Druck ist sehr groß. Entsprechend müssen die Unternehmen nachdenken, wie sie Kosten reduzieren können.“

„Wo kein Kläger, da kein Richter“

Auch Blümel rechnet damit, dass sich einige Firmen mit billigeren Fahrern aus Nachbarländern behelfen, aber auch dort gebe es mittlerweile Nachwuchssorgen. Wie häufig im Ausland günstig Personal „eingekauft“ wird, ist schwer zu belegen - immer wieder kommen Fälle an die Öffentlichkeit.

Erst im Juli brachte der ORF-„Report“ einen Fall in Tirol an die Öffentlichkeit, wo ein Logistikunternehmen hauptsächlich polnische Lenker beschäftigte, die weiter unter dem KV-Lohn bezahlt wurden und in Containern auf dem Betriebsgelände untergebracht waren. Es sei immer die Frage, mit welchen Bedingungen sich Arbeitnehmer zufriedengeben, sagte Ruziczka gegenüber ORF.at: „Wo kein Kläger, da kein Richter.“

Nachwuchsmangel „hausgemacht“

Für Ruziczka ist der Nachwuchsmangel „hausgemacht“ und auf ein „Imageproblem“ zurückzuführen. In der Arbeitslosenstatistik merke man noch keinen großen Mangel bei den Lkw-Fahrern. Aber es sei viel Wissen und Verantwortung gefragt, bei schlechten sozialen Bedingungen und geringer Bezahlung.

„Niemand geht freiwillig dem Beruf nach“, begründet Ruziczka das nachlassende Interesse. Denn auch wenn Fahrer in Umfragen angeben, dass sie monatlich 1.500 bis 2.000 Euro netto verdienen, sei das inklusive aller Spesen und Überstunden. „Nach dem Kollektivvertrag bekommen Fahrer, die fünf bis zehn Jahre in dem Unternehmen beschäftigt sind, rund 1.400 Euro brutto“, so der AK-Experte.

Weniger Interesse, höhere Transportkosten

Doch die Nachfrage wird größer, und der Kostendruck bleibt. Zwar gab es beim Transportaufkommen im Straßenverkehr durch die Krisenjahre 2008 und 2009 einen leichten Einbruch. Doch stieg laut Statistik Austria das gesamte Transportaufkommen von österreichischen Unternehmen von über 330 Mio. Tonnen 2010 auf rund 345 Mio. Tonnen im vergangenen Jahr.

Gelingt es nicht, die Attraktivität und das Interesse am Fahrerberuf zu steigern, werde sich das auch auf die Konsumenten auswirken, so Wolfsgruber: „Entweder werden die Transporttarife teurer, um den Beruf über den Lohn attraktiver zu machen“, derzeit gebe es dabei wenig Spielraum, „oder es fahren weniger Lkws, und die Ladekapazität wird verknappt. Auch das würde eine Verteuerung des Transports bedeuten.“

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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