Studie: Was bleibt von TV-Debatten hängen?

Was verstehen die Zuseher wirklich, wenn etwa Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Heinz-Christian Strache (FPÖ) mit Armin Wolf diskutieren? Wissenschaftler des Instituts für Politikwissenschaften der Universität Wien haben erstmals untersucht, wie das Fernsehpublikum politische Debatten wahrnimmt und versteht.

„Unsere Art des politischen Verstehens ist sozial erlernt“, so Projektleiter Emo Gotsbachner in einer Aussendung des Wissenschaftsfonds FWF, der das Projekt gefördert hat. Anhand dieses erlernten Repertoires entwerfen die Zuseher Deutungsmuster, mit denen sie auch neue Informationen und Aussagen bewerten. Will ein Politiker beim gegnerischen Lager punkten, muss er diese eingefahrenen Deutungsrahmen erst durchbrechen.

Versuch, Deutungsrahmen nachzuzeichnen

Wie Politiker ihre Positionen und Deutungen bei Zusehern verankern können, wurde wissenschaftlich bis heute kaum zufriedenstellend analysiert. Zu komplex schienen die Anforderungen an eine Methodik zum Nachvollziehen der Wahrnehmungsprozesse potenzieller Wähler. Im „Frame Project“ haben die Wiener Wissenschaftler versucht, anhand von Deutungsrahmen nachzuzeichnen, wie Verstehen und Wahrnehmung bei politischen TV-Debatten funktionieren.

Nach Angaben der Forscher interpretieren Zuseher neue Informationen innerhalb bekannter Muster, deren Repertoire auf Erlerntem basiert. Aus diesen Mustern bilden die Zuseher ihren Deutungsrahmen. „Wenn nun Deutungsmuster anderer Parteien nicht zu unserem Deutungsrahmen passen, so nehmen wir diese als Äußerungen des gegnerischen politischen Lagers wahr und schalten unsere Aufnahmebereitschaft ab“, so Gotsbachner.

Gruppen-Cluster zu ORF-Diskussionssendungen

Im Zuge des Projektes wurden politische ORF-Fernsehdiskussionen jeweils vier bis fünf Gruppen von Zusehern mit unterschiedlichem sozialem und politischem Hintergrund gezeigt und ihre Reaktionen auf das Gesagte anschließend ausgewertet.

Dabei habe sich deutlich gezeigt, dass Politiker versuchen, möglichst viele Zuseher anzusprechen, und dafür gerne publikumsorientierte Sprechweisen nutzen und auch einmal die Art des Sprechens wechseln. „In vielen rhetorischen Strategien lässt sich der Versuch beobachten, Anhänger des anderen politischen Spektrums anzusprechen“, so Gotsbacher.

Wildern im Revier des anderen

Als Beispiel nennt der Wissenschaftler eine Diskussion zwischen der Chefin der Grünen, Eva Glawischnig, und FPÖ-Chef Strache. Glawischnig habe dabei bewusst konservativ gefärbte Sprachmuster verwendet, um ihren eigenen Deutungsrahmen auch für konservativ eingestellte Zuseher attraktiv zu machen. Politiker würden solche rhetorischen Wechsel nutzen, um die Zuseher dazu zu bringen, die eigenen Deutungen zu übernehmen.

So sollen dann auch neu gewonnene Informationen im Sinne des Politikers interpretiert werden. Das funktionierte im Fall Glawischnig gegen Strache allerdings nicht zu hundert Prozent.

Zwar hätten die eher konservativen Zuschauer die Deutungen Glawischnigs übernommen, die antisemitische Äußerungen eines FPÖ-Politikers kritisierte. Sie bewerteten ihre Aussagen aber an zentraler Stelle anders als von der Grün-Politikerin gedacht. Eine Gruppe des konservativeren Publikums reagierte reflexartig mit dem Gedanken, dass die ausländische Presse nur darauf warte, Österreich wieder als Nazi-Land zu diskreditieren.

Das erklärt Gotsbacher mit Leerstellen in Glawischnigs Deutungsrahmen: „Diese Zuseher nutzten eine Leerstelle, um sie mit ihrem eigenen, sozial erlernten Wissensbeständen zu füllen.“ Deshalb scheiterte die grüne Politikerin mit ihrem Anliegen.