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„Kleiner Abstand“ in Basisarbeit

Dass der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney in einem zuletzt aufgetauchten Video die Hälfte aller US-Bürger als Schmarotzer dargestellt hat, hat nicht nur Wähler vergrätzt: Auch bei den freiwilligen Helfern ist die Lust, für Romney von Tür zu Tür zu gehen, damit nicht unbedingt gestiegen. Ein gravierender Schwachpunkt von Romneys Kampagne wird damit noch ernster.

Die meist lokal und selbst organisierten Funktionäre, die sich für ihren Kandidaten ins Zeug legen, sind neben teuren Medienkampagnen traditionell das wichtige zweite Standbein von US-Wahlkämpfen. Zu einem Gutteil verdankte US-Präsident Barack Obama seinen Wahlsieg im Jahr 2008 einem - bestens organisierten - „Bodenkrieg“, wie die Wahlkampfstrategen die Freiwilligenkampagnen nennen. Und Obamas Wahlkampfstrategen haben auch heuer nicht geschlafen.

Obamas Helfer seit Juli mit Smartphone-App tätig

Schon im Juli hatten etwa die Demokraten eine eigene Helfer-App für Smartphones vorgestellt, die regional exakt zugeschnittene Argumente für Gespräche mit potenziellen Wählern und einen Überblick über Veranstaltungen und Aktivitäten in der Gegend bietet sowie die Funktionäre untereinander vernetzt. Erst Mitte September zog Romney mit einer eigenen App nach. Die kann jedoch wenig mehr, als über ohnehin stattfindende republikanische Veranstaltungen zu informieren.

Wahlplakat von Mitt Romney auf einem Tisch

Reuters/Jim Young

Kandidaten-Konterfei

Dazu kommt, dass Obama ohnehin durch die Verbindung zu Gewerkschaften und ethnischen Verbänden viel besser in der Basis verankert ist als Romney. Im US-Bundesstaat Nevada, wo es durch die hohe Arbeitslosigkeit viele unzufriedene Wähler gibt und das Rennen entsprechend knapp werden könnte, werfen sich etwa die Stahlarbeiter und die mexikanische Community für Obama ins Zeug. Die Republikaner dagegen müssen Leute bezahlen, damit sie für Romney laufen.

„Krach“, den nur Republikaner hören können

Dass in Nevada zuletzt 100 „Freiwillige“ für Romney über eine Leiharbeitsfirma rekrutiert und bezahlt wurden, argumentierte der Verantwortliche des lokalen Komitees, Adam Stryker, gegenüber der US-Nachrichtenagentur AP mit dem Vorsprung Obamas im „Bodenkrieg“: „Die machen das seit 2004. Wir haben es auf jeden Fall mit einem sehr respektablen Gegner zu tun.“ Andere sind weniger ehrlich, etwa der Politische Direktor des Republikanischen Nationalkomitees, Rick Wiley.

„Im Bodenkrieg lassen wir’s richtig krachen“, sagte Wiley zuletzt selbstbewusst. Die Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache: Im Bundesstaat Colorado etwa gibt es 55 lokale Obama-Büros und nur 14 Romney-Büros, in Iowa steht es überhaupt 65 zu 14 für Obama, und selbst in Nevada liegt er mit 25 zu elf vorne. Laut eigenen Angaben haben die Demokraten in den „Swing States“ - denen mit unklarer Wählerpräferenz - dreimal so viele Büros wie die Republikaner.

Obama sticht Romney mit Bush-Rezept aus

Obamas Wahlkampfsprecher Adam Fletcher meint denn auch, dass „unsere massive Basisarbeit am 6. November (Tag der US-Präsidentenwahl, Anm.) den Unterschied machen wird“. Die Demokraten hatten bereits auf ihrem Wahlparteitag von 44 Millionen persönlichen Telefonanrufen bei Wählern berichtet, während die Republikaner alles in allem laut eigenen Angaben bis Mitte September persönlichen oder telefonischen Kontakt zu 20 Millionen Wählern hatten.

Unterstützer von Mitt Romney und Wahlkampfschilder

Reuters/Tim Shaffer

Romney-Plakate warten auf Abnehmer

Das Manko der Republikaner bei der Basisarbeit ist klar selbst verschuldet. Der Grundstein dafür wurde gelegt, als sich die Partei in Grabenkämpfen zwischen „Tea-Party“-Rechten und Konservativen selbst zerfleischte. Dass Obama nun als Quasi-Erfinder der Wählermobilisierung gilt, hat etwas Ironisches: Es war Obamas republikanischer Vorgänger George W. Bush, der im Wahlkampf des Jahres 2000 extrem auf lokale Funktionäre baute - und damit gewann.

Obamas Basisarbeit nur „PR-Konstrukt“?

Wie dringend ihr Aufholbedarf auf dem „Boden“ ist, will vor allem die Parteispitze der Republikaner noch immer nicht wahrhaben. Von dort ist zu hören, dass der angebliche Zustrom zu Obamas Kampagne ein „reines PR-Konstrukt“ sei und dass man den „kleinen Abstand“ in der Basisarbeit bald wettgemacht haben werde. Dass es „nicht so rund läuft“ wie noch vor vier Jahren, räumt man allerdings auch in Obamas Team ein, jedoch komme „das Gefühl langsam zurück“.

Vor allem aber war das die Situation vor Romneys kolossalem Patzer bei einem Spendendiner, wo er 47 Prozent der US-Amerikaner als sich selbst bemitleidende Minderleister darstellte, die sich vom Staat aushalten lassen. Wie eine Obama-Freiwillige gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte, brauche man nun „nichts anders tun, als Romney zu zitieren“, um Wähler für Obama zu keilen. Und Ohio-Kampagnenleiter Ted Strickland setzte nach: „Wenn wir nach diesem Video nicht gewinnen können, dann helfe uns Gott.“

Lukas Zimmer, ORF.at

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