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Doppelmoral des Boulevards

Die Empörung über die Veröffentlichung der Oben-ohne-Fotos von Prinz Williams Frau Kate in Großbritannien war riesig. Ganz vorne dabei waren jene, die mit „Sex sells“ sonst kaum Probleme haben: Der britische Boulevard zog genüsslich über das französische Magazin „Closer“ und alle anderen her, die die Bilder veröffentlichten. Die zur Schau gestellte Doppelmoral hat nun aber eine Debatte über Busenbilder in Zeitungen generell ausgelöst.

Die Autorin und Schauspielerin Lucy-Anne Holmes hatte schon vor einigen Wochen eine Kampagne gegen die „Seite-3-Mädchen“ des Boulevardblatts „The Sun“ gestartet. Im Zuge der Kate-Empöruung scheint ihre Initiative nun abzuheben. Binnen kurzer Zeit unterzeichneten 25.000 Menschen ihre Petition mit dem Motto „Brüste sind keine Nachrichten“.

Darin wird Chefredakteur Dominic Mohan „freundlich“ gebeten, in Zukunft auf die Bilder von barbusigen jungen Frauen zu verzichten. Vor allem via Twitter und Facebook hat die Kampagne Dynamik entwickelt. Für Oktober versucht man nun, Inserenten zu einem Boykott der „Sun“ zu überreden.

Sexistische Alltagskultur

Während der Olympischen Spiele habe sie in der Londoner U-Bahn eine Ausgabe der „Sun“ in die Hände bekommen, schreibt Holmes in einem Gastbeitrag im „Independent“. Auf Seite drei seien erfolgreiche britische Sportlerinnnen zu sehen gewesen. „Wow“, habe sie gedacht - doch einige Seiten später sei Ernüchterung eingekehrt. Auf Seite 13 war dann das Pin-up-Bild - als größtes Foto in der gesamten Ausgabe.

Nacktbilder seit 1970

Das Massenblatt „The Sun“ aus dem Medienimperium von Rupert Murdoch druckt seit 1970 Bilder von barbusigen Frauen auf Seite drei ab. Bis zu einer Gesetzesänderung 2003 waren die Models häufig gerade einmal 16 Jahre alt.

Die „Seite-3-Mädchen“ seien reine Sexobjekte, und „The Sun“ bereite damit den Boden für eine sexistische Alltagskultur mit 300.000 Fällen von sexueller Belästigung und 60.000 Vergewaltigungen in Großbritannien jährlich. Es sei Zeit, den Machismus der 70er Jahre zu überwinden. Ganz einfach scheint das aber nicht. Selbst der sonst kritische „Independent“ bebildert den Kommentar mit einem Foto einer spärlich bekleideten Samantha Fox, die als „Sun“-Model in den 80er Jahren bekanntwurde.

Bikinifotos und Dekollete-Malheure

Holmes argumentiert auch damit, dass die deutsche „Bild“-Zeitung heuer ihr „Seite-1-Girl“ abgeschafft habe. Das stimmt freilich nicht ganz. Das Boulevardblatt hat die Barbusigen mit Überschriften wie „Sandra (25) liebt Baumärkte“ lediglich ins Innere des Blattes verschoben. Der „Sun“-Konkurrent „Daily Mirror“ hatte dagegen die Pin-up-Fotos in den 80er Jahren tatsächlich abgeschafft.

Die Doppelmoral der Boulevardpresse hatte zuvor auch schon der „Guardian“ kritisiert: Sämtliche Kommentatoren hätten sich darüber echauffiert, dass „Closer“ und andere Zeitschriften versucht hätten, mit den Oben-ohne-Fotos Kasse zu machen, und eine Seite später sei dann eine barbusige Frau zu sehen. Zeitungen wie „Daily Mirror“ und „Daily Mail“ seien voll mit Bikinifotos und Dekollete-Malheuren, und die Botschaft sei klar. Bilder von halbnackten Frauen abzudrucken sei okay, solange sie sich nicht Richtung Thron bewegen.

„News“, „Sport“, „Babes“

Hart ins Gericht geht der „Guardian“ mit Richard Desmond. Er hatte den Chefredakteur seiner Zeitung „Irish Daily Star“, die die Kate-Fotos auch abdruckte, suspendiert und gedroht, die Zeitung zu schließen. Zu Desmonds Verlagskonzern gehören die Boulevardblätter „Daily Express“ und die britische Ausgabe des „Daily Star“, und vor allem Letztere ist voll mit Oben-ohne-Fotos und Bildern von spärlich bekleideten weilblichen C- und D-Promis.

Auf der Website der Zeitung folgt nach den Ressorts „News“ und „Sport“ die Kategorie „Babes“. Doch damit nicht genug. Desmonds Verlagshaus Northern & Shell erwarb 1983 die britische Lizenz für „Penthouse“, was zu einer Reihe an eigenen Porno- und Softpornomagazinen führte. Diese wurden vom Verlag zwar vor einigen Jahren verkauft, dafür stieg man ins Geschäft mit Bewegtbildern ein. Die Fernsehkanäle Television X und Red Hot TV mit „Erwachsenenunterhaltung“ gehören zum Unternehmen.

„The Sun“ beschimpft Gegner

Die Kampagne ist freilich nicht die erste gegen die Fotos auf Seite drei der „Sun“. 1986 sprach die damalige Labour-Abgeodnete Clare Short das Thema sogar im britischen Parlament an, scheiterte aber mit einem Vorschlag für ein Verbot. Als sie fast 20 Jahre später noch einmal die „Sun“ kritisierte, fuhr die Zeitung schwere Geschütze gegen die Politikerin auf: Short sei „alt und fett“ und lustfeindlich und „neidisch“ auf die Körper der jungen Frauen, schrieb die Zeitung damals.

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