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Staatschef muss „für alle arbeiten“

US-Präsident Barack Obama hat wohl bestmöglich auf die abschätzigen Äußerungen seines Herausforderers Mitt Romney über einen Teil der US-Wähler reagiert. Romney schreibe einen großen Teil des Landes ab, sagte Obama in einem Interview des Fernsehsenders CBS am Dienstagabend (Ortszeit). Er selbst habe jedoch „als Präsident gelernt, dass man das ganze Land repräsentiert“, sagte Obama.

Obama brauchte Romneys Blamage selbst nichts mehr hinzuzufügen, sondern konnte ganz auf das Image des einigenden Präsidenten setzen. Er verwies auf seine erste Rede nach seinem Wahlsieg 2008, in der er betont habe, dass er sein Amt als Dienst an allen Amerikanern verstehe. „Ich habe noch in der Wahlnacht gesagt: Auch wenn ihr mich nicht gewählt habt, höre ich eure Stimmen und ich werde so hart, wie es geht, daran arbeiten, euer Präsident zu sein“, sagte Obama unter dem Applaus des Studiopublikums.

„Wir machen alle Fehler“

Tags zuvor war ein Videomitschnitt aufgetaucht, in dem Romney 47 Prozent der US-Wähler - die einkommenssteuerbefreiten Bürger - als automatische Obama-Anhänger, „die sich als Opfer sehen und die glauben, dass die Regierung sich um sie kümmern muss“, bezeichnet hatte. „Es ist nicht mein Job, mir um diese Leute Sorgen zu machen“, fügte er hinzu. Der Multimillionär Romney wird selbst dafür kritisiert, dass er seine Steuerleistung mit halblegalen Mitteln auf ein Minimum reduziert haben soll.

US-Präsident Barack Obama und TV-Talker David Letterman

Reuters/Kevin Lamarque

Obama nutzte gekonnt das Podium der populären Letterman-Show

„Wir machen alle Fehler“, sagte Obama betont großzügig in der populären Talkshow von Moderator David Letterman, nur um gleich nachzusetzen: „Aber worüber die Menschen Klarheit haben wollen, ist, dass man nicht einen Großteil von ihnen nach Verlusten und Gewinnen ablegt“, fügte er hinzu. Im Duell zwischen Obama und Romney hatte es lange Zeit nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Wahl am 6. November ausgesehen. Nach Romneys Panne liegt Obama in jüngsten Umfragen fünf Punkte voran.

Weitere explosive Redepassagen

Romney muss wegen seiner Äußerungen weiteres Ungemach fürchten. Im Zuge der Aufregung um seine Wählerbeschimpfung waren am Dienstag andere Äußerungen aus der Ansprache, die ebenfalls über einige Sprengkraft verfügen, kaum beachtet worden. So sagte er etwa zur Nahost-Problematik, die Palästinenser hätten „überhaupt kein Interesse“ an einem Frieden mit Israel. Als Präsident würde er im Nahost-Friedensprozess daher lediglich auf Zeit spielen.

Der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat sagte dazu, Romneys Ansichten seien „vollkommen inakzeptabel“. „Niemand hat mehr Interesse an Frieden als die Palästinenser“, weil dieser „Freiheit und Unabhängigkeit von der israelischen Besatzung“ bedeute. Die wegen ihrer Palästinenserpolitik umstrittene israelische Regierung von Benjamin Netanjahu wollte die Äußerungen Romneys nicht kommentieren.

Neue Veröffentlichungen angekündigt

Dass die Aufregung um die Rede kein rasches Ende haben dürfte, hat sich Romney ebenfalls selbst zuzuschreiben. In einer ersten Reaktion nach der Veröffentlichung der im Mai geheim mitgeschnittenen Rede vor wohlhabenden Gönnern hatte Romney gesagt, seine Äußerungen seien aus dem Zusammenhang gerissen und würden sich von selbst erklären, wenn man die ganze Rede gehört habe - woraufhin ihm das linksgerichtete Web-Politmagazin Mother Jones ausrichten ließ, dass man diesem Wunsch mit Freuden nachkommen werde.

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