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Frontalattacke auf eigene Wähler

Nach dem Auftauchen eines mitgefilmten Auftritts von US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney im elitären Kreis eines Unterstützer-Diners muss sich der Republikaner anstrengen, um seine fatale Beleidigung der Hälfte aller US-Bürger als Sozialschmarotzer in den verbleibenden 50 Tagen bis zur Präsidentschaftswahl wieder wettzumachen. Nach Meinung vieler Kommentatoren wird er das nicht mehr schaffen.

„Heute hat Mitt Romney die Wahl verloren“, konstatierte etwa das Nachrichtenportal Bloomberg wegen der fatalen Äußerungen in dem Video, das schon im Mai aufgenommen worden war. In der „New York Times“ hieß es, Romneys Äußerungen zeigten, dass er nicht viel über das Land wisse, in dem er lebt, keine Ahnung von politischer Kultur habe, Solidarität für ihn ein Fremdwort sei und darüber hinaus von ihm als Präsident wohl nie Ambition und Motivation zu erwarten seien. Romneys Sager sei eine „Country-Club-Fantasie“ über die Realität.

Bemühte Ausreden aus dem republikanischen Eck

Im „New York Magazine“ war von Romney als „höhnischem Plutokraten“ und „finsterer Figur“ die Rede, die sich „für das Präsidentenamt disqualifiziert hat“. Demokratisch gefärbte Medien wie etwa das Internetportal „Huffington Post“ bewerteten Romneys Äußerungen naturgemäß noch drastischer. „Es tut ihm nicht leid!“, war dort in riesigen roten Lettern nach Romneys Rechtfertigung für die Äußerungen zu lesen, in denen er meinte, er habe zwar „nicht elegant“ und nur „aus dem Stegreif“ formuliert - aber bei seinen Äußerungen blieb.

Selbst in der Wolle gefärbte Republikaner taten sich jedoch schwer, Gutes an Romney zu finden. Die Bewertung von „Drudge Report“, dass endlich jemand Klartext rede, darf dabei als vereinzelte publizistische Verzweiflungstat gelten. Andere republikanisch gesinnte Medien wie die „Washington Times“ gifteten sich ausführlich darüber, dass der Wahlkampftross von US-Präsident Barack Obama Romneys Äußerungen prompt als „schockierend“ brandmarkte - und nutzten diese Erregung, um Romneys eigentliche Äußerungen dahinter zu verstecken.

Nicht nur beleidigend, sondern auch falsch

Romneys Äußerungen waren aber nicht nur ein Affront und eine „weitere Entgleisung“, sondern weit mehr: Sie waren zum einen eine Breitseite gegen die republikanischen US-Präsidenten der Vergangenheit. Gerade unter deren Herrschaft wurden die Steuersätze so herabgesetzt, dass nun „47 Prozent der Menschen (...) keine Einkommenssteuer zahlen“. Zum anderen waren Romneys Aussagen eine Schmähung von Romneys eigener Wählerklientel. Gerade sie zählen überproportional zu den einkommenssteuerfreiten Gruppen.

Einkommenssteuerbefreit sind in den USA neben Menschen ohne Einkommen, die zahlenmäßig aber nur eine untergeordnete Rolle spielen, vor allem Pensionisten und der durch die Wirtschaftskrise in Bedrängnis geratene untere Mittelstand mit traditionell republikanischem Wahlverhalten. Zudem ist es schlicht falsch, sie als Minderleister darzustellen: Die Einkommenssteuer spielt in den USA eine weit geringere Rolle als etwa in Österreich, und von Romneys „47 Prozent“ zahlt rund die Hälfte zum Teil beträchtliche andere Bundessteuern.

Frage nach Romneys Steuerleistung steht im Raum

Gerade diese Denkfehler in Romneys Äußerungen dürften ihn nicht nur Sympathien unter den Angesprochenen kosten. Auch andere Republikaner dürften einen möglichen Präsidenten, für dessen Unberechenbarkeit es nun ein mehr als plakatives Beispiel gibt, ab nun deutlich skeptischer sehen. Schließlich werden Romneys Chancen bei der Wahl am 6. November nun noch dadurch gemindert, dass es dem Vernehmen nach schon bisher in seinem Team Machtkämpfe und Uneinigkeit gab, was nun noch deutlicher hervortreten könnte.

Außerdem werden nun, da Romney den „Wert“ eines Bürgers an seiner Steuerleistung festgemacht hat, die Rufe nach Veröffentlichung seiner eigenen Steuererklärung wohl noch lauter werden. Seit Monaten verweigert Romney die Preisgabe von fundierten Daten dazu und versucht einer Diskussion darüber auszuweichen - weil, wie seine Gegner vermuten, er seine Millioneneinkünfte aus der Investmentfirma Bain Capital äußerst „schonend“ versteuert haben soll.

Lukas Zimmer, ORF.at

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