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Ernste politische Krise

Angesichts der jüngsten anti-amerikanischen Proteste hat das US-Außenministerium am Samstag alle nicht unbedingt benötigten Botschaftsmitarbeiter und deren Familien in Tunesien und Sudan aufgefordert, die beiden Länder zu verlassen. An alle anderen US-Bürger erging eine Reisewarnung für die Region.

Bei Übergriffen auf die US-Botschaft in Tunesien wurden am Samstag vier Menschen getötet. Die Polizei war gegen Hunderte von Demonstranten vorgegangen, die Fenster des Gebäudes einschlugen und die Sicherheitskräfte mit Steinen und Brandsätzen bewarf. Ein Reuters-Reporter wurde Zeuge, wie die Polizei das Feuer auf Kundgebungsteilnehmer eröffnete.

In der sudanesischen Hauptstadt Khartum hatte ein aufgebrachter Mob die deutsche Botschaft gestürmt. Danach richtete sich die Wut der Randalierer gegen die Vertretungen der USA und Großbritanniens. Die Pläne der USA, zur Sicherung ihrer Botschaft zusätzliche Marineinfanteristen einzufliegen, wurden vom Sudan abgelehnt. Auslöser der Proteste und Übergriffe war ein im Internet veröffentlichter Film, in dem der Religionsbegründer Mohammed als blutrünstiger Kinderschänder und Homosexueller dargestellt wird.

„Anhaltende Krise“

Die US-Regierung Obama rechnet laut einem Zeitungsbericht nicht mit einer baldigen Beruhigung der Lage im Nahen Osten. Das Weiße Haus gehe davon aus, dass die gewaltsamen Proteste, bei denen vier US-Diplomaten getötet wurden, zu einer „anhaltenden Krise mit unvorhersehbaren diplomatischen und politischen Konsequenzen“ führen könnten, zitiert die „New York Times“ am Samstag in ihrer Onlineausgabe Regierungsmitglieder.

Die Unruhen seien über Nacht zur ernsten außenpolitischen Krise mitten im Präsidentenwahlkampf geworden, heißt es in dem Zeitungsbericht weiter. Dabei müsse sich Obama auch etwa die Frage stellen, ob er im Zuge des „Arabischen Frühlings“ genug getan habe, um den Übergang zur Demokratie im Nahen Osten zu fördern. Eine weitere Frage sei, ob die USA entschlossen genug gegen Islamisten vorgegangen sei.

Mutmaßlicher Videomacher verhört

Die US-Bundespolizei verhörte unterdessen am Samstag den mutmaßlichen Macher des Hassvideos. Nach Informationen der Zeitung „Los Angeles Times“ holte das FBI den Verdächtigen Nakoula Basseley Nakoula am Samstag von seiner Wohnung ab und brachte ihn zur Polizei in Los Angeles. Er sei aber weder verhaftet noch festgenommen worden, erklärte ein Sprecher des Sheriffs.

Polizisten führen den mutmaßlichen Urheber des Mohammed-Videos ab

Reuters/Bret Hartman

Verdächtiger wird von Polizisten zum Verhör abgeholt

Gewaltaufruf von Al-Kaida

Der anti-islamische Film „Die Unschuld der Muslime“ hatte Muslime in aller Welt in den vergangenen Tagen in Aufruhr versetzt. In Libyen waren in der Nacht zum Mittwoch US-Botschafter Christopher Stevens sowie drei weitere Diplomaten bei einem Angriff muslimischer Bewaffneter auf das US-Konsulat in Bengasi getötet worden. Am Freitag wurden auch die deutsche und die britische Botschaft in der sudanesischen Hauptstadt Khartum attackiert.

Das Terrornetzwerk Al-Kaida forderte am Samstag Muslime in aller Welt auf, amerikanische Botschafter und Diplomaten zu töten oder deren Gebäude zu stürmen. Ziel sei es, die US-Vertretungen aus den islamischen Ländern zu vertreiben, erklärte die im Jemen ansässige Unterorganisation auf einer Dschihadisten-Website.

Proteste vor US-Botschaften

Die gewalttätigen Proteste gegen den Mohammed-Schmähfilm gingen unterdessen auch am Samstag in mehreren Ländern weiter, erreichten jedoch nicht die Dimensionen des Vortages. In Kairo stürmten Sicherheitskräfte den Tahrir-Platz nahe der US-Botschaft, um eine Menge von mehreren Hundert Demonstranten auseinanderzutreiben. In der ägyptischen Hauptstadt wurde zudem in der Nacht zum Samstag ein 35 Jahre alter Mann in der Nähe der stark gesicherten US-Botschaft erschossen.

Polizei und Demonstranten gegen das Mohammed-Video in Sydney

APA/EPA/AAP/Marianna Massey

Zu Tumulten kam es am Samstag auch in Sydney

Zu Übergriffen kam es am Samstag auch in Australien: In Sydney setzte die Polizei Tränengas gegen mehrere Hundert demonstrierende Muslime ein, die vor das US-Konsulat in der Millionenmetropole ziehen wollten. Es habe auf beiden Seiten Verletzte gegeben, berichtete der Fernsehsender ABC. Einige Teilnehmer trugen schwarze Dschihad-Fahnen sowie Transparente mit der Aufschrift: „Enthauptet all jene, die den Propheten beleidigen.“ Auch Parolen gegen Kopten seien zu hören gewesen.

Festnahmen in Paris

In Paris nahm die Polizei am Samstag etwa 100 Menschen in der Nähe der US-Botschaft fest. Die Demonstranten wollten an einer nicht angemeldeten Kundgebung teilnehmen, meldete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Polizeiquellen.

In den arabischen Ländern kehrte im Laufe des Samstags weitgehend wieder Ruhe ein. Ägyptische Sicherheitskräfte räumten den zentralen Kairoer Tahrir-Platz und die Straßen zur nahe liegenden US-Botschaft. In Ägypten hatten die inzwischen weltweiten Proteste am Dienstag mit einem Sturm auf die US-Vertretung begonnen.

Rache für Berliner Kundgebung?

Der Angriff radikaler Muslime auf die deutsche Botschaft im Sudan am Freitag ist möglicherweise nicht auf den Film aus den USA zurückzuführen. Wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, könnte es sich um eine Vergeltungsaktion für das Zeigen von Mohammed-Karikaturen in Berlin gehandelt haben. Bereits beim Freitagsgebet Anfang September hätten radikale Prediger in Khartum auf die Demonstration der rechtspopulistischen Splitterpartei Pro Deutschland hingewiesen, schreibt das Magazin ohne konkrete Quelle.

Mitte August hatte Pro Deutschland in Berlin vor drei muslimischen Gotteshäusern Mohammed-Karikaturen in die Höhe gehalten und Schilder mit durchgestrichenen Moscheen gezeigt. Im Sudan stürmten am Freitag Tausende Demonstranten die deutsche Botschaft, die teilweise in Flammen aufging.

Rechtsradikaler will Film in Berlin zeigen

„Pro Deutschland“-Chef Manfred Rouhs will nun nach Informationen des „Spiegel“ den umstrittenen Mohammed-Film in Berlin zeigen. Der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich kündigte an, „mit allen rechtlich zulässigen Mitteln“ gegen die geplante Vorführung vorzugehen. Gegenüber dem „Spiegel“ kritisierte Friedrich die Veröffentlichung eines Werbetrailers für den Film auf der Website der rechten Gruppierung. Derartige Organisationen wollten die Islamisten in Deutschland provozieren und gössen damit „grob fahrlässig Öl ins Feuer“, sagte der Innenminister.

Papst Benedikt XVI. setzte sich bei seinem Besuch im Libanon am Samstag für den Aufbau einer Friedenskultur im Nahen Osten ein. Das katholische Kirchenoberhaupt fordert ein „neues Modell der Brüderlichkeit“ und die Ächtung jedweder Gewalt. Am Abend sagte er vor etwa 30.000 Jugendlichen, Christen und Muslime müssten gemeinsam eine freie und menschliche Zukunft aufbauen.

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