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Gegen US-Gesetze verstoßen?

Der mutmaßliche Macher des islamfeindlichen Videos, das in der arabischen Welt in den vergangenen Tagen zu heftigen Protesten und Gewalt geführt hatte, ist von der US-Polizei vernommen worden. Nach Angaben von US-Medien wurde Nakoula Besseley Nakoula am frühen Samstag von Polizisten aus seinem Haus im kalifornischen Cerritos abgeholt.

Laut Polizeisprecher Steve Whitemore wurde Nakoula von Einsatzkräften abgeführt und auf das Revier gebracht, berichtete die „Los Angeles Times“. Es solle geprüft werden, ob er gegen Gesetze verstoßen habe. Seiner Vernehmung stimmte Nakoula demnach selbst zu. Auf dem Weg zum Polizeiauto war Nakoula vermummt - er trug einen Mantel, einen Hut, einen Schal und eine Brille. Er sei aber weder verhaftet noch festgenommen worden, erklärte ein Sprecher des Sheriffs.

Einem Medienbericht zufolge befand sich Nakoula im Jahr 2009 wegen des Verdachts auf Sozialbetrug im Visier der US-Justiz. Laut einem anderen Medienbericht saß er auch schon ein Jahr im Gefängnis, nachdem Drogen bei ihm gefunden worden waren.

„Niemand hat herumhantiert“

Nakoula, der als Urheber des Films „Die Unschuld der Muslime“ gilt, ist nach eigenen Angaben ein 55-jähriger koptischer Christ. Am Freitag teilte er mit, die Veröffentlichung des Videos nicht zu bereuen, sich angesichts der Angriffe auf westliche Einrichtungen in der arabischen Welt aber „schuldig“ zu fühlen.

Es tue ihm nicht leid, den Film gemacht zu haben - aber der Tod des US-Botschafters in Libyen stimme ihn „traurig“, sagte Nakoula dem arabischsprachigen US-Radiosender Sawa. Er habe den 14 Minuten langen Ausschnitt aus dem Film ins Internet gestellt und überlege, „den ganzen Film zu veröffentlichen“, sagte Nakoula.

In dem Amateurfilm wird der Prophet Mohammed verunglimpft. Bei einer Kundgebung gegen das Video attackierten Angreifer am Dienstag das US-Konsulat im libyschen Bengasi und töteten den US-Botschafter, drei weitere Diplomaten sowie libysche Sicherheitskräfte. Am Freitag griffen Demonstranten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum die deutsche, die britische und die US-Botschaft an. Bei Protesten in mehreren muslimischen Ländern wurden am Freitag mindestens sechs Menschen getötet.

Buchvorlage aus dem Jahr 1994

Der Film über den Propheten Mohammed basiere auf einem Buch, das er 1994 veröffentlicht habe, sagte Nakoula. Er sei dann von „bestimmten Personen“ gebeten worden, einen Film aus dem Buch zu machen - und dieser Bitte sei er nachgekommen. Er hoffe, dass die Menschen den Film zur Gänze sehen, bevor sie ihn beurteilen. Sich selbst bezeichnete er als einen „arabischen Denker“, der sich für islamische Themen interessiere.

Der mit kleinem Budget und in schlechter Qualität hergestellte Film stellt Muslime als unmoralisch und gewalttätig dar. Außerdem beleidigt er den Propheten Mohammed. Zunächst war der Urheber unklar, weil der Film unter dem Pseudonym „Sam Bacile“ herausgegeben worden war. Allerdings führte eine Handynummer, unter der „Sam Bacile“ US-Medien ein Interview gab, zu Nakoulas Haus im Ort Cerritos südlich von Los Angeles.

Film in Indien blockiert

Wegen der gewaltsamen Proteste sperrte das Videoportal YouTube den Zugang zu dem Film in Indien. Pakistan und Afghanistan hatten den Zugang zu dem Film bereits zuvor gesperrt. Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, forderte YouTube ebenfalls auf, den Film von seiner Seite zu nehmen.

Interviews mit absichtlich falschem Akzent

Der „sam bacile“ des YouTube-Kontos müsste laut eigenen Angaben 75 Jahre alt sein. Jener Mann, der nach dem Aufflammen der Proteste als Sam Bacile mehreren Medien Interviews gab und bei dem es sich vermutlich um Nakoula handelt, gab sein Alter manchmal mit 52, manchmal mit 55 an. Auch sprach er in den Interviews mit verschiedenen, offensichtlich imitierten Akzenten, um falsche Fährten zu legen. Einen jüdischen Hintergrund hat der Mann entgegen seinen eigenen Angaben nicht, wie auch Steve Klein, der Prokurist des Filmprojekts, bestätigt.

Klein konnte als Prokurist des Projekts seine wahre Identität nicht verbergen, da er sie etwa beim Anmieten von Studios und Castingaufrufen angeben musste. Den wahren Namen seines Regisseurs will Klein nach eigenen Angaben nicht kennen. Klein seinerseits ist wegen antiislamischer Hetze in den USA bereits amtsbekannt. Sein Hintergrund ist jedoch rechtsextrem-evangelikalisch, wie die US-Nachrichtenplattform Daily Beast nachwies.

Spur zu US-Bürger mit zweifelhafter Vergangenheit

Wie die Nachrichtenagentur AP recherchierte, bediente sich Nakoula des Pseudonyms Bacile in der Vergangenheit schon öfter. Das Haus von Nakoula im Ort Cerritos rund 40 Kilometer südlich von Los Angeles stand die letzten Tage unter Bewachung der Polizei.

Offenbar handelt es sich bei den Verantwortlichen um ein Sammelsurium an rechtsgerichteten Christen, Exilarabern und anderen Menschen, die lediglich der Islamhass verbindet. Klein erklärte für das Kollektiv, man fühle sich für die muslimischen Proteste und die gewaltsamen Eskalationen davon nicht verantwortlich. Bis auf Klein hat sich keiner der Beteiligten aus der Deckung gewagt. Umso verbitterter reagierten die Darsteller des Films, die sich schwerlich verstecken können und die nun zum Teil um ihr Leben fürchten.

Auch Darsteller getäuscht?

Offenbar wurden die Darsteller selbst getäuscht. Im Castingaufruf für den Film war von einem „historischen Wüstendrama“ die Rede, das den Titel „Wüstenkrieger“ tragen werde. Der Name des Regisseurs wurde mit „Alan Roberts“ angegeben, die Rolle des Mohammed als „George“ ausgewiesen. Wie alle Schauspieler einhellig angaben, sprachen sie bei den Dreharbeiten völlig andere Dialoge als die nun im Film hörbaren. Das Video ist tatsächlich zum größten Teil - und speziell in den antiislamischen Passagen - eindeutig nachsynchronisiert.

Darsteller und Mitarbeiter des Films erklärten in einer gemeinsamen Stellungnahme gegenüber dem US-Nachrichtensender CNN, sie seien hintergangen worden, seien empört und fühlten sich "ausgenützt. „Wir stehen zu 100 Prozent nicht hinter diesem Film und sind von seinem Sinn und Zweck abgestoßen. Wir sind schockiert von den drastischen Änderungen am Originaldrehbuch und den Lügen, die uns allen erzählt wurden. Wir sind zutiefst betrübt über die Tragödien, die sich ereignet haben.“

Vor Premiere von Polizei kontrolliert

Eine Gelegenheit, „Sam Bacile“ zu fassen, hatte die Polizei jedenfalls: Sie beobachtete vorsichtshalber die Premiere des Films im Frühsommer nach einem Tipp, dass dort irgendein antiislamischer Film gezeigt werde. Aufgefallen soll den Beamten damals aber vor allem ein Mann im Alter von 45 bis 50 sein, der nervös und schwitzend den Kinoeingang beobachtete. Die Beamten verloren aber das Interesse an ihm, als er sich als Sam Bacile, der Regisseur des Films, vorstellte und seine Nervosität mit der bevorstehenden Premiere seines Streifens erklärte.

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