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Jauffret, der Störenfried

Der französische Autor Regis Jauffret war beim Fritzl-Prozess in St. Pölten zugegen, recherchierte intensiv und führte zahlreiche Interviews: Nun ist, neun Monate nach der Originalausgabe, sein faktengetränkter und dennoch fiktiver Roman „Claustria“ auf Deutsch erschienen.

„Claustria“, ein offenkundiges Wortspiel aus den beiden Elementen Klaustrophobie und Austria, wählte Jauffret nicht von ungefähr. Der 57-jährige Autor hatte sich 2008 und 2009 monatelang in Österreich aufgehalten. Die Beschäftigung mit dem Drama in Amstetten ging an seine Substanz, aber auch abseits davon berichtet er über beklemmende Gefühle, die ihn hierzulande überkommen hätten. Beredte Höflichkeit an der Oberfläche, konterkariert durch das Schweigen in der Tiefe - dieser Widerspruch machte ihm zu schaffen.

Zeitliche Distanz, herbeifabuliert

Um sich den Ereignissen von damals mit einer gewissen Distanz nähern zu können, die eigentlich noch lange nicht möglich ist, wählte Jauffret einen Kunstgriff: Er schreibt aus der Zukunft des Jahres 2055 heraus. Fritzl ist tot - aber einer seiner Söhne lebt noch. Der Blick auf die Gegenwart von heute, auf die Vergangenheit der Kellerjahre und auch auf die letzten Jahre Fritzls, wird also in Rückblenden erzählt.

Fritzl - hier ist immer der fiktive Fritzl Jauffrets gemeint -, berauscht sich noch als Greis an seinen Kellererinnerungen. Zu seinem Sohn, dem einzigen Menschen, der ihn bis zuletzt im Altersheim besucht hat, sagt er: „Erinnerst du dich - als du klein warst?“ Doch der Sohn erinnert sich nicht, beziehungsweise kaum und nur selten - ein Schranke geht herunter, wenn die Sprache auf seine Kindheit und Jugend kommt. Der Keller bleibt für ihn eine oft unzugängliche Zeitkapsel.

Schriftsteller Regis Jauffret

Picturedesk.com/Andersen Ulf/Eyedea

Regis Jauffret, Autor von „Claustria“

„Ein einziger Keller auf der ganzen Welt“

Im Interview mit Ö1 sagte Jauffret zum Erscheinen seines Buches in Frankreich im Jänner, dass ihn vor allem fasziniert habe, „dass Menschen auf die Welt kommen und leben konnten, ohne jemals die Realität der Welt gesehen zu haben und doch alles von ihr wussten, weil sie sie im Fernsehen gesehen hatten“. In zahlreichen Artikeln über das Buch war der Vergleich mit Platons Höhlengleichnis bemüht worden.

Jauffret spricht in „Claustria“ auch explizit von „Höhlenmenschen“, und an einer Stelle heißt es: „Ein einziger Keller auf der ganzen Welt, die kleinen Begebenheiten des Alltags und das Fernsehen, das vielleicht tagtäglich die Geschichte einer untergegangenen Zivilisation erzählt. Die Sender, die auf den Höhen überlebt haben, strahlen ins Leere hinein Nachrichten von damals aus.“

Brutalität - dem Leser gegenüber

Jauffrets Haltung ist nicht leicht auf einen Nenner zu bringen - gut möglich, dass er nicht nur bei seinen Recherchen, sondern auch beim Verfassen des Buches einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt war. Er sprach davon, den Roman in einer ebenfalls klaustrophobischen Situation geschrieben zu haben. Einmal gibt sich Jauffret in seiner klaren Sprache einfühlsam - dann wieder dominiert schonungslose Brutalität, nicht nur gegenüber dem Leser - auch gegenüber Fritzls Opfern.

So schreibt er etwa, die Einsamkeit von Fritzls Tochter im Keller sei so weit gegangen, dass sie sich nach dem Penis ihres Vaters gesehnt habe, wenn dieser manchmal tagelang nicht anwesend gewesen sei. Schließlich sei das der einzige Penis gewesen, der in den vielen Jahren des Kellermenschendaseins für sie greifbar war.

Experte für Grausamkeiten

Der 57-jährige Regis Jauffret, der in seinem Werk von Anfang an den ganz gewöhnlichen Wahnsinn, das Grausame und Schreckliche im Menschen auszuleuchten versuchte, hat sich jetzt bereits zum zweiten Mal von einem Kriminalfall inspirieren lassen. Sein vorheriges Buch trägt den Titel „Streng“, ist bisher als Einziges auch auf Deutsch erschienen und rollt den Fall des zum Freundeskreis von Nicolas Sarkozy gehörenden französischen Starbankers Edouard Stern wieder auf, der 2005 in Genf von seiner Mätresse bei einem sadomasochistischen Spiel erschossen wurde - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Von Fritzls Perversionen pervertiert

An dieser Stelle des Buches freilich hat Jauffret längst die mannigfaltigen Perversionen seziert, denen Fritzls Familie ausgesetzt gewesen war. Aber den einen Schritt weiter zu gehen, und Fritzls Tochter als pervertiert - wenn auch von den Perversionen des Vaters - darzustellen, ist eine Zumutung, der man sich als Leser nur ungern aussetzt. Kann die Verzweiflung eines Menschen tatsächlich so weit gehen? Darf jemand in diese Richtung spekulieren - auch in Hinblick auf einen Schutz der Opfer?

Die Grenze der Conditio Humana wurde ausgereizt - von Fritzl, und Jauffret will ihm und seiner Familie an diese Grenze und darüber hinaus folgen. Die Gewalt in „Claustria“ kommt dabei genauso einer Provokation gleich und würde Stoff für einen handfesten Skandal liefern, wie das Einfühlen in die verarmte Gedanken- und Gefühlswelt Fritzls, vor allem das Mitdenken der Motive von Fritzls Handeln.

Die schwere Kindheit des Jauffret-Fritzls

Denn Jauffret stellt, auch hier entlang der Realität fabulierend, Fritzls schwere Kindheit dar. Seine Mutter habe ihn regelmäßig geschlagen und eingesperrt. Damit liefert Jauffret etwas nach, das in der Realität niemand, auch kein Psychiater, wirklich klären konnte: eine Begründung dafür, wieso Fritzl zu solcher Grausamkeit, zu solcher Perfidie, über einen so langen Zeitraum hinweg fähig war.

Im Buch war folgerichtig Fritzls Mutter sein erstes Opfer. Noch vor den Kindern habe er seine Mutter jahrzehntelang weggesperrt - auf den Dachboden. Und Fritzl selbst, den Jauffret in leuchtenden Farben als unerbittlichen, aber nicht geisteskranken Kerkermeister darstellt, habe überhaupt keinen Skandal in den Vorgängen im Keller gesehen.

Frei von jeder Moral

Nicht krank sei Fritzl gewesen, legt Jauffret nahe. Aber aufgrund seiner Geschichte fehle ihm jegliche Anlage für eine Art von Moralempfinden, die von anderen Menschen außer ihm selbst nachvollziehbar ist. Er glaubte, seine Familie richtiggehend verwöhnt zu haben, darauf ist der Jauffret-Fritzl stolz (auch vom echten Fritzl wurden angebliche Aussagen in diese Richtung kolportiert). Als der Anwalt ihm nahelegt, bei seiner Entlassung aus dem Gefängnis den Hintereingang zu nehmen, scheint er verwundert zu sein: „Enttäuscht blickte Fritzl auf und starrte traurig den ausgeschalteten Fernseher an.“

Veranstaltungshinweis

Am 24. September ist Regis Jauffret im Wiener Rabenhof zu Gast. Nicholas Ofczarek wird aus dem Roman lesen, der Journalist Charles E. Ritterband mit dem Autor sprechen.

Aber Jauffret weiß, dass er bei alldem im Dunkeln tappt, in verschiedenen Interviews hat er das freimütig eingestanden. Trotz seiner Anwesenheit im Prozess, trotz seiner zahlreichen Recherchen und Interviews in Österreich sei er dem realen Fritzl nicht wirklich nähergekommen. Immerhin doch so nahe, dass der Autor bei den Recherchen immer wieder Pausen einlegen musste, weil er sonst psychisch nicht durchgehalten hätte.

Zeitungsberichte über den Fall Fritzl

APA/Roland Schlager

„Wie war das möglich?“ Bis heute gibt es keine Antwort auf diese Frage

Keine Gnade mit Österreich

Ein Opfer hat jedenfalls auch Jauffrets Buch zu beklagen: Österreich im Allgemeinen, Amstetten im Besonderen. Niemand kommt hier gut weg. Nicht Fritzls Anwalt, der als Witzfigur dargestellt wird, kein Psychiater, die Medien nicht und schon gar nicht die Nachbarn, die nichts gehört haben wollen. Jauffret lässt im Buch fiktive Experten aufmarschieren, die beweisen, dass es technisch nicht möglich gewesen sei, dass die Umgebung nichts mitbekommen habe von Fritzls Treiben.

Jauffret im Ö1-Interview: „Ich habe den Eindruck, Österreich nimmt sich nicht sonderlich ernst und ist ein ziemlich nihilistisches Land“ - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Und die Polizei wird bezichtigt, diese Beweise für mannigfaltige Mitwisserschaft, oder zumindest mühsam verdrängte Mitwisserschaft, unter den Tisch gekehrt zu haben, um aus dem Fall Fritzl keinen Fall Österreich zu machen. Wie damals alle internationalen Medien glaubt auch Jauffret nicht an Zufall, dass zwei Fälle (Natascha Kampusch und Amstetten) gleichzeitig in diesem Land stattgefunden haben.

Inzest „typisch österreichische Angelegenheit“

Dem (fiktiven) Anwalt Fritzls legt Jauffret folgende Worte in den Mund: „Sie wissen doch, dass Inzest bei uns ein geringfügiges Vergehen ist. Höchstens drei Jahre Gefängnis, und das auch nur, wenn man einen schlechten Anwalt hat. Würde man im ganzen Land DNS-Tests durchführen, würde herauskommen, dass eine beträchtliche Anzahl unserer Mitbürger die Frucht eines inzestuösen Verhältnisses ist. Das ist eine typisch österreichische Angelegenheit (...).“

Nur keine Grabesruhe

Jauffrets wahre Kunst liegt jedenfalls darin, trotz aller Zumutungen ein lesbares Buch zu einem Thema geschrieben zu haben, bei dem man meinen hätte sollen: Die Realität hat hier die Fiktion in einer Art und Weise überholt, dass die tatsächlichen Geschehnisse für jede Art von Dichtung nicht zu fassen sein können. Doch Jauffret umgeht, nicht zuletzt durch seine Sprache und den häufigen Wechsel der Tonarten und Perspektiven, Fallstricke wie populistischen Sensiationalismus und tränenschwangeres Mitleiden.

Regis Jauffret: Claustria. Verlag: Lessingstrasse 6, 528 Seiten, 24,90 Euro.

In Frankreich wurde er für seinen Roman mit Flaubert und Dostojewski verglichen. Hierzulande wird es schwerfallen, sich so weit auf die fiktive Geschichte einzulassen, dass man sie nach ihren literarischen Qualitäten bewertet. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung hat zwar eher damit zu tun, dass Jauffret sich so lange mit dem schwierigen Stoff abmühte, aber er ist dennoch ideal. Gerade hatten sich die Wogen geglättet, man war zum Alltag übergegangen, das Vergessen hatte eingesetzt. Hierbei stört Jauffret. Das ist sein Verdienst.

Simon Hadler, ORF.at

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