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Zeitgeschichte als Fiktion

In Frankreich boomt - zumindest was die öffentliche Aufmerksamkeit anlangt - ein besonderes Genre: Zeitgeschichtsschreibung als Fiktion. Nach Laurent Binets prämierter Heinrich-Himmler-Biografie „HHhH“ in Romanform wurde Anfang des Jahres ausgerechnet der Fall Fritzl im Grenzbereich zwischen Realität und Fiktion als literarisches Großereignis gefeiert.

Wie schreibt man über das Unvorstellbare bzw. über Menschen, die Unvorstellbares begehen? Die Literatur scheint nach Jahrzehnten endloser Debatten über die ideale Darstellungs- und Erzählformen in der Geschichtsschreibung einmal mehr das Medium, um sich unerklärlichen wie barbarischen Taten zu stellen.

Littell und die Folgen

Jonathan Littell hat mit den „Wohlgesinnten“ und den Taten eines SS-Offiziers im französischen Roman den Boden für eine Serie an Nachfolgewerken bereitet, die sich noch stärker als er mit der Aufarbeitung realer Geschichte im Feld des fiktionalen Texts widmen. Der junge Autor Laurent Binet sicherte sich nach einer mittelmäßig beachteten Reality-Fiction über seine Unterrichtsjahre an einer Pariser Universität („La Vie professionnelle de Laurent B.“ - ein bisschen kokett anspielend auf Cathrine Millets Bestseller „La Vie sexuelle de Catherine M.“) mit einem Roman über die Biografie Reinhart Heydrichs 2010 immerhin den höchsten Literaturpreis des Landes, den Prix Goncourt.

Man erfährt im vieldiskutierten „HHhH“ („Himmlers Hirn heißt Heydrich“) nichts Neues zur Biografie Heydrichs, dafür umso mehr über den Weg des Schriftstellers hin zu einer der monströsen Figuren des NS-Regimes: Dass sich ein Autor mit dem literarischen Ich kreuzt und dabei heikle zeithistorische Fragen angreift, elektrisiert in Frankreich die Debatten liebende Kulturszene.

„Claustria“: Fiktion zu einem monströsen Verbrechen

So auch jetzt im Fall des Autors Regis Jauffret, der sich in seinem vorletzten Roman „Severe“ („Streng“) dem Ende des mit Frankreichs Staatschefs befreundeten Bankiers Edouard Stern und dessen Ableben bei Sado-Maso-Spielen mit seiner Geliebten widmete. In „Claustria“ hat er neue Zutaten für ein vielbeachtetes Werk der Realitätsfiktion gewählt: ein Land mit bekannt schwieriger Vergangenheit und ein monströses Verbrechen - den 2008 aufgeflogenen Fall Fritzl mit der über 25 Jahre in einem Keller eingesperrten und missbrauchten Tochter.

Französischer Schriftsteller Regis Jauffret

picturedesk.com/AFP/Jean-Pierre Muller

Regis Jauffret erklärt sich dieser Tage ausführlich im französischen Feuilleton

Jauffret beginnt seinen Roman aus der Zukunftsperspektive, über einen der Söhne des Opfers, der als Einziger den Täter im Altersheim besucht. Die Namen der Opfer ändert er, so heißt die Fritzl-Tochter Angelika. Nur der Täter behält seinen realen Namen. Aus der fiktionalen Zukunft begibt er sich langsam zurück in die Gegenwart, beschreibt den Prozess und auch das erste Mal den Weg in den Keller von Amstetten.

Die Übersetzerin Nina

Jauffret hat das Fritzl-Verfahren, obwohl er nicht Deutsch kann, selbst mitverfolgt. Er brauchte eine Übersetzerin - ein fast schon metaphorischer Vorgang für die Konstruktion seines Romans. Die Übersetzerin taucht auch im Roman als Gestalt namens Nina auf. Lange habe er für seinen Roman seit dem Vertrag mit dem Verlag Seuil gebraucht, lässt der Autor in zahlreichen Interviews durchblicken. Jauffret beschreibt selbst eine klaustrophobe Situation beim Schreiben, und sie scheint wohl auch in den Titel eingeflossen zu sein, in der Überblendung von „claustrophobie“ und „Austria“.

Buchhinweis

Regis Jauffret: Claustria. Verlag: Lessingstrasse 6, 528 Seiten, 24,90 Euro.

Österreich, „ein nihilistisches Land“

Österreich beschreibt Jauffret im Gespräch mit dem ORF-Frankreich-Korrespondenten Hans Woller als „nihilistisches Land“, zugleich als ein Gebilde, das sich selber nicht „sehr ernst“ nehme - mehr dazu in oe1.ORF.at. In so gut wie allen Feuilletons widmet man sich dem gerade erschienenen Roman. Und der Autor steuert geschickt die Rezeption seines Werkes.

Vom „totalen Monster“ („Nouvel Observateur“) ist da die Rede - und die Querverweise auf die hohe Literatur legt der Autor selbst, etwa in einem Interview mit „Paris Match“, wo er seine Arbeit in eine Reihe mit Truman Capotes Klassiker „In Cold Blood“ stellt. „Alles ist Horror in dieser Geschichte“, so Jauffret. „Ja, Fritzl ist ein Monster, aber das ist zugleich ein bisschen kurz gegriffen und erklärt gar nichts. Sein Problem ist, dass er einsam ist.“ Doch niemand, so der Autor, könne den Verbrecher verstehen, schon gar nicht seine Psychiater. Bleibt der Autor. Nein, auch er könne die Psychologie des Verbrechers nicht verstehen, so Jauffret.

Höhlenmenschen, Kellermenschen

Ihn interessiere aus der Perspektive der Kinder, die dem Kellerverbrechen entstammen, wie man neue Werte genau aus dieser Erfahrung sammle. Jauffret spricht von Höhlenmenschen - und man muss nicht lange raten, dass im Feuilleton die Assoziationen zum Werk bis zu Platons Höhlengleichnis reichen. Ob tatsächlich alle in der aktuellen Debatte hervorgeholten Querverweise auf Dostojewski und auch Flauberts „Madame Bovary“ angemessenen erscheinen, kann man nun auf Deutsch überprüfen.

Gerald Heidegger, ORF.at

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