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Kein „Frühling“ unter Kim Jong Un

Einer der größten chinesischen Investoren hat Anfang September andere Unternehmen davor gewarnt, ihre Geschäftstätigkeiten nach Nordkorea auszuweiten. Die Lage in Nordkorea sei nicht dazu geeignet, so der Vorstand der Stahlfirma Xiyang Group. Der Rückzug ist für Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ein Desaster, sind die Chinesen doch der einzige Partner des verarmten Landes.

Es sei ein „Alptraum“, in Nordkorea zu arbeiten, sagte Wu Xisheng, Vizechef des Minen- und Stahlkonzerns Xiyang, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Sein Unternehmen sei von den nordkoreanischen Partnern betrogen worden, die entgegen den Vertragsbestimmungen die Kosten für Land, Energie, Wasser und Arbeit drastisch erhöht hätten. Ziel sei es gewesen, die verhassten Ausländer aus dem Land zu treiben, ist sich Xiyang sicher.

„Haben einfach nicht die Voraussetzungen“

Xiyang hatte sich vor vier Jahren um 36 Mio. Euro in ein Unternehmen zur Eisengewinnung eingekauft. Doch das Projekt scheiterte. „Es betrifft nicht nur uns, so geht es allen Unternehmen, die in Nordkorea investieren wollen“, sagte Wu. „Es gibt einfach nicht die notwendigen Bedingungen für ausländische Firmen. Sie sagen zwar, dass sie Investoren begrüßen, aber sie haben einfach nicht die rechtlichen und sozialen Voraussetzungen.“

Kim Jong Un betrachtet Dachziegel in einer Fabrik

APA/EPA/KCNA

Kim Jong Un bei seinem jüngsten Besuch einer Dachziegelfabrik

Nordkorea überrascht mit Kritik an China

Die Vorwürfe treffen Nordkorea hart, denn seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist China der einzige echte Partner der isolierten Atommacht. Dementsprechend überraschend war die harsche Reaktion auf die Vorwürfe. In einer Aussendung beschuldigte Nordkorea am Mittwoch seinerseits das chinesische Unternehmen, es habe Vereinbarungen nicht eingehalten. In den vier Jahren sei nur die Hälfte der versprochenen Gelder geflossen, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA einen Sprecher des Ausschusses für Joint Ventures und Investment.

Bisher hatte Nordkorea noch nie öffentlich Kritik an China oder einem seiner Unternehmen geübt. In der KCNA-Mitteilung werden die Vorwürfe von Xiyang als konzertierte Medienkampagne bezeichnet, um das Ansehen Nordkoreas zu beschmutzen. Das Zerwürfnis kommt überraschend: Erst Mitte August hatten die beiden Staaten die gemeinsame Entwicklung von Sonderwirtschaftszonen im nordkoreanischen Grenzgebiet vereinbart. Auch die erste Auslandsreise Kims sollte im September nach Peking führen, wo er für neue Investitionen werben wollte.

Peking in der Zwickmühle

Doch der Rückzug Xiyangs zeigt deutlich die Schwierigkeit, mit der Firmen in Nordkorea konfrontiert sind. Die Wirtschaft liegt am Boden und ist laut einer UNO-Berechnung sogar schwächer als noch vor 20 Jahren. Dennoch drängt Peking chinesische Unternehmen, dem notleidenden Nachbar unter die Arme zu greifen. „Die chinesische Regierung hilft nicht, sie ist nur an politischer Stabilität interessiert“, glaubt Wu. Die Volksrepublik befürchtet nämlich, dass die Wirtschaftskrise im Nachbarland Tausende Nordkoreaner über die Grenze nach China treiben könnte.

Schwindende Investitionen

Dabei sitzt Nordkorea auf wertvollen Rohstoffquellen, die von Gold über Eisen bis zu Seltenen Erden reichen. Doch selbst die mutigsten Pioniere haben sich bisher die Zähne an der wirtschaftsfeindlichen Politik der kommunistischen Diktatur ausgebissen. Zwischen 2003 und 2009 beliefen sich die chinesischen Investitionen in Nordkorea auf 98 Mio. Dollar, das sind gerade einmal zwölf Prozent der Summe, die im gleichen Zeitraum in Südkorea investiert wurde, wie aus einem Bericht des Korea-Experten Drew Thompson aus dem Jahre 2011 hervorgeht.

Vor allem die Suche nach geeigneten Unterkünften, die schlechte Infrastruktur und das politische Klima hätten dazu geführt, dass die Investitionen „kleiner und weniger erfolgreich sind als in den anderen benachbarten Staaten“, schreibt Thompson. Die Abhängigkeit vom mächtigen Nachbarn ist daher groß. 89 Prozent des gesamten Außenhandels wird mit China abgewickelt.

Warten auf Reformen

Von dem Wunsch nach Autonomie und Selbsterhaltung ist Nordkorea aber meilenweit entfernt. Schon lange ist das Regime, das jahrzehntelang ausschließlich in das Militär investierte und die Landwirtschaft und Industrie stiefmütterlich behandelte, nicht mehr in der Lage, seine Bevölkerung zu ernähren. Zudem dürfte die diesjährige Ernte wegen des schlechten Wetters noch magerer ausfallen.

„Kim Jong Un braucht mehr als seine Vorgänger wirtschaftlichen Erfolg für seine politische Legitimation“, erklärte Rüdiger Frank, Universitätsprofessor für East Asian Economy and Society der Universität Wien, gegenüber Reuters. „Dafür bedarf es jedoch Maßnahmen, die die Wirtschaft ankurbeln, also Reformen.“ Doch bisher ist von Reformeifer wenig zu sehen.

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