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Kamera und Smartphone fusionieren

Zur Herbstsaison 2012 haben die Hersteller Samsung, Nikon und Sony Digitalkameras vorgestellt, die sich mit dem Internet verbinden und mit Apps erweitern lassen. Ein Blick auf die Geräte und die mit ihnen verbundenen Strategien lässt erahnen, ob diese neuen Smartcams einen kurzfristigen Trend oder einen Umbruch in der konservativen Fotobranche darstellen.

Über fünf Millionen Digitalfotos werden täglich nach Angaben des Anbieters auf den Fotodienst Instagram hochgeladen. Auch wenn Onlinefotodienste schon seit langer Zeit existieren - Social-Web-Pionier Flickr etwa ging bereits 2004 ans Netz -, haben Smartphones mit ihren zum Teil hochwertigen internen Kameras und den dazugehörigen Apps und Services das Thema vernetzte Fotografie auf ein neues Niveau gehoben. Dass Steve Jobs das iPhone 4 bei dessen Präsentation mit einer Leica verglich, zeigt den Stellenwert, den er der Fotografie beimaß.

Einige Zeit sah es so aus, als ob die Hersteller von Digitalkameras sich von der Entwicklung überrollen ließen. Netzwerkfähig wurden Kameras durch teure und umständliche WLAN-Adapter oder durch Einsatz von Produkten eines Drittherstellers wie den SD-Karten von Eye-Fi. Hatten sie die Netzwerkfähigkeit schon eingebaut, wie etwa verschiedene Kompaktmodelle von Kodak, Canon, Samsung oder Nikon, waren sie im Gebrauch zahlreichen Einschränkungen unterworfen.

Eingeschränkte Möglichkeiten

So ließen sich Bilder nur auf die proprietären Onlinedienste der Hersteller hochladen oder als Mail-Attachment verschicken. Da viele WLANs im öffentlichen Raum die Nutzer erst zur Eingabe einer Bestätigung auf eine Webpage umleiten, blieben viele dieser Netze den frühen WiFi-Kameranutzern verschlossen, da den Geräten der eingebaute Webbrowser fehlte.

Für die Herbstsaison 2012 haben die ersten Hersteller jedoch Geräte vorgestellt, die man als Smartcams bezeichnen könnte. Sie verfügen über netzwerkfähige Betriebssysteme, der Käufer kann sie mit den ab Werk eingebauten drahtlosen Netzwerkmodulen mit dem Internet verbinden und ihre Funktionen durch herunterladbare Zusatzprogramme (Apps) erweitern.

Besser aussehen auf Facebook

Die bildgebenden Sensoren in den netzwerkfähigen Kameras sind den meisten ihrer Pendants in den Handys überlegen. Zudem bieten sie ein optisches Zoom mit Bildstabilisator oder gar die Möglichkeit zum Objektivwechsel. Nur telefonieren kann der Anwender mit den Smartcams ab Werk nicht. Nikon fasst in einem Werbevideo das Versprechen zusammen: Die Nutzer der Kameras können schönere Bilder auf Facebook & Co. hochladen und damit ihr Prestige im Social Web erhöhen, ohne mehr Aufwand treiben zu müssen.

Samsung Galaxy Camera

Samsung

Android-Gerät mit Superzoom: Samsung Galaxy Camera

Der südkoreanische Konzern Samsung vertreibt seine Smartcam konsequenterweise über seine Mobilfunksparte. Sie teilt mit den Smartphones des Herstellers nicht nur den Markennamen Galaxy, sondern auch das Betriebssystem, nämlich Googles Android 4.1 alias „Jelly Bean“. Als einzige der angekündigten netzwerkfähigen Kameras ist sie nicht nur mit WLAN (802.11b/g/n) und Bluetooth (4.0), sondern auch in einer Version mit UMTS-Modul (HSPA+, bis zu 21 Mbps) erhältlich.

Verbunden mit Android

Die Kamera lässt sich wie ein Android-Smartphone bedienen, der Anwender kann das Gerät über den Touchscreen steuern, im Web surfen, Mails abrufen, die Apps seiner Wahl aus dem Google Play Store installieren. Beim Prozessor hat Samsung nicht gespart, ein Quad-Core-Prozessor mit 1,4 GHz treibt die Smartcam an. Dank des eingebauten GPS-Empfängers kann der Nutzer seine Fotos vor dem Hochladen mit Koordinaten versehen und über Dienste wie Panoramio auf Google Maps verorten.

Der Speicher der Galaxy Camera lässt sich über Micro-SD-Karten (bis SDXC) erweitern. Auf Wunsch kann der Anwender seine Bilder auch sofort nach Aufnahme automatisch auf einen Speicherdienst von Samsung hochladen. In der vollen Auflösung von 16 Megapixeln ist das aber nicht empfehlenswert. Einen RAW-Modus bietet die Galaxy Camera nicht. Der optische Brennweitenbereich des Geräts reicht - umgerechnet auf Kleinbild - von 23 bis 481 mm. Das Superzoom sorgt auch dafür, dass die Galaxy Camera mit 305 Gramm wesentlich schwerer ist als ein Galaxy S III (133 g).

Auf den österreichischen Markt soll die Galaxy Camera laut Auskunft von Samsung gegenüber ORF.at Ende Oktober kommen. Der Preis steht noch nicht fest.

Nikon S800c

Nikon

Nikons Android-Smartcam Coolpix S800c

Coolpix als Taschencomputer

Während die Galaxy Camera eher aus der Smartphone-Welt kommt, ist das Konkurrenzmodell Coolpix S800c von Nikon eher eine Kompaktkamera mit integriertem Android-Computer. Mit dem Internet verbindet sich das Gerät über WLAN (802.11b/g/n) oder über Bluetooth (2.1+EDR), eine Version mit UMTS gibt es nicht. Abseits öffentlicher WLAN-Zugänge kann sich das Gerät nur dann mit dem Internet verbinden, wenn der Nutzer ein weiteres Mobilgerät mit sich führt, das sich als Hotspot konfigurieren lässt.

Als Betriebssystem setzt Nikon das mittlerweile etwas veraltete Android 2.3 ein, als Prozessor ein Modell auf Basis der Cortex-A9-Architektur von ARM (ohne Angabe der Anzahl von Prozessorkernen). Inwieweit sich die Kamerahersteller auf die Updatezyklen der Computerbranche und die sicherheitstechnischen Herausforderungen an Internetgeräte einlassen, bleibt abzuwarten.

Skypen mit der Kamera

Auf der Kamera ist eine App für den Zugang zu Nikons eigenem Onlinebilderdienst MyPicturetown.com vorinstalliert. Es lassen sich aber auch Apps für andere Dienste auf die Kamera laden, so wirbt Nikon auch mit der Facebook-Kompatibilität der Kamera.

Die Kamera funktioniert - wie das Konkurrenzmodell von Samsung - als gewöhnliches Android-Gerät. Der Nutzer kann damit im Web browsen, seine Mails abrufen und viele andere Dienste und Anwendungen nutzen. Wenn man Skype auf der Kamera installiert, kann man sie zum VoIP-Telefonieren verwenden - auch mit Bluetooth-Headset.

Für die Installation von Apps stehen 680 MB des internen Speichers zur Verfügung. Wie die Galaxy Camera verfügt die S800c über einen GPS-Empfänger, über den das System die angefertigten Bilder mit Koordinaten versehen kann.

Zweitakku sinnvoll

Anders als Samsung gibt Nikon auf seiner Website an, wie viele Aufnahmen sich mit einem voll geladenen Akku machen lassen, im Fall der S800c sind es 140 Fotos bei Verwendung des Akkus EN-EL 12 (1050 mAh). Die technisch eng verwandte Coolpix S8200 schafft mit einer Ladung desselben Akkumodells nach Herstellerangaben rund 250 Fotos. Zum Vergleich: Der Akku der Galaxy Camera hat eine Kapazität von 1.650 mAh, der eines Samsung Galaxy S III 2.100 mAh.

Die Angaben über die Anzahl von Fotos, die mit einer Akkuladung gemacht werden können, basieren auf einem standardisierten Testverfahren der japanischen Camera & Imaging Products Association (CIPA) aus dem Jahr 2003 (CIPA DC-002 2003). Darin ist unter anderem festgelegt, wie häufig ein eingebauter Blitz im Test gezündet werden muss. Von Stromfressern wie WLAN und häufig aktivierten Touchscreens ist darin noch keine Rede. Daher sind diese Informationen eher mit Vorsicht zu genießen. Der Kauf eines Zweitakkus ist bei häufigem WLAN-Einsatz auf der S800c sicher keine schlechte Idee.

Sowohl Samsung als auch Nikon verbauen in ihren Android-Smartcams die für Kompaktkameras üblichen kleinen 1/2.3"-Sensoren (CMOS). Der optische Zoombereich der Nikon ist mit umgerechnet 25-250 mm kleiner als jener der Samsung. Mit 184 Gramm inklusive Akku und SD-Speicherkarte ist die Nikon aber auch wesentlich leichter als ihr südkoreanischer Konkurrent.

Der Einstandspreis der Coolpix S800c liegt bei 399 Euro. Vergleichbare Coolpix-Modelle ohne WLAN und Android kosten knapp die Hälfte.

Rückseite der Sony Nex-5R mit angezeigten Apps.

Sony

App-Auswahlbildschirm der Sony Nex-5R

Neuer App-Shop von Sony

Einen völlig anderen Ansatz als Samsung und Nikon verfolgt der japanische Elektronikkonzern Sony. Er verzichtet auf den Einsatz von Android als Betriebssystem. Unter der bunten Benutzeroberfläche der Nex-Kameras arbeitet schon seit Einführung der Serie ein Embedded Linux, das grundsätzlich die Netzwerkfähigkeit schon mitbringt.

Bisher fehlte den Nex-Kameras ab Werk aber der WLAN-Adapter. Das hat sich mit dem Modell Nex-5R geändert, das auf der Internationalen Funkausstellung 2012 vorgestellt worden ist. Eine UMTS-Option fehlt ihr allerdings ebenso wie ein eingebauter GPS-Empfänger. Anders als mit den beiden Android-Smartcams lässt es sich mit der Nex-5R nicht im Web surfen, auch Games und andere Zusatzprogramme, die nichts mit Fotografie zu tun haben, gibt es nicht.

Fernsteuerung und Retusche

Zum Verkaufsstart der Nex-5R in der zweiten Oktoberhälfte soll auch Sonys Onlineshop unter dem Namen PlayMemoires Camera Apps ans Netz gehen. Dort gibt es eine Reihe proprietärer Zusatzprogramme, mit denen der Nex-Besitzer seine Kamera mit neuen Funktionen ausstatten kann - ohne dafür einen PC zu benötigen.

Sony sieht die Nex-5R weniger als Konkurrent als vielmehr als Ergänzung zum Smartphone. Das Unternehmen bietet kostenlose Apps für Android- und iOS an, mit denen sich Kamerafunktionen fernsteuern und Dateien an Facebook und andere Dienste im Netz übertragen lassen. Letzteres kann die Kamera - WLAN-Zugang vorausgesetzt - aber auch ohne Zuhilfenahme von Smartphone oder PC. Mit einer Retuschier-App lassen sich einige Schritte der Bildbearbeitung vor dem Upload in der Kamera erledigen. Auch Belichtungsreihen und Zeitraffervideos sollen sich mit Hilfe spezieller Apps in der Kamera erstellen lassen.

In Österreich erst ab 2013

Auf Anfrage von ORF.at hieß es von Sony, dass der PlayMemories-Store in Österreich erst Anfang 2013 ans Netz gehen werde - die Kamera selbst ist freilich auch ohne Apps benutzbar. Die ersten Apps werde man den Nutzern gratis zur Verfügung stellen, es sei aber auch in der Diskussion, Bezahlanwendungen anzubieten. Der PlayMemories-Shop läuft auf Basis des Sony Entertainment Networks, über das auch Audio- und Videoinhalte für andere Sony-Geräte verkauft werden. Man könne sich auch vorstellen, das System für Drittanbieter zu öffnen.

Als Kamera spielt die Nex-5R in einer höheren Liga als die Smartcams von Nikon und Samsung. Sie ist Teil eines wachsenden Systems von Wechselobjektiven, Zubehörteilen und Videokameragehäusen und verfügt über einen großen 16-Megapixel-Sensor im APS-C-Format, der für sehr rauscharme Bilder und hohen Kontrastumfang auch bei hohen Empfindlichkeitsstufen sorgt. Das schlägt sich auch im Preis nieder.

Mit dem Standardobjektiv 18-55mm 3.5-5.6 OSS kostet das Gerät zum Start 749 Euro. Das Vorgängermodell Nex-5N ohne WLAN und App-Shop-Anbindung und mit einem weniger ausgefeilten Autofocus-System ist inklusive Objektiv derzeit für rund 550 Euro zu haben.

Spaßbremse Datenroaming

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Anschluss ans mobile Datennetz eine wichtige Option für Digitalkameras aller Klassen ist. Wie schnell sie für die Konsumenten kaufentscheidend werden wird, hängt auch von den Tarifen in den Mobilfunknetzen ab. Die derzeitigen Preise für Datenroaming sind in der Regel prohibitiv hoch, so dass eines der wichtigsten Anwendungsszenarien, Bilder im Urlaub ins Soziale Netz hochzuladen, unrealistisch ist.

Was die Apps angeht, so kommt es darauf an, wie die Hersteller das Konzept umsetzen. Kameras, die sich vom Nutzer mit Programmen erweitern lassen, gab es schon zu Zeiten der Filmfotografie. Anfang der 1990er Jahre hat Canon die EOS 10 angeboten, in die sich je nach Aufnahmesituation per Barcode-Scanner die optimalen Belichtungsparameter einlesen ließen. Minolta bot einige Jahre lang für seine Kameras Chipkarten mit solchen Belichtungsprogrammen oder Spezialfunktionen an. Durchgesetzt hat sich beides nicht.

Die offene Kamera

Angesichts der Überfrachtung zahlreicher Digitalkameras mit Funktionen und Motivprogrammen kann es aber ergonomisch sinnvoll sein, wenn die Hersteller bestimmte Optionen als Downloads verfügbar machen. Wichtige Funktionen in kostenpflichtige Apps zu packen, dürfte angesichts des harten Wettbewerbs auf dem Markt dagegen keine gute Idee sein.

Durch die Verwendung von Android steht freien Entwicklern der Zugriff auf die Funktionen der Kamera offen. Interessant wäre es, wenn die Hersteller den Drittentwicklern mehr Unterstützung durch technische Dokumentation und Software bieten würden. So könnte eine Ökosphäre aus neuen Diensten und Ideen um die Geräte entstehen, von der auch die Konsumenten profitieren könnten. Ob sich die Fotobranche, die lange auf geschlossene Systeme gesetzt hat, auf die Strategien der Softwareindustrie einlassen wird, bleibt abzuwarten. Mit dem Einsatz von Android als Betriebssystem ist jedenfalls ein erster Schritt in diese Richtung getan.

Günter Hack, ORF.at

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