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Weltweiter Protest von Opferverbänden

Eigentlich sollte das Medikament Contergan Schwangeren Ende der 50er Jahre über Schmerzen hinweghelfen - doch der enthaltene Wirkstoff Thalidomid führte bei schätzungsweise 10.000 Kindern weltweit zu dauerhaften Schäden und schwerwiegenden Fehlbildungen.

Die Firma Grünenthal vertrieb das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan von 1957 bis 1961 weltweit - in Deutschland beispielsweise jahrelang rezeptfrei. Auch in Österreich war es erhältlich, allerdings nur gegen Rezept. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Kinder mit schweren Missbildungen an Armen und Beinen zur Welt. In Österreich wurde das Medikament unter dem Namen Softenon verkauft, es gab zwölf Fälle von geschädigten Kindern. Grünenthal musste Contergan 1961 vom Markt nehmen.

„Wir bitten um Entschuldigung“

Doch dann folgte Funkstille. Die Tausenden Opfer warteten bis 2012 auf eine Entschuldigung der Pharmafirma. Am Freitag wurde schließlich in der Nähe der deutschen Stadt Aachen ein Denkmal enthüllt, und Grünenthal-Geschäftsführer Harald Stock wandte sich im Zuge dessen erstmals an die Opfer: Es sei bedauerlich, dass Grünenthal nicht früher auf die Opfer zugegangen sei, erklärte Stock. „Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen, von Mensch zu Mensch, gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen“, so Stock in seiner Ansprache weiter.

Contergan-Demonstration

dpad/Jens Schlueter

Protestaktion vor dem Standort des Denkmals in Aachen

Zorn bei Opferverbänden

Doch diese späte Entschuldigung der Firma Grünenthal ist bei den Contergan-Geschädigten und bei vielen Opferverbänden nicht gut angekommen - ganz im Gegenteil: Die Worte sorgen weltweit für Aufregung. „Wir erwarten Taten, und wenn diese Taten nicht folgen, dann bleibt dies nur eine leere Hülse und ein PR-Gag“, sagte etwa die Sprecherin des deutschen Bundesverbands Contergan-Geschädigter am Samstag der Nachrichtenagentur AFP.

Der Geschädigtenverband nehme „diese menschliche Rede zur Kenntnis“, sagte Sprecherin Ilonka Stebritz mit Blick auf die Entschuldigung von Grünenthal-Chef Stock tags zuvor. Zugleich wies sie darauf hin, dass sich das Pharmaunternehmen nicht für die Einführung des Medikaments vor rund 50 Jahren entschuldigt habe.

Contergan-Demonstration

APA/dpa/Henning Kaiser

Protest vor der Firmenzentrale in Aachen: Grünenthal ist seit der Gründung 1946 in Stolberg in Besitz der Unternehmerfamilie Wirtz

„Hat damit die Opfer beleidigt“

Auch Opfervertreter in Großbritannien, Japan und Australien wiesen die Grünenthal-Erklärung als unzureichend zurück. Das britische Contergan-Opfer Nick Dobrik sagte dem Sender BBC: „Wir sind der Meinung, eine ernsthafte Entschuldigung muss die Fehler einräumen, die gemacht wurden. Das hat die Firma nicht getan, und damit die Opfer beleidigt“, so Dobrik. Auch Martin Johnson, Direktor des britischen Thalidomide Trust (Contergan war in Großbritannien unter dem Namen Thalidomide verkauft worden, Anm.), warf Grünenthal vor, das Unternehmen versuche weiter, den Mythos aufrechtzuerhalten, niemand habe wissen können, welche Schäden das Medikament anrichten könne. Das aber sei nicht richtig.

„Zu wenig, zu spät“ und „erbärmlich“

Ähnlich der Tenor auch aus Australien. Die australischen Opfer warfen Grünenthal-Geschäftsführer Stock „Heuchelei“ vor. Anwälte der Opfer nannten die Entschuldigung „erbärmlich“. „Sie ist zu wenig, zu spät und durchsetzt mit weiterer Falschheit“, erklärten die Anwälte der Australierin Lynette Rowe. Das lange Schweigen mit einer „stummen Erschütterung“ des Unternehmens zu begründen, sei „beleidigender Unsinn“. Der Konzern habe 50 Jahre lang versucht, die moralischen, juristischen und finanziellen Konsequenzen des Skandals zu umgehen.

Grünenthal widersetzte sich dort bisher einer Klage von Opfern. Die Anwaltsfirma Slater and Gordon Lawyers in Melbourne hatte in diesem Jahr mehrere Millionen Dollar für rund 130 Geschädigte erstritten, allerdings nicht von Grünenthal, sondern von dem Vertreiber des Medikaments in Australien. Grünenthal argumentierte, die Contergan-Geschädigten müssten in Deutschland prozessieren. Der Fall kommt nächstes Jahr vor das oberste Gericht im Bundesstaat Victoria.

Contergan-Denkmal

dpad/Jens Schlueter

Der deutsche Geschädigtenverband lehnt das neue Denkmal ab: Die Bronzestatue verharmlose „das schuldhafte Verhalten von Grünenthal“

„Nach 50 Jahren kriechen sie zu Kreuze“

Björn Hakansson, der Chef des schwedischen Opferverbandes, sprach von einer wertlosen Entschuldigung. „Nach 50 Jahren kriechen sie zu Kreuze, nachdem sie in mehreren Ländern verklagt wurden“, sagte er mit Blick Grünenthal. „Das hätten sie nie getan, wenn sie nicht unter Druck stünden.“ Die überlebenden 99 Contergan-Geschädigten in Schweden hätten von Grünenthal niemals eine Entschädigung oder eine Anerkennung ihres Leidens erhalten, legte Hakansson dar. Lediglich hatten die schwedischen Opfer Zahlungen der heimischen Firma Astra bekommen, die das Medikament in Lizenz hergestellt und verkauft hatte.

Auch der japanische Opferverband Sakigake zeigte sich von der Entschuldigung enttäuscht. „Die Zahl der Opfer wäre geringer gewesen, wenn der Konzern den Verkauf früher gestoppt hätte“, sagte Verbandschef Tsugumichi Sato. Sein Verband werde genau verfolgen, welche Verantwortung Grünenthal künftig übernehmen werde.

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