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Aufnahme in Frauenkloster

Michelle Martin, Ex-Frau und Komplizin des belgischen Kindermörders Marc Dutroux, kommt frei. Opfer und Angehörige hatten noch gegen das Urteil eines Gerichts in Mons vom Juli, wonach Martin nach 16 Jahren Haft unter Auflagen entlassen werden kann, Berufung eingelegt. Doch am Dienstag entschied das Höchstgericht, dass Martin das Gefängnis verlassen darf.

Martin war mit Dutroux 1996 festgenommen und 2004 zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Nun wird die 52-Jährige freigelassen. In Belgien ist eine vorzeitige Entlassung möglich, wenn mindestens ein Drittel der Strafe verbüßt ist und es einen Resozialisierungsplan gibt. Martin kommt in ein Frauenkloster im südbelgischen Malonne, ohne selbst eine Schwester zu werden. Die elf dort lebenden Nonnen waren die Einzigen, die sich bereiterklärten, Martin aufzunehmen.

Demonstranten verbrennen Sarg vor Gerichtsgebäude

Reuters/Sebastien Pirlet

In diesem Frauenkloster in Südbelgien soll Michelle Martin unterkommen

„Sie ist ein menschliches Wesen und wie wir alle des Besten und des Bösesten fähig“, sagte die Äbtissin. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht.“ Dienstagabend kam Martin in dem Frauenkloster an. Die Sicherheitsvorkehrungen des Klosters wurden verschärft, gab es doch bereits im Vorfeld der Entscheidung Proteste vor der kirchlichen Einrichtung. 30 belgische Polizisten müssen das Kloster nun rund um die Uhr bewachen - laut belgischen Medien kostet das 120.000 Euro pro Monat.

In Kellerverlies verhungert

Das Ex-Ehepaar soll zumindest sechs Mädchen und junge Frauen entführt, gefangen gehalten und vergewaltigt haben. In vier Fällen wurde Dutroux wegen Mordes verurteilt. Martin wurde vor allem vorgeworfen, zwei der verschleppten Mädchen in einem geheimen Kellerverlies verhungern lassen zu haben. Sie sagte im Prozess aus, dass sie selbst die Tür versperrt hatte, hinter der die beiden achtjährigen Mädchen starben. Sie habe Angst vor den kleinen „Monstern“ gehabt, die sie in dem Versteck hätten anfallen können. Zumindest zwei andere Mädchen konnten noch lebend gerettet werden.

Demonstranten verbrennen Sarg vor Gerichtsgebäude

Reuters/Sebastien Pirlet

Schon Mitte August gab es in Brüssel Proteste gegen die Freilassung Martins

1996 waren 300.000 Belgier wegen der Affäre Dutroux auf die Straße gegangen. Der Fall sorgt nach wie vor für Empörung. Auch nach der Entscheidung des Gerichts in Mons Ende Juli, die Haft aufzuheben und Martin in das Kloster zu schicken, gab es Demonstrationen. Ein Opfer und der Vater eines der Mädchen sowie der Generalstaatsanwalt von Mons hatten Berufung eingelegt und so versucht, eine Freilassung zu verhindern. Schon im Mai vergangenen Jahres hatte das Gericht in Mons die Übersiedlung in ein französisches Kloster gestattet. Die Entlassung scheiterte jedoch am Widerstand Frankreichs.

Sohn verteidigt Mutter

Die Vertreter der Opfer glauben nicht an Martins Darstellung, dass sie Dutroux verfallen und praktisch willenlos gewesen sei. „Er war gar nicht da, als die Mädchen in dem Verlies starben. Sie hätte sie befreien können“, sagte der Vater eines gestorbenen Mädchens. Er habe bisher auch kein einziges Wort des Bedauerns gehört.

Michelle Martin nach Verhaftung 1996

AP

Martin nach der Verhaftung 1996

Martins ältester Sohn Frederic hingegen trat für seine Mutter ein. Eine vorzeitige Entlassung seines Vaters halte er ebenfalls für „deplatziert“, aber seine Mutter sei nicht das Monster, das man aus ihr mache: „Ich habe Angst, dass ein Verrückter ihre Freilassung abwartet und sie dann umbringt.“ Zudem habe sie in der Haft „oft um die Mädchen geweint“ und sie habe eine Therapie gemacht, „um sich selbst und ihre Gefühle zu kontrollieren“. Das Ehepaar Dutroux hat zwei Söhne und eine Tochter.

Im Zuge eines Gutachtens für das Gerichtsverfahren 2004 meinte einer der Experten, Martin habe Dutroux, den sie mit 21 Jahren kennengelernt hatte, als „Gott“ empfunden. Sie habe die Beziehung zu ihm als Befreiung von ihrer autoritären Mutter erlebt. Ihren eigenen Angaben zufolge wurde sie von Dutroux selbst gedemütigt und geschlagen. Erst 2003 wurde die Scheidung vollzogen. Das Ergebnis der Gutachter: Sie konnte zwischen Gut und Böse unterscheiden, flüchtete sich aber zunehmend in Fantasiewelten, ohne „zwischen Traum und Wirklichkeit“ zu unterscheiden.

Gesetz verschärfen

Zwei Opferfamilien kündigten an, im Fall des Scheiterns der Berufung sogar den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einschalten zu wollen. Doch auch das wird an der aktuellen Gesetzeslage wenig ändern. Die Regierung nimmt die Proteste jedenfalls zur Kenntnis und will nun das Gesetz ändern, damit es Haftentlassungen nach Verbüßung eines Drittels der Strafe künftig „in besonders schweren Fällen“ nicht mehr geben soll.

Wiederholungstäter sollen frühestens nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe entlassen werden können. Auch die Angehörigen der Opfer sollen gehört werden, wenn es um die Bedingungen geht, die an die Freilassung geknüpft sind. Rückwirkend wird all das aber nicht gelten. Dutroux, der zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hofft dennoch, früher das Gefängnis verlassen zu können. Das wäre auch nach der strikteren Gesetzeslage noch möglich.

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