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Zwei Mitglieder ins Ausland geflohen

Im Verfahren gegen die russische Punkband Pussy Riot hat die Verteidigung am Montag Berufung eingelegt. „Alle Unterlagen“ seien beim zuständigen Gericht in Moskau eingereicht worden, sagte Verteidigerin Wioletta Wolkowa. Die Musikerinnen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch waren zu jeweils zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden.

„Wir konnten erst heute reagieren, nachdem wir den Richterspruch endlich schriftlich erhalten haben“, sagte Anwalt Nikolai Polisow am Montag Medienberichten zufolge in Moskau gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Die Urteilsbegründung sei stellenweise „sehr schwer zu verstehen“, sagte er. Die drei Frauen wurden wegen „Rowdytums“ und „Anstiftung zu religiösem Hass“ verurteilt.

Fahndung nach zwei weiteren Frauen

Die 22, 24 und 30 Jahre alten Aktivistinnen hatten gemeinsam mit zwei weiteren Frauen bei einem sogenannten Punkgebet im Februar in einer Moskauer Kathedrale die Muttergottes aufgefordert, den damaligen Regierungschef und heutigen Präsidenten Wladimir Putin zu vertreiben.

Pussy Riot in einer Moskauer Kathedrale im Februar 2012

dapd/AP/Sergey Ponomarev

Die vier Aktivistinnen vor dem Altar

Verhaftet wurden laut Behörden nur die drei „Rädelsführerinnen“, zwei weitere Mitglieder blieben auf freiem Fuß. Nach ihnen wird nun auch gefahndet, nach Angaben der Band haben sie sich jedoch inzwischen ins Ausland abgesetzt.

Position der Anklage gestärkt

Obwohl auf dem Protestvideo stets vier maskierte Frauen zu sehen waren, standen stellvertretend nur Tolokonnikowa, Alechina und Samuzewitsch vor Gericht. Erst nach der Urteilsverkündung wurden plötzlich auch zwei weitere Mitglieder zur Fahndung ausgeschrieben. Einer der Anwälte der Gruppe, Mark Feigin, äußerte gegenüber der deutschen Zeitung „Die Welt“ den Verdacht, dass damit die Position der Anklage im Berufungsverfahren gestärkt werden soll.

Denn bisher argumentierten die Anwälte stets, dass kein Tatbestand nachzuweisen sei. Dass die Staatsanwaltschaft nun nach weiteren Bandmitgliedern fahnden lässt, solle zeigen, dass das Verbrechen tatsächlich schwer war und eine Verfolgung nicht politisch motiviert ist, so Feigin. Gleichzeitig solle mit der Suche der Druck auf die übrigen Mitglieder aufrechterhalten bleiben.

Behörden nur an „Rädelsführerinnen“ interessiert

Dass nicht allen fünf an der Aktion beteiligten Frauen der Prozess gemacht worden war, haben die Behörden stets damit begründet, dass zwei Frauen auch beim Verlassen der Kirche noch vermummt waren - und daher ihre Identitäten nicht bekannt seien. Laut Anwalt Feigin ist das eine Lüge. Denn die Frauen seien schon länger unter Beobachtung gestanden, zudem hätten alle fünf die Kirche ohne Masken betreten, seien daher erkennbar gewesen.

Doch die Polizei hätte sich vor allem für Tolokonnikowa und Samuzewitsch interessiert. Wobei die 30-jährige Samuzewitsch bereits am Betreten des Altarraumes gehindert wurde, daher auch auf dem Video nicht zu sehen ist. „Für die anderen Frauen hat sich die Polizei nicht interessiert“, so Feigin gegenüber der „Welt“. Feigin zweifelt daher, dass tatsächlich ernsthaft nach den zwei Flüchtigen gefahndet werde. Viel eher sei der Fahndungsaufruf ein Freibrief, bei Demonstrationen maskierte Pussy-Riot-Sympathisanten zu verhaften.

Ins Ausland abgesetzt

Dem wurde nun ein Riegel vorgeschoben. Am Sonntag wurde von Pussy Riot via Twitter vermeldet, dass sich die gesuchten Mitglieder ins Ausland abgesetzt hätten. Die beiden geflohenen Frauen würden im Ausland „Feministinnen anwerben, um neue Proteste vorzubereiten“, teilten die Putin-Gegner mit. Das wurde auch von Petr Wersilow, dem Ehemann von Tolokonnikowa, bestätigt.

Die beiden seien „an einem sicheren Ort außerhalb der Reichweite der russischen Polizei“. Angaben über die Flucht - und in welchem Land sich die Frauen aufhalten - machte Wersilow nicht. Aber dieses Land habe mit Russland kein Abkommen zur Auslieferung.

Milderes Urteil erwartet

Russische Medien und Beobachter äußerten hingegen die Erwartung, dass die Strafen gegen die drei Frauen in einem Berufungsverfahren abgemildert werden. Nach der Berufung durch die Verteidiger werde das zuständige Moskauer Gericht vermutlich die zwei Jahre Lagerhaft in ein Jahr verwandeln und „diese Idiotinnen freilassen, damit sie ihre Kinder und Angehörigen wiedersehen können“, schrieb die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ (Samstag-Ausgabe).

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