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Hunderte Tote an einem Tag

Die syrische Opposition erhebt erneut schwerste Vorwürfe gegen die Truppen von Präsident Baschar al-Assad. Diese hätten in der Stadt Daraja regelrechte Massaker begangen, berichteten am Sonntag die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und die Lokalen Koordinationskomitees der Opposition.

Allein in der südwestlich von Damaskus gelegenen Stadt seien über 200 Menschen getötet worden. Bis Sonntag seien rund 80 Tote identifiziert worden, hieß es, bei rund 120 sei das nicht möglich gewesen. Daraja war laut Angaben der Opposition in den letzten Tagen Ziel einer großangelegten Offensive der Regierungstruppen gegen die Aufständischen. Die Soldaten hätten zahlreiche Menschen „regelrecht hingerichtet“, berichteten Vertreter der Rebellen laut der Nachrichtenagentur Reuters. Die meisten Leichen, darunter auch Frauen und Kinder, seien in Häusern und Kellern gefunden worden.

Daraja war erst am Freitag von den Regierungstruppen zurückerobert worden. Es folgten Razzien. „Assads Armee hat in Daraja ein Massaker angerichtet“, wurde ein Aktivist, dessen Name mit Abu Kinan angeben wurde, zitiert. Im ganzen Land soll die Zahl der Toten allein am Samstag 330 bis 440 betragen haben.

Der „tödlichste Tag“ bisher

Der US-TV-Sender CNN sprach - unter Verweis darauf, dass sich Berichte aus Syrien derzeit praktisch nicht verifizieren lassen - von „tödlichsten Tag“ seit Beginn des bewaffneten Aufstands gegen Assad im März 2011. Dasselbe gilt für den ganzen Monat: Im August sollen bei den anhaltenden Kämpfen rund 4.000 Menschen ums Leben gekommen sein - so viele wie nie zuvor in einem Monat. In den letzten Wochen gab es vermehrt Berichte über mutmaßliche Massenhinrichtungen.

Großbritannien: „Gräueltat neuen Ausmaßes“

Nach Berichten über ein mutmaßliches Massaker hat sich Großbritannien besorgt über die Lage in dem Land geäußert. Sollten sich die Angaben der Opposition bewahrheiten, wäre das Vorgehen der Regierungstruppen in Daraja eine „Gräueltat neuen Ausmaßes“, die von der internationalen Gemeinschaft verurteilt werden müsse, erklärte Außenstaatssekretär Alistair Burt am Sonntag.

Der britische Staatssekretär machte zugleich darauf aufmerksam, dass die Angaben der Opposition schwer zu überprüfen seien. „Die fürchterliche Unterdrückung des Volkes durch das syrische Regime seit mehr als 17 Monaten hat wenig Raum für unabhängige Beobachter gelassen, um in Syrien zu arbeiten. Das macht es besonders schwer zu prüfen, was gestern geschehen ist“, sagte er.

Assad: „Ausländisches Komplott“ bezwingen

Unterdessen meldete sich am Sonntag Präsident Baschar al-Assad erneut zu Wort: Dabei demonstrierte er seine Entschlossenheit im Kampf gegen die Regierungsgegner im eigenen Land. Seine Regierung werde „um jeden Preis“ das gegen sein Land geführte „ausländische Komplott“ bezwingen, so Assad laut Nachrichtenagentur Sana. „Das syrische Volk wird nicht zulassen, dass es dem Komplott gelingen wird, seine Ziele zu erreichen.“ Der Konflikt in Syrien richte sich nicht gegen sein Land allein, sondern gegen die „gesamte Region“, denn Syrien sei einer ihrer Eckpfeiler, sagte Assad den Angaben zufolge weiter. Syrien werde seine „Strategie des Widerstands“ fortsetzen.

Hochrangiger Kommandeur desertiert

Erstmals soll sich indessen ein Kommandeur abgesetzt haben, der größere Kampfverbände befehligt hatte. Jordanische Medien meldeten, General Mohammed Mussa al-Chairat habe am Samstag die Grenze überquert. Der Name des Kommandeurs der 7. Division war im Jänner auf einer von den Koordinationskomitees der Syrischen Revolution in der Stadt Dschasim verbreiteten Liste aufgetaucht. Die Aktivisten hatten damals die Namen von Militärs aufgelistet, die nach ihren Angaben an der brutalen Unterdrückung der Protestbewegung in ihrer Stadt beteiligt waren.

Vizepräsident Scharaa öffentlich aufgetreten

Nach hartnäckigen Gerüchten über einen Fluchtversuch ist unterdessen der syrische Vizepräsident Faruk al-Scharaa erstmals seit mehr als einem Monat wieder öffentlich aufgetreten. Er zeigte sich am Sonntag kurz vor einem geplanten Treffen mit dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im iranischen Parlament, Alaeddin Boroujerdi, in Damaskus. Seit Mitte Juli war Scharaa weder im Fernsehen noch bei öffentlichen Auftritten gesehen worden.

Die syrischen Rebellen hatten Mitte August über einen gescheiterten Fluchtversuch des Vizepräsidenten berichtet, was die Regierung um Präsident Baschar al-Assad jedoch zurückwies. Arabische Fernsehsender hatten kurz zuvor bereits über eine Flucht Scharaas nach Jordanien berichtet. Das wurde jedoch von der dortigen Regierung dementiert. Im Jänner hatte die Arabische Liga vorgeschlagen, Scharaa in einer Übergangsphase das Land führen zu lassen. Laut westlichen Diplomaten hatte er sich früh als Vermittler zur Opposition angeboten.

Außenminister: Erst verhandeln, wenn „gesäubert“

Der syrische Außenminister Walid al-Muallem sagte bei einem Treffen mit Boroujerdi in Damaskus am Sonntag laut der amtlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA, Assads Regierung werde erst in Verhandlungen mit der Opposition treten, wenn das Land vollständig von Rebellen „gesäubert“ sei. Boroujerdi sagte Syrien demnach die Unterstützung des Iran zu. „Syriens Sicherheit ist unsere Sicherheit, deshalb werden wir zu unseren syrischen Brüdern halten“, wurde er zitiert. Der Iran ist der engste Verbündete des syrischen Regimes in der Region.

Jordanien protestiert gegen Beschuss an der Grenze

Für Proteste sorgte in Jordanien der neuerliche Einschlag einer Granate aus Syrien am Samstagabend. Der richtete zwar keinen Schaden an, die Regierung in Amman zeigte sich dennoch „sehr besorgt“ über den Zwischenfall, erklärte der jordanische Informationsminister Samih al-Maajta. „Das ist eine Verletzung der nationalen Souveränität, und unabhängig davon, ob es absichtlich oder nicht war, ist der Vorfall inakzeptabel.“ Jordanien werde eine angemessene Antwort auf die Verletzung seiner Souveränität finden. Beim Einschlag von vier Raketen am vergangenen Sonntagabend waren mehrere Menschen in Jordanien verletzt worden.

Zudem bat Jordanien die internationale Gemeinschaft um verstärkte Hilfe für die rund 160.000 syrischen Flüchtlinge im Land. Informationsminister Samih Maajtah erklärte am Sonntag, derzeit erreichten mehr als 2.000 Flüchtlinge aus Syrien pro Tag Jordanien. Allein am Freitag seien mehr als 2.300 Syrer eingetroffen. Das war der größte Zustrom an einem einzigen Tag seit Beginn des Konflikts in Syrien im März 2011.

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