Themenüberblick

„Wann wirst du endlich selbstständig?“

Mit der Volljährigkeit geht die Selbstständigkeit einher, so der landläufige Tenor. So sorgen sich viele Eltern um ihre dem Kindesalter entwachsenen Töchter und Söhne - wenngleich stets mit dem Hintergedanken, dass die Sprösslinge aufgrund der erlangten Volljährigkeit in der Lage sein müssten, selbstständig richtige Entscheidungen zu treffen.

Ist mit Mitte oder gar Ende zwanzig von Berufs-, Partner- und Wohnungswahl noch wenig bis keine Spur, setzen wieder die Sorgen der Eltern ein. „Wann wirst du endlich selbstständig?“, heißt es dann gern vorwurfsvoll.

Studie entlastet junge Erwachsene

Doch neueste Studien entlasten nun die Generation 20 plus bis 30 minus. So gilt dementsprechend nicht nur die Altersphase von null bis 18 als richtungsweisend für die Zukunft, sondern - mindestens gleichermaßen - die Zeit bis zum dreißigsten Lebensjahr.

So halten US-Gehirnforscher fest, dass das menschliche Gehirn mit Ende 20 viel besser in der Lage ist, wichtige Richtungs- und Lebensentscheidungen zu treffen als in den Jahren davor. Die Annahme, das Gehirn sei mit dem Ende der Pubertät an der Spitze der Entscheidungsfähigkeit angelangt, sei jedenfalls falsch, sagen Wissenschaftler. Vielmehr entwickle sich das Gehirn bis Ende 20 noch in bedeutendem Ausmaß, es findet eine Systematisierung der Erfahrungen statt.

Gehirn bildet sich erst später vollständig aus

Doch gerade dieser Umstand macht die Entscheidungen, die bereits sehr früh getroffen werden müssen - angefangen von Bildungsweg über Berufswahl und Karriereplanung bis hin zur Wahl des Partners - vielfach zu solchen, die sich im Nachhinein als falsch erweisen. Für derlei weitreichende Entscheidungen sei das Gehirn im Normalfall bis zum Alter von etwa 30 Jahren noch nicht ausreichend ausgebildet, wird der US-Neurowissenschaftler Jay Giedd vom National Institute of Mental Health im „Wall Street Journal“ zitiert.

Hinausschieben von Entscheidungen „sinnvoll“

Den Erkenntnissen liegen Tausende Untersuchungen des menschlichen Gehirns zugrunde. Damit sei - zumindest angesichts wissenschaftlicher Überlegungen - auch ein Hinausschieben von Lebensentscheidungen durchaus sinnvoll. „Es ist wichtig, dass die 20- bis 29-Jährigen Zeit für Selbstfindung eingeräumt bekommen“, sagt Gehirnforscher Giedd.

Diese Erkenntnisse ergeben sich aus einer neuen Welle an Untersuchungen, die das Erwachsensein als Prozess zwischen 18 und 29 Jahren interpretieren und von „Emerging adulthood“ („sich entwickelndes Erwachsensein“, Anm.) sprechen. Die Phase zwischen Jugend und entwickeltem Erwachsensein dauert zunehmend länger.

Gründe dafür liegen letztlich etwa an der ökonomischen Notwendigkeit, sich möglichst umfassend und lange zu bilden, was Agenden wie (fixe) Partnerwahl und Kinderwunsch zeitlich nach hinten versetzt. So hat sich in den USA, wo traditionell früh geheiratet wird, seit den 60er Jahren das durchschnittliche Alter für eine Hochzeit von 20 auf 26 bei Frauen und von 22 auf 28 Jahren bei Männern nach hinten verschoben.

Orientierungslosigkeit ist „Norm“

„Dass junge Erwachsene bis Ende 20 in ihren Entscheidungen noch nicht so gefestigt sind, sollte Eltern also keinen Grund zu Sorgen geben - schließlich ist es die Norm“, meint Jeffrey J. Arnett, Professor für Psychologie an der Clark University in Worcester im US-Bundesstaat Massachusetts. Von ihm stammt auch die Bezeichnung „Emerging adulthood“.

Diese Phase könne für junge Erwachsene sehr anstrengend sein, was sich in Zukunftsängsten und Depressionen widerspiegelt, so Arnett. Wichtig sei, vieles auszuprobieren - das mache spätere Entscheidungen durchaus leichter. Wie sich ein reichhaltiger Erfahrungsfundus auf die spätere Entwicklung des Gehirns auswirkt, ist allerdings noch kaum erforscht.

Jedoch gibt es bekanntermaßen Studien, die belegen, dass das Spielen eines Instruments oder das Erlernen einer Sprache jenen leichter fällt, deren Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet.

Verbindungen zwischen Arealen des Gehirns

Der Umstand, dass das Gehirn während des Erwachsenwerdens lange unterentwickelt bleibt, sei „das Beste, was dem Menschen passieren konnte“, so Giedd. Nur so könne man auf sich schnell ändernde Bedingungen und Herausforderungen reagieren.

So ist es der vordere Bereich des Gehirns (der Präfrontale Cortex, Anm.), der sich erst sehr spät entwickelt. Gerade dieser ist für Planung, Priorisierung und Verarbeitung zuständig. Entsprechend ist die Kommunikation zwischen den verschiedenen Bereichen des Gehirns erst mit Ende 20 voll ausgebildet. „Dabei geht es um Verbindungen zwischen den Arealen, die für Emotionen, und jenen, die für Planung zuständig sind“, erklärt der Psychologe Laurence Steinberg von der Temple University in Philadelphia.

Gefahren der späten Entwicklung

Doch die späte Ausbildung des Gehirns birgt auch nachhaltige Gefahren. Viele Menschen zwischen 20 und 30 legen in dieser Phase den Grundstein für spätere Beschwerden. Dazu zählen Übergewicht und jegliches Suchtverhalten. Ein Lösen von diesen Verhaltensmustern wird mit Fortlauf der Ausübung immer schwieriger. Auch viele psychische Krankheiten haben in dieser Phase ihren Ursprung.

Links: