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Die Größe und Kleinheit des Menschen

„Als Pascal am 19. August 1662 im Alter von 39 Jahren starb, da hatten seine Zeitgenossen einen nur unzureichenden Begriff von dem, was und wer dieser Mensch eigentlich war“, schrieb der bekannte Romanist Hugo Friedrich über den großen französischen Denker und Naturwissenschaftler Blaise Pascal.

Zwei Bekehrungen hatten Pascal, der im Kindes- und Jugendalter in Paris die Gesellschaft mit seinen mathematischen Erkenntnissen zu erstaunen vermochte, zum glühenden Verteidiger des Christentums werden lassen. Pascal tat das mit einer Leidenschaft, die seine Weggenossen aus dem Kloster von Port Royal in weitere Konflikte mit der Linie des Papstes brachte.

Pascal hatte sich einer, wie Friedrich schreibt, „weltunversöhnlichen Frömmigkeit“ verschrieben, der man immerhin eines der größten Dokumente der Weltliteratur verdankt: die „Pensees sur la religion“, bekannt nur als „Pensees“. Es sind Gedanken, die, teils hastig auf Zettel hingeworfen, erst nach dem Tod des Forschers mühsam zusammengetragen wurden. Gerade aber mit diesen zugespitzten Aphorismen befestigte Pascal seine Stellung in der Nachwelt an der Grenze zwischen Literatur und Philosophie.

Erste Seite der "Pensees" in der Port-Royalschen Ausgabe

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Die „Pensees“, 1670 von jansenistischen Freunden Pascals auf der Grundlage gefundener Zettel herausgegeben. Die Nachwelt wird heftig über dieses Werk streiten.

Montaigne als Reibebaum

Im Jahrhundert zuvor hatte ja bereits ein Edelmann aus Bordeaux, Michel de Montaigne, gezeigt, wie man die strenge Schule rhetorischer Wissenstradition mit Rückgriff auf die antiken Querdenker wie Plutarch, aber auch mit mutigem Bezug zu eigenen Erfahrungen aufzuknacken vermochte.

Montaigne war für Pascal Modell und Stachel: Er war Modell für das unermüdliche Sich-Aufschreiben, Neu-Schreiben, für ein, wie es Kleist später nennen wird, „Verfestigen der Gedanken beim Reden“ - nur dass dieser Prozess in der Schrift vollzogen wurde.

Es war auch ein Schreiben gegen den Tod - und nicht umsonst werden sowohl Montaigne und Pascal gerade auch für Thomas Bernhard die großen Motto- und Stichwortgeber in der Pose des Denkers, der sich von der Welt zurückzieht. Doch Montaigne war für Pascal eben auch Stachel. Denn dort, wo Montaigne, einst Botschafter des Papstes, letztlich mit Rückgriff auf Erfahrungen seines eigenen Lebens gegen die Gewissheiten der einen, wahren Religion anschrieb, wollte Pascal mit allen Mitteln die Macht des christlichen Glaubens verteidigen - ohne dabei aber in einer Zeit nach Kepler und Galilei auf die Traditionen der Scholastik zurückgreifen zu können und zu wollen.

Orientierung an Augustinus

„Nicht alles, was unbegreiflich ist, hört deshalb auf zu sein“, ist eine der Maximen, die uns die „Pensees“ hinterlassen haben. Aber auch: „Alles, was durch den Fortschritt besser wird, geht aber auch durch den Fortschritt zu Grunde.“ Das Modell, dem Pascal in seinem späten Denken folgt, ist der Heilige Augustinus - der, so wie Pascal, ein Konvertit ist.

Augustinus ist die Leitgestalt für den Jansenismus (benannt nach Cornelius Jansen, dem an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert lebenden Bischof von Ypern) in Frankreich, der im Kloster von Port Royal vor den Toren von Paris sein Zentrum gefunden hatte. Die Jansenisten nahmen eine Gegenposition zu den Jesuiten - und damit zum Papst - ein. Die jesuitische Lehre, wonach bei der Erlangung des Seelenheils göttliche Gnade und menschliche Willensfreiheit zusammenwirkten, wurde von den Jansenisten verurteilt. Dem Menschen bleibt der göttliche Wille laut Jansenismus, verkürzt gesagt, undurchschaubar.

Auf dem Weg nach Port Royal

Pascals literarisch begabte Schwester Jacqueline war 1652 in das Kloster von Port Royal eingetreten. Zwei Jahre danach wird Pascal seine „Erleuchtung“ haben, und es entspricht dem auf Exaktheit fixierten Naturwissenschaftler, dass er auch den Moment, wo ihn die religiöse Erleuchtung erfüllt, mit höchster Präzision zu benennen versucht: Ein Grenzfall von „Gewissheit, Freude und Friede“ habe ihn in dem „einen“ Moment überfallen. Fortan wird er bis zur Stunde seines Todes das „Memorial“, das diesen Moment festhält, eingenäht im Rocksaum tragen.

In den folgenden Jahren wird Pascal seine wissenschaftliche Beschäftigung mit theologischen Betrachtungen zu verbinden suchen - ein Umstand, der ihn, der im Alter von 16 Jahren eine essentielle Schrift über Kegelschnitte verfasst hatte, für die Nachwelt nicht immer verständlich machen sollte.

Seit frühster Jugend wusste er als geistiger Schüler eines Gerard Desargues etwa, dass endliche und unendliche Größen, nicht der Größe, sondern der Ordnung nach verschieden waren. Immer wieder sucht er später nach Verbindungen zwischen mathematischer und theologischer Einsicht.

Vater als Lehrer und Mentor

Pascal formte jedenfalls seine Einsichten früh und in engem Zusammenwirken mit seinem Vater Etienne Pascal, der den Knaben schon während der Zeit in Clermont Ferrand (wo Pascal 1623 geboren wurde) unterrichtete und zunehmend in Kontakt mit dem gelehrten Freundeskreis brachte. Im Alter von zwölf Jahren soll Pascal sich die 32 Sätze des Euklid über ein Spiel mit Stangen beigebracht haben - und als der Vater im Dienst der Finanzverwaltung steht, entwickelt der Sohn eine Rechenmaschine, um dem Vater die Tätigkeit zu erleichtern.

Mathematiker Blaise Pascal mit Addiermaschine

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Pascal und seine Rechenmaschine „Pascaline“

Klare Beweisführungen

In dieser Zeit ist Pascal ein klarer Gegner jeder Form von Metaphysik. In der Naturdeutung gibt es für Pascal zwei Quellen der Wahrheit: die Evidenz der Idee und die Evidenz der Tatsachen. Die Beweisführung erfolgt für ihn über die mathematische Deduktion und das Experiment. „In dieser Klarheit ist vor Pascal niemals die Grundlage der neuen Naturwissenschaft ausgesprochen worden“, so Wasmuth.

„Die Leere in der Leere“

Die seit Aristoteles tradierte Ansicht vom „horror vacui“, dass es in der Natur keine Leere geben könne, da die Natur sofort jede Leere fülle, widerlegte Pascal mit seinem berühmten Experiment „Le Vide dans le vide“ („Die Leere in der Leere“) im Herbst 1647. Pascal gelang im Nachstellen eines Versuchs, den er selbst knapp davor in Rouen miterlebt hatte, dass das Quecksilber in einer Manometersäule nur vom äußeren Luftdruck auf eine bestimmte Höhe gedrückt wird. Damit bestätigte Pascal die Annahmen des Italieners Evangelista Toricelli.

Der Gefolgsmann des Jansenismus

Der Versuch, mit dem Pascal die Existenz des Vakuums beweist, fällt in die Zeit der ersten religiösen Wende Pascals hin zum Jansenismus. Vertreter einer zu sehr vernunftbetonten Sicht von Religion sahen sich von Pascal gemaßregelt - und eigentlich hätte Pascal schon bei Montaigne und dessen Kritik an der „natürlichen“ Religion des Raymund Sabundus hängen bleiben können.

Sabundus hatte die christliche Religion aus der Naturerkenntnis ableiten wollen. Und Montaigne, der dieses Werk selbst ins Französische übersetzt hatte, trat genau gegen diesen Anspruch an - allerdings um zu einer noch skeptischeren Erkenntnis zu gelangen (wenngleich diese vom späten Pascal in letzter Konsequenz so weit nicht entfernt war).

„Der Schrecken der Seele“

Über die letzten Dinge lässt sich nichts sagen. Pascal kommt mit dem „Erschrecken der Seele“ und aus der Naturwissenschaft zu dieser Erkenntnis. Im Fragment 72 der „Pensees“ spricht er von der Stellung des Menschen im Raum der beiden Unendlichkeiten, dem unendlich Großen und dem unendlich Kleinen. Beide Unendlichkeiten überfordern den Menschen: Ist er gegenüber der einen Unendlichkeit ein kleiner Punkt, so ist er der anderen Unendlichkeit gegenüber ein Riese.

„Die Seele bebt und erschrickt über die widersinnige, bald zu große, bald zu kleine Beschaffenheit des Menschen im Kosmos, sie erschrickt schließlich über den Menschen selbst und seine Ortlosigkeit“, schreibt Hugo Friedrich über Pascals berühmten Satz „L’ame s’effraie“.

Von der Gewissheit zum Zweifel

Am Ende, schlägt die naturwissenschaftliche Gewissheit um in eine Krise, die sich mit wissenschaftlichen Kriterien nicht lösen lässt. „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“, ist einer der berühmten und viel zitierten Sätze Pascals, die ihr gesamtes Wortspiel im Original entfalten: „Le coeur a ses raisons que la raison ne connait pas.“

Einige hundert Jahre später wird ausgerechnet ein Dichter auf die Erschütterung des Pascal betont nüchtern antworten: Wenn der Geist der Sachwissenschaft sein Unbehagen bekenne, so Paul Valery, solle er „vor dem Abgrund nicht erschrecken, sondern eine Brücke bauen“.

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