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Gewalt in Beirut

Syriens Nachbarland Libanon versucht vehement, sich nicht in den syrischen Bürgerkrieg hineinziehen zu lassen. Doch die Auseinandersetzungen greifen immer mehr über. Die Spannungen nehmen zu. Erst am Mittwoch kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen in schiitischen Vierteln.

Nach Drohungen gegen ihre Staatsbürger riefen die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar ihre Landsleute auf, das Land umgehend zu verlassen. Es habe Drohungen gegeben, die „mit dem schwierigen politischen Kontext im Libanon“ zusammenhingen, erklärte das Außenministerium in Abu Dhabi. Auch die saudi-arabische Botschaft in Beirut soll saudische Bürger zum Verlassen des Libanon aufgefordert haben. Bereits am Donnerstag traten Dutzende Menschen die Heimreise an. Einem Flughafenmitarbeiter zufolge hätten viele die Nacht auf dem Flughafen verbracht, um den ersten Flug zu erwischen. Saudi-Arabien organisierte für seine Staatsbürger drei Evakuierungsflüge.

Auch das österreichische Außenministerium warnt vor einem „hohen Sicherheitsrisiko“ in Teilen des Libanon. „Von Reisen in den Nordlibanon (Großraum Tripoli), in die gesamte Bekaa-Ebene (inkl. Baalbek), in die Nähe der palästinensischen Flüchtlingslager und in den Südlibanon (Gebiete südlich des Flusses Litani) sowie ins Grenzgebiet zu Syrien wird - außer bei absoluter Notwendigkeit - dringend abgeraten“, hieß es am Donnerstag auf der Website des Außenamtes.

Flug nach Jordanien umgeleitet

Air France leitete Mittwochabend eine ihrer Maschinen auf dem Weg von Paris nach Beirut in die jordanische Hauptstadt Amman um, da die Sicherheit auf dem Flughafen Beirut nicht gewährleistet sei, so eine Sprecherin der Fluglinie gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Schiitische Demonstranten blockierten laut Flughafen Beirut eine Zufahrtsstraße und verbrannten Autoreifen - Video dazu in iptv.ORF.at. Air France wolle nicht riskieren, dass die Passagiere auf dem Flughafen festsäßen, wo es keine Hotels gebe.

Bewaffnete Schiiten verschleppten am Mittwoch nach eigenen Angaben im Libanon Dutzende Syrer, zerstörten Geschäfte und vertrieben Arbeiter von ihren Arbeitsstellen. Damit wollten sie von der syrischen Opposition verschleppte Angehörige freipressen, wie ein schiitischer Clanchef sagte. Unter den verschleppten Syrern seien auch ein Führer der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) und ein Türke.

Ausschreitungen wegen angeblich getöteter Pilger

In Beirut kam es zu heftigen Ausschreitungen gegen Syrer nach Berichten über den angeblichen Tod von in Syrien verschleppten libanesischen Pilgern. Diese Berichte blieben unbestätigt. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London waren vier von elf schiitischen Pilgern im syrischen Asas schwer verletzt, nicht aber getötet worden.

Syrien und der Libanon

Nach 29 Jahren Besatzung zogen sich die syrischen Truppen nach dem Attentat auf den libanesischen Ex-Premier Rafik Hariri und den folgenden Massendemos 2005 aus dem Libanon zurück. Syrien übt aber weiterhin einen starken Einfluss auf das Land aus. Laut Israel unterstützt Damaskus die schiitische Hisbollah.

Doch die Angehörigen und Nachbarn der im Mai im Norden Syriens entführten Libanesen begannen in dem schiitischen Viertel Tiro im Süden Beiruts, Syrer auf den Straßen anzugreifen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur ANI.

Situation „außer Kontrolle“

Demnach geriet die Situation in den mehrheitlich schiitischen Vororten „außer Kontrolle“. Geschäfte wurden verwüstet, Autos zerstört, zahlreiche Syrer verschleppt. Laut dem oppositionellen Syrischen Nationalrat soll es sich bei den angegriffenen Syrern um Flüchtlinge gehandelt haben. Die Bevölkerung im Libanon ist in ihrer Haltung gegenüber Syrien gespalten. Immer wieder gibt es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Regimes von Präsident Baschar al-Assad.

Auf politischer Ebene versucht der libanesische Premierminister Nadschib Mikati schon länger, ein Übergreifen des Syrien-Konflikts auf den Libanon zu verhindern, und pochte auf eine offiziell neutrale Position des Landes. Erst vor wenigen Tagen wurde der Syrien nahestehende libanesische Ex-Minister Michael Samaha festgenommen. Er steht unter dem Verdacht, Attentate im Libanon geplant zu haben. Auf seinem Anwesen wurde Sprengstoff sichergestellt. „Wir werden niemandem erlauben, den Libanon erneut in ein Land von Vergeltungsschlägen zu verwandeln oder externe Konflikte zu importieren“, so Mikati.

UNO-Nothilfekoordinatorin im Libanon

Die UNO-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos reist am Donnerstag in den Libanon, um dort mit syrischen Flüchtlingen, der Regierung und Vertretern von Hilfsorganisationen zu sprechen. Nach Angaben des UNO-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) sind seit Beginn des Syrien-Konflikts bisher mehr als 140.000 Syrer in die Nachbarländer geflohen. Mehr als eine Million Menschen sind demnach innerhalb Syriens auf der Flucht. In Syrien sind angesichts der anhaltenden Gewalt nach Einschätzung von Amos inzwischen womöglich rund 2,5 Millionen Menschen in Not.

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