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„Brutales und korruptes Regime“

Der zur Opposition übergelaufene syrische Ex-Ministerpräsident Riad Hidschab sieht das Regime von Präsident Baschar al-Assad vor dem Zusammenbruch. Assad kontrolliere nur noch 30 Prozent des Staatsgebietes, sagte Hidschab am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Jordaniens Hauptstadt Amman. Es war sein erster öffentlicher Auftritt seit seiner Flucht nach Jordanien.

„Das Regime bricht zusammen, moralisch, wirtschaftlich und militärisch“, sagte Hidschab. „Die Revolution ist ein Modell für die Mühen und Opfer zum Erreichen von Freiheit und Würde geworden.“ Hidschab, der wie die meisten Aufständischen der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit angehört, rief die Angehörigen des Militärs auf, zu desertieren und sich der Opposition anzuschließen. An die Rebellen appellierte er, sich zu einigen.

Syriens  Ex-Ministerpräsident Riyad Hidschab

AP/Mohammad Hannon

Hidschab bei der Pressekonferenz im jordanischen Exil

Keine Angaben über Quellen

Gleichzeitig nahm Hidschab zu den Gründen für seine Flucht am 5. August Stellung. Die Entscheidung sei gefallen, nachdem er die Hoffnung verloren habe, dass sich das „brutale und korrupte Regime“ ändern werde. Hidschab versicherte, er habe weder jetzt noch nach der „Befreiung Syriens“ Interesse an einem Posten.

Der Ex-Regierungschef sagte nicht, woher seine Informationen über die von Rebellen kontrollierten Gebiete stammen, auch ließ er keine Fragen von Journalisten zu. Unabhängige Informationen über die Lage in Syrien gibt es so gut wie nicht. Sicher ist jedoch, dass Assads Truppen vor allem an der nördlichen und östlichen Landesgrenze Gebiete verloren haben. Hidschab gehörte nicht dem inneren Machtzirkel Assads an, sein Überlaufen bedeutete aber einen enormen symbolischen Rückschlag für Assad.

Ein Soldat der Freien Syrischen Armee in Stellung in Aleppo

Reuters/Goran Tomasevic

Bisher starben in Syrien geschätzte 20.000 Menschen

Islamische Staaten kehren Assad den Rücken

Ein weiterer Rückschlag droht dem syrischen Präsidenten bei der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Mekka, die einen Ausschluss des Landes aus der Organisation erwägt. „Syrien ist in einen dunklen Tunnel eingetreten“, sagte der türkische OIC-Generalsekretär Ekmeleddin Ihsanoglu. Die Mehrheit der 57-Staaten-Organisation habe dem Resolutionsentwurf für eine Suspendierung Syriens zugestimmt.

Unterstützung erhält Syrien nur vom schiitischen Iran. Dadurch blende man das Problem aus, statt es zu lösen, sagte Außenminister Ali Akbar Salehi. Das Treffen dürfte auch die Konfrontation zwischen dem Iran und den überwiegend sunnitischen Staaten, die den Sturz Assads betreiben, verschärfen. Es wird angenommen, dass Saudi-Arabien und Katar die ebenfalls überwiegend sunnitischen Rebellen über die Türkei mit Waffen versorgen.

Assad-Gesandter in China

Auf der Suche nach Verbündete reiste ein Assad-Gesandter am Dienstag nach China. Bei einem Treffen mit dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi soll die Lage erörtert werden. Ein Ministeriumssprecher in Peking sagte, China denke aber auch darüber nach, Vertreter der syrischen Opposition einzuladen. China hat mit Russland bisher erfolgreich eine Resolution des UNO-Sicherheitsrats verhindert.

In Aleppo werden Lebensmittel knapp

In der umkämpften syrischen Metropole Aleppo wird derweil die Versorgung mit Lebensmitteln immer schwieriger. Ärzte im provisorischen Krankenhaus berichteten, einige Menschen kämen eher wegen des Hungers und weniger wegen Verletzungen und Krankheiten. Ein Mann, der eine Schussverletzung am Fuß erlitten habe, habe sich mehr um seine mitgeführten Lebensmittel gesorgt. „Er fing an zu rufen: ‚Mein Essen, mein Essen, kann jemand auf meine Paradeiser aufpassen‘“, berichtete ein Arzt.

Angesichts des anhaltenden Kämpfe rief auch das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF dazu auf, die humanitäre Situation „stärker in den Blick zu nehmen“. Aus diesem Grund reiste die UNO-Koordinatorin für humanitäre Hilfe, Valerie Amos, am Dienstag in den vom Bürgerkrieg gebeutelten Staat und in den benachbarten Libanon, um „auf das Leid der Zivilbevölkerung aufmerksam zu machen“, wie UNICEF mitteilte.

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