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Vogelei aus Stahl, Glas und Holz

Moderne Architektur in den Alpen - das ist ein Kapitel für sich. In Österreich, der Schweiz und Frankreich werden heftige Debatten geführt, wie weit man vom traditionellen Almhüttenstil abrücken kann, darf, soll oder muss. In Frankreich wurde nun mit der Neuerrichtung des „Refuge du Gouter“ ein besonders spektakulärer Bau fertiggestellt.

Architekt Herve Dessimoz und Bauingenieur Thomas Buchi sind stolz auf das überdimensionale Vogelei in 3.817 Meter Höhe auf dem Mont Blanc. Man mag zu dem eigenwilligen Entwurf stehen, wie man will - die Errichtung der Hütte war eine Meisterleistung der Bauingenieurskunst. Am Beginn stand eine Ausschreibung des Club Alpin Francais (CAF). Es galt, einige Schutzhütten neu zu errichten. Eigentlich sollte dabei in traditioneller Holzbauweise gebaut werden. Aber schließlich machte man doch Ausnahmen.

Mit einer Schutzhütte im herkömmlichen Sinn hat das Bauwerk auf dem höchsten Berg Frankreichs nur noch die Funktion gemein: Bis zu 120 Alpinisten können hier unterkommen, schlafen, sich waschen und etwas essen. Eigentlich ist das ganze Gebäude aus Holz, bis hin zur Inneneinrichtung. Sein markantes Design und die futuristische Anmutung machen allerdings die Stahlummantelung der Fassade aus. Das Gebäude ist dadurch - und durch seine zylindrische Form - aerodynamisch und hält Windstärken bis zu 300 km/h stand.

Schutzhütte Dome du Gouter am Mont Blanc

AFP/Jean-Pierre Clatot

Die Hütte steht am Rande eines 1.000 Meter tiefen Abgrunds

Wasser- und Energieautonom

Die Nachhaltigkeit ist in dieser Höhe in den Savoyer Alpen Notwendigkeit: Da es keine Wasser- und Stromleitungen gibt, wurde ein komplexes Recyclingsystem für Wasser samt Schneeschmelzwasseraufbereitungsanlage genauso installiert wie Solarmodule und Windturbinen zur Stromerzeugung. Die Wärme wird durch rigorose Isolierung mit Holzwolle und einer Dreifachverglasung der Fenster im Inneren gehalten. Die Hütte ist in ihrem Betrieb beinahe vollkommen autonom, nur Gas zum Kochen wird benötigt.

Fünf Jahre Planung und drei Jahre Bauzeit - die Umsetzung der ambitionierten Pläne war ein Gewaltakt. In Interviews wie jenen mit dem Architekturmagazin „Mapolis“ und dem Schweizer Fernsehen treten Architekt Dessimoz und Ingenieur Buchi nicht umsonst mit stolzgeschwellter Brust auf, sie sind fast spitzbübisch von ihrem Geniestreich begeistert.

Baustelle der Extreme

Das Team war mit durchschnittlichen Temperaturen von minus sieben Grad Celsius, Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 km/h und Sauerstoffmangel konfrontiert. „In diesen Höhen ist einfach alles extrem“, sagt Buchi gegenüber „Mapolis“. Gegenüber dem Schweizer Fernsehen ergänzt er, dass neben dem Wetter und den daraus resultierenden Problemen auf der Baustelle (schwierige Anlieferung der Bauteile per Helikopter) auch die Sicherheit ein großes Thema war - schließlich sei die Hütte in einen 1.000 Meter hohen Abhang hineingebaut worden.

Gar nicht weit von der Hütte entfernt gibt es eine Notschlafgelegenheit, die fast noch futuristischer anmutet. Früher waren Biwakstationen bessere Blechkästen. Macht das vorliegende Hotel Schule, dann sind Solarmodule, Glasfronten und Röhren die Zukunft. Gebaut werden kann nach dem Baukastenprinzip - das System ist weltweit einsetzbar und kann je nach den Anforderungen der Umgebung konfiguriert werden.

Neue Hütten auch in Österreich

Aber auch in Österreich ändert sich das Erscheinungsbild der Schutzhütten. Ist eine Hütte desolat, wird sie meist abgerissen und neu errichtet. Hauptgrund dafür ist die Energieeffizienz. Eine alte Hütte zu isolieren kostet ähnlich viel wie eine neue zu errichten. Wie sehr beim Neubau oder Teilsanierungen neben Nachhaltigkeit auch auf modernes Design geachtet wird, hängt von der jeweiligen Sektion des Alpenvereins ab.

Ein Beispiel für einen Kompromiss ist die Olpererhütte in Tirol. Eine Modernisierung war nicht zu machen - deshalb fiel 2006 die Entscheidung zum Neubau. Die Hütte ist schlicht - aber hochwertig technologisch ausgestattet. Ein Vogelei aus Stahl als Schutzhütte gibt es in Österreich jedenfalls noch nicht - aber immerhin zahlreiche moderne Liftstationen, deren architektonischer Mehrwert mancherorts jedoch angezweifelt werden darf.

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