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Stippvisite vor großer Kulisse

Die Geschichte der elektronischen Tanzmusik ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Das kommerziell erfolgreichste davon gastierte am Samstag in der Wiener Krieau. Der französische DJ und Produzent David Guetta kam. Und zu ihm 40.000 Zuseher. Eigentlich schon überraschend, dass so viele Leute einem Mann zusehen wollen, während er seine Hits in die Anlage füttert. Noch überraschender, dass so viele das auch hören wollen.

Guettas Erfolgsrezept ist simpel wie erfolgreich. Er engagierte US-Stars wie Kelly Rowland, Akon, Chris Brown und Lil Wayne als Gastsänger: Das ließ ihn den US-Markt, der von Eurotrash bisher verschont geblieben worden war, erobern. Umgekehrt sorgten die Gäste für einen Schub von R’n’B - also alles zwischen Soulversatzstücken, Goldketten, dicken Hosen und Hip-Hop-Nachlassverwaltung - in Europa, wo man die Euphorie der USA eigentlich nie ganz so teilen wollte. Ökonomisch ist das also eine klassische Win-Win-Situation.

Erhöhter Wiedererkennungswert

Dass ausgerechnet ein Franzose das schafft, ist auch ein Treppenwitz der Geschichte: Frankreichs Musikgeschäft gilt eher als geschlossenes System, tatsächlich haben es zuletzt aber vor allem Elektroniker wie Air und Daft Punk geschafft, auch nach außen zu wirken.

Guettas Songs zeichnen sich durch einen, vorsichtig formuliert, erhöhten Wiedererkennungswert aus: ein bisschen Geklimper am Anfang. Dann singt jemand etwas über Liebe. Oder nicht mehr Liebe. Und manchmal über Partys. Dann gibt es den Refrain mit ziemlich viel Bumm und Gebolze. Insgesamt verfügt das gesamte Repertoire über gefühlte zwei Beatvariationen, vier verschiedene Soundeffekte, und die damit gebastelten Melodien haben etwa fünf Töne. Angesichts der damit begrenzten Kombinationsmöglichkeiten sollte es mit den Hits also bald einmal Schluss sein.

Der französische Star-DJ David Guetta

APA/Herbert Pfarrhofer

Guetta macht, was er immer macht

Relativ ähnlich verhält es sich mit Guettas Bühnenshow: ein Arm in die Höhe (mit ausgestreckten Zeigefinger), beide Arme in die Höhe, Klatschen, Arme hin- und herschwingen. Das Publikum ist trotzdem begeistert. Er schreibt kleine Notizen und hält sie in die Bühnenkamera: „Can you feel the love?“, „Vienna I love you“. Das Publikum tobt. „This is so crazy“, sagt er. Er weiß nicht, wie recht er hat.

Wer denkt, verliert

Guetta, der übrigens wirklich wie der bei der Geburt getrennte Zwilling von Otto Waalkes mit Bartwuchs aussieht, spielt also alle seine Hits per Speicherkarte, dreht ein bisschen an Knöpfen und bedient vor allem eher unsanft den Lautstärkenregler, damit das Publikum mitsingen kann. Ob das noch als DJing durchgeht? Egal, denn Guetta ist vor allem Produzent, und so banal sein Sound ist, so erfolgreich ist er damit.

Die Melodie frisst sich ins Ohr, der Beat muss direkt in die Beine, der Kopf ist reiner Durchgangsposten. Und Guetta geht auf Nummer sicher, dass dort nichts hängenbleibt. Wer zu denken beginnt, hat schon verloren. Stattdessen hüpfen, hopsen, springen und toben - und kurz einmal vergessen, dass das Leben schwierig genug ist. Insofern macht Guetta den Soundtrack zur Krise. Nur einmal, nach knapp einer Stunde, reduziert Guetta kurz das Geballere und setzt auf einen überraschend minimalistischen Beat - vielleicht die interessantesten Sekunden des Abends.

Paris, Ibiza, Welt

Guettas Geschichte ist schnell erzählt: Als junger DJ entdeckt er House, werkelt sich in den französischen Clubs nach oben, wird gefeierter Held in Ibiza und macht dann auch gleich eigene CDs. 2009 arbeitet er als Produzent der US-Gruppe The Black Eyed Peas und bringt gleichzeitig sein Album „One Love“ heraus. Beide Projekte entwickeln sich zu Megasellern, Guetta zum Superstar, verkauft Millionen Platten und spielt für Mördergagen.

Der französische Star-DJ David Guetta

APA/Herbert Pfarrhofer

Guetta, sichtlich angetan vom Wiener Publikum

Polarisierend wie kein anderer

Wo viel Liebe ist, ist auch viel Hass. Kaum eine andere Person im Popbusiness, nicht einmal Lady Gaga, polarisiert so wie er. Rockisten und alle, die davon überzeugt sind, dass Musik ehrlich und authentisch sein muss, halten ohnehin jegliche Bedienung rein elektronischer Geräte zur Geräuscherzeugung für Gotteslästerung.

Dass man dann noch mit Kindermelodien, Zweifingerklavier und dumpfen Beatgeballere so erfolgreich sein kann, darf schon gar nicht sein. Und auch in der Elektronik- und DJ-Szene sorgt Guettas Erfolg für Kopfschütteln: Übler Kommerz sei das, maßlos bieder, und mit House habe das nichts mehr zu tun.

Die späte Machtübernahme der Elektronik

Andererseits: Eigentlich hat es eh sehr lange gedauert, bis elektronische Tanzmusik endgültig auch den Charts-Thron erobert hat. Als Ende der 80er Jahre das Auftauchen von Acid House in Großbritannien bemerkenswerte Wellen - auch ein Krisenphänomen in den späten Thatcher-Scherbenjahren - schlug, hieß es ja überhaupt schon, es werde gar keine andere als elektronische Musik in Zukunft mehr geben. Dass sich die Tanzwütigen damals jede Menge der neuen Droge Ecstasy reinpfiffen, machte die Sache noch gefährlicher.

Die britische Presse sah schon das Ende der Welt nahe, und auch die Politik griff ein. Nach den ersten großen Raves auf irgendwelchen englischen Feldern (Acid House als Stil war da schon tot) wurde zum ersten Mal in der Geschichte eine Musikrichtung kriminalisiert: 1994 wurde ein Gesetz erlassen, das den Behörden Eingriffsrechte bei Veranstaltungen einräumte, bei denen der Sound durch die Abfolge sich wiederholender Beats charakterisiert ist.

Klassengesellschaft in der Krieau

Also schon damals war elektronische Tanzmusik keine Eliteveranstaltung im kleinen Kämmerchen, denkt man noch die Millionen Gäste bei den jährlichen Love Parades mit, die ebenfalls in den 90ern in Deutschland für das große Technoerwachen sorgten, müssen einen die 40.000 Guetta-Gäste nicht so verwundern.

Für die präsentierte sich die Krieau bei ihrer Premiere für ein solches Event als nicht ganz uninteressante, wenn auch ausbaufähige Location. Ein recht bizarres Gewirr an Bauzäunen trennte das Publikum nach Kaufkraft in mehrere Zonen - Klassengesellschaft nach Bühnenblickweite, und das ohne großes Murren.

Mehr Probleme bereiteten die Staubböen, denen erst ein heftiger Regenguss am frühen Abend den Garaus machte. Als echtes Nadelöhr entpuppten sich die Toilettenanlagen mit langen Warteschlangen, weniger Geduldige erleichterten sich schließlich wo auch immer es - sehr subjektiv - so aussah, als ob es möglich sei.

Bei Tageslicht betrachtet

Bereits am frühen Nachmittag hatte der DJ-Reigen begonnen. Taboo von den Black Eyed Peas setzte als Vorletzter auf Bewährtes, also Tanzeinlagen, Hits der eigenen Band und dazwischen die ewigen Kracher „Seven Nation Army“, „Song 2“ und „Firestarter“. Originell ist anders. Afrojack als Letzter der Vor-DJs lieferte ein vergleichsweise spannendes Set ab. Dazwischen gab es Werbepausen - und Zeit sich umzusehen.

Dabei wurde klar: Regenumhänge werden sehr gerne getragen - auch wenn es schon lange nicht mehr regnet. Es gibt Menschen, die sich merkwürdige Dinge ins Gesicht stempeln. (Nein, sie werden sich das doch nicht tätowieren lassen haben?) Und die Erkenntnis: Es hat schon einen sehr guten Grund, warum es in Discos eher dunkel ist.

Das Ende ist nah

Guetta startete sein Set mit leichter Verspätung kurz nach 20.00 Uhr – nach Sonnenuntergang aber bei noch klaren Lichtverhältnissen. Zwei Stunden später war’s vorbei. Wenige Minuten danach saß er bereits in der Limousine in Richtung Flughafen, ein weiterer Auftritt in Frankreich in derselben Nacht stand noch an. Das Publikum blieb etwas verwirrt zurück. Bei Konzerten wird das Ende der Show mit Musik aus der Konserve signalisiert. Hier ging das irgendwie nicht, weil wo wäre der Unterschied?

Mitte der 90er Jahre beschrieb die britische Band Pulp recht eindrucksvoll das Treiben auf Raves. Mitten in der Nacht fühlt es sich in Ordnung an, aber was passiert, wenn man wieder runterkommt, heißt es in „Sorted For E’s & Wizz“. Das leere Gefühl wächst und wächst, bis man Mama anrufen mag, um zu sagen: „Mama, ich kann nie wieder nach Hause kommen, weil ich dürfte irgendeinen wichtigen Teil meines Hirns verloren haben. Irgendwo auf einem Feld in Hampshire.“ Gut, dass die Krieau per U-Bahn erreichbar ist.

Christian Körber, ORF.at

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