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„Erfolgsgeschichte aufs Spiel gesetzt“

Die bevorstehende Herbstlohnrunde lässt in diesem Jahr bereits im Vorfeld die Wogen hochgehen. Der Grund: Nachdem die Metaller seit mittlerweile 40 Jahren auch für andere Sparten die Marschrichtung in Sachen Lohnverhandlungen vorgaben, könnte es heuer erstmals keinen gemeinsamen Metaller-Kollektivvertrag geben.

Geht es nach den Arbeitgebern, soll heuer vielmehr alles anders ablaufen. Konkret wollen die sechs Fachverbände der Wirtschaftskammer in diesem Jahr eigenständig verhandeln und somit eigene Lohnrunden führen. Separate Verhandlungen hat bereits die größte Metallersparte angekündigt, die Maschinen- und Metallwarenindustrie (FMMI).

Erste Krisensitzung bei Gewerkschaften

Der geplante FMMI-Rückzug lässt die Gewerkschaften Pro-Ge und GPA auf die Barrikaden steigen. Am Mittwoch stand eine erste Krisensitzung auf der Agende, wo über die weitere Vorgangsweise beraten wurde. Pro-GE-Verhandlungsführer Rainer Wimmer stellte im Vorfeld klar: „Das ist ein klarer Bruch der Sozialpartnerschaft. Eine 40-jährige Erfolgsgeschichte und der soziale Friede werden aufs Spiel gesetzt“ - mehr dazu in oe1.ORF.at. Laut GPA-Vizechef Karl Proyer will der FMMI „seine gesamtindustrielle Verantwortung nicht wahrnehmen“: „Ich habe den Eindruck, hier wird unkoordiniert und zerstritten vorgegangen.“

Pro-Ge und GPA verstehen das geplante FMMI-Ausscheren aus den Kollektivvertragsverhandlungen schlichtweg als „Kriegserklärung an alle Beschäftigten in Österreich“, wie die Gewerkschaften nach dem Präsidiumstreffen in einer Aussendung wissen ließen. An Kampfeslust fehlt es den Arbeitnehmervertretern offenbar nicht: Man wolle „mit allen Mitteln“ um den gemeinsamen Kollektivvertrag kämpfen.

Die Gewerkschaften sehen durch das geplante separate Verhandeln des FMMI Lohn- und Gehaltskürzungen auf die Beschäftigten zukommen. Die Aufspaltung in Kleingruppen führe zur Schwächung der Arbeitnehmer, um geringere Lohn- und Gehaltserhöhungen zu erreichen.

Größter Metallerverband

Der FMMI der WKÖ-Bundessparte Industrie ist sowohl mitarbeiter- als auch umsatzmäßig der weitaus größte Verband. Im Jahresschnitt 2011 beschäftigten die 742 FMMI-Betriebe 115.857 Mitarbeiter. Damit steht der FMMI für rund zwei Drittel der insgesamt 174.452 Beschäftigten (ohne Fremdpersonal), so die WKÖ unter Berufung auf die Konjunkturstatistik der Statistik Austria.

„Geht nicht um niedrigen Lohnabschluss“

Der FMMI rechtfertigt seine Vorgangsweise indes mit geänderten Rahmenbedingungen und verweist auch auf den Rückzug der Elektro- und Elektronikindustrie im Jahr 2003. Christian Knill, Obmann des FMMI und Chef der Knill-Gruppe im steirischen Weiz, gab sich im Vorfeld der Gewerkschaftspräsidiale entgegenkommend. „Es geht nicht um einen niedrigen Lohnabschluss, sondern um eine langfristige Arbeitsplatzabsicherung.“ Die Aufregung über den Wunsch des FMMI nach einer Gehaltsrunde kann er nicht nachvollziehen, schließlich hätten sich auch bei den Gewerkschaften die Mitgliedschaften in den einzelnen Verbänden geändert.

Mit dem 10. September gibt es jedenfalls bereits einen Terminvorschlag für die anvisierten eigenen FMMI-KV-Verhandlungen. Knill dementierte in diesem Zusammenhang, dass es innerhalb der Arbeitgeber einen Interessenkonflikt gebe, wie das die Gewerkschaft in den Raum stellt. „Wie der FMMI wollen auch die Fachverbände von Bergwerke und Stahl, Fahrzeugindustrie, Gießereiindustrie, NE-Metallindustrie sowie der Gas- und Wärmeversorgungsunternehmungen direkte KV-Verhandlungen führen“, so Knill.

WKÖ: Kein Bruch der Sozialpartnerschaft

Die Wirtschaftskammer (WKÖ) betonte, dass die geplante getrennte Verhandlungsführung bei der Metallerlohnrunde im Herbst nicht die Folge von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Arbeitgeber sei. „Die Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass durch den immer schärferen internationalen Wettbewerb die Produktionsbedingungen in den Branchen der Verhandlungsgemeinschaft immer divergenter werden. Die Fachverbände hoffen, durch eigenständige Verhandlungen besser auf diese Bedingungen eingehen zu können“, so Bundesspartenobmann Wolfgang Welser am Mittwoch per Aussendung. Von einem internen Streit könne „keine Rede sein“.

Welser betonte zudem, dass die WKÖ keinesfalls an der Sozialpartnerschaft rütteln werde. „Von einem Bruch der Sozialpartnerschaft, wie es die Gewerkschaft darstellt, kann keine Rede sein. Kein Fachverband hat den bestehenden Kollektivvertrag je infrage gestellt“, so Welser weiter.

Experte warnt

Der WIFO-Experte Marcus Scheiblecker warnte die Arbeitgeber am Mittwoch davor, nur den kurzfristigen Nutzen einer geteilten Verhandlungsführung zu sehen. Derzeit seien aufgrund geringer Arbeitslosenzahlen die Gewerkschaften zwar nicht in einer besonders starken Position, das könnte sich aber ändern, wenn die Wirtschaft in eine Flaute gerät und die Zahl der Jobsuchenden steigt.

Außerdem könnte die Gewerkschaft die Situation nutzen, zuerst mit den ertragsstarken Branchen verhandeln und durch hohe Lohnabschlüsse hier alle anderen Verbände unter Zugzwang bringen, meinte Scheiblecker im Ö1-Mittagsjournal - mehr dazu in oe1.ORF.at.

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