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PKK breitet sich in Syrien aus

Autonomiebestrebungen der syrischen Kurden im Schatten des Bürgerkriegs machen den Nachbarn Türkei zunehmend nervös. Mit einem Panzermanöver an der syrischen Grenze und in Sichtweite des syrischen Kurdengebietes verdeutlicht die Türkei deshalb jetzt ihre Entschlossenheit, gegen ein Erstarken der Rebellen der kurdischen PKK im Norden Syriens vorzugehen.

Die Botschaft richtet sich aber auch nach innen: Die türkische Kurdenpartei BDP feiert die kurdische Selbstbestimmung jenseits der Grenze als großen Erfolg und als Vorbild. Eineinhalb Jahre nach Beginn des Aufstandes gegen das Regime von Baschar al-Assad bringt die Eskalation in Syrien neue Unruhe in das Kurdengebiet der Türkei. Östlich der syrischen Grenze toben die seit Jahren schwersten Kämpfe zwischen der türkischen Armee und der PKK.

„Gemeinsame Bedrohung“

Die Türkei und die Kurdische Autonomieregion im Irak warnen vor dem Hintergrund des zunehmenden Verfalls Syriens vor einem kurdischen Alleingang in Syrien. Jeder Versuch einer bewaffneten Gruppierung, das Machtvakuum in Syrien für territoriale Gewinne zu nutzen, werde als „gemeinsame Bedrohung“ betrachtet. Das besagt eine gemeinsame Erklärung des türkischen Außenministers Ahmet Davutoglu und des kurdischen Regionspräsidenten Masud Barsani die in der Nacht auf Donnerstag im nordirakischen Erbil verbreitet wurde.

„Subunternehmer“ von Assad

Die türkische Regierung und die syrische Exilopposition beobachten seit langem Bestrebungen der PKK, sich im Norden Syriens eine neue Basis zu schaffen. Einige Oppositionelle beschrieben die türkischen Kurden von der PKK als „Subunternehmer“ Assads: Damaskus gebe den aus dem Nordirak einsickernden PKK-Rebellen freie Hand im Norden Syriens und könne sich im Gegenzug darauf verlassen, dass die PKK und ihr syrischer Ableger PYD in Teilen des syrischen Kurdengebietes regierungsfeindliche Demonstrationen verhindern.

Lange Zeit war das für Ankara kein großes Problem - doch die jüngste Eskalation der Kämpfe in Syrien lässt den Einfluss der Zentralmacht in vielen Regionen Syriens bröckeln. Das Kurdengebiet entlang der Grenze zur Türkei gehört dazu; kurdische Politiker erklärten, die Volksgruppe, die rund zehn Prozent der 20 Millionen Syrer ausmacht, wolle sich ein hohes Maß an Selbstverwaltung sichern und nicht auf Verhandlungen nach einem möglichen Sturz von Assad warten.

Einige Kurdengruppen in Syrien werden von den irakischen Kurden mit Waffen unterstützt. Der türkische Außenminister Davutoglu reiste deshalb diese Woche nach Erbil, um die dortigen Kurdenführer zu einer Kursänderung zu bewegen.

Mit Militärschlag gedroht

Mit solchen Demarchen allein dürfte die wachsende kurdische Autonomie allerdings nicht aufzuhalten sein. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Davutoglu drohten deshalb in den vergangenen Tagen mit Militärschlägen im syrischen Kurdengebiet. „Terroristische Strukturen“ entlang der Grenze würden nicht geduldet, sagte Davutoglu.

Das Panzermanöver in Nusaybin an der Grenze, das erste seiner Art seit zehn Jahren in der Region, soll diese Warnung untermauern. Doch auch die syrischen Kurden machten mit einer Machtdemonstration auf sich aufmerksam: Die PYD entführte im Norden Syriens zwei türkische Reporter.

Sorge wegen wachsender Unruhe

Die Türkei befürchtet nicht nur, dass die PKK den Norden Syriens als Sprungbrett für Anschläge in der Türkei nutzen könnte. Ankara sorgt sich auch wegen wachsender Unruhe in der eigenen kurdischen Bevölkerung angesichts der Selbstverwaltung der Kurden auf der anderen Seite des Grenzzauns. Die türkische Kurdenpartei BDP begrüßte die Selbstverwaltung der syrischen Kurden und warnte die Regierung in Ankara vor einem Eingreifen: „Ich glaube, kein Kurde wird einen Angriff auf die Leistungen der kurdischen Regionen in Syrien schweigend hinnehmen“, sagte BDP-Chef Selahattin Demirtas.

BDP und PKK fordern von Ankara ein Maß an kurdischer Selbstverwaltung, das für die um die Einheit des Staates besorgten meisten anderen türkischen Parteien sowie für Regierung und Armee unannehmbar ist. Nun könnte direkt vor der türkischen Haustür ein Gebilde entstehen, das den Vorstellungen der BDP recht nahe kommt. Die PYD nennt den Norden Syriens bereits „Westkurdistan“. Laut Presseberichten bauen PYD und PKK eine eigene Justiz auf, bilden eigene Polizeikräfte und veranstalten in ihrem Machtbereich öffentliche Versammlungen. Das Thema: „Autonomes Kurdistan“.

Susanne Güsten, APA

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