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Kreuzung unterschiedlicher Interessen

Die Situation in Syrien wird immer unübersichtlicher. Der Bürgerkrieg wandelt sich zunehmend zu einem Religionskrieg. Doch auch ausländische Mächte, etwa der Iran, Russland, Saudi-Arabien und Katar, wollen ihre handfesten Interessen in Syrien wahren.

Der Konflikt sei bereits ein „Stellvertreterkrieg“, so der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. Laut Ischinger offenbart dieser „Stellvertreterkrieg“ eine dreifache Krise. Erstens „ist aus dem Aufstand gegen das syrische Regime (...) ein Bürgerkrieg, ein sunnitisch-schiitischer Religionskrieg geworden“, sagte Ischinger am Donnerstag im Deutschlandfunk. Das habe gefährliche Folgen für die ganze Region.

Auch Teilung keine Lösung

Zweitens sei die Handlungsfähigkeit der Weltgemeinschaft mit der Blockade des UNO-Sicherheitsrates in der Krise. Und drittens gebe es eine tiefe „Krise des Misstrauens“ zwischen den USA und Russland. Hier räche sich, dass der Westen in den vergangenen Jahren Russland im Abseits gelassen habe, auch bei der Raketenabwehr, sagte er.

Ischinger warnte vor der Illusion, eine Aufteilung Syriens in einen alawitischen, einen kurdischen und einen sunnitischen Staat könne das Problem lösen. „Teilungen von Staaten (...) tragen in sich den Keim von mehr Konflikt.“ Zudem sei die Türkei wegen der möglichen Bildung eines Kurdenstaates sehr besorgt.

Es geht um Vormachtstellung in der Region

Ischinger untermauerte auch durch weitere Argumente, warum der Syrien-Konflikt „eine Art Stellvertreterkrieg“ ist. „Waffen, auch größere, schwerere Waffen, Geld, Material wird über verschiedene Grenzen, aus Katar, aus Saudi-Arabien, mit Hilfe von Dritten an die Kämpfer in Syrien geliefert. Auf der anderen Seite wird das Assad-Regime weiter von Russland und anderen gestützt. Wir haben es mit einem richtigen Stellvertreterkrieg zu tun, und letztlich geht es um die Vormacht in der Region zwischen Saudi-Arabien und seinen sunnitischen Partnern auf der einen Seite und dem schiitischen Teheran auf der anderen Seite.“

„Hausgemachte Gründe“ treten in den Hintergrund

„Wir haben ziemlich sicher einen Stellvertreterkrieg in Syrien“, warnte auch Ayman Kamel von der Beratungsgesellschaft Eurasia Group angesichts der großen Einflussnahme von außen. Das könnte zur Aufsplitterung Syriens führen. Während der Iran Syriens Machthaber Baschar al-Assad unterstützt, dessen herrschende Minderheit der Alawiten ihre Wurzeln im schiitischen Glauben hat, stärken das Königreich Saudi-Arabien und andere sunnitische Mächte den Rebellen den Rücken.

Der kalte Krieg zwischen Sunniten und Schiiten in der Region könnte sich, so die Befürchtung mancher Beobachter, ausweiten und den Libanon, den Irak, Jordanien und das NATO-Mitglied Türkei destabilisieren."An diesem Punkt ist die internationale Dimension des Syrien-Konflikts wichtiger als die hausgemachten Gründe", sagt Experte Kamel. Jetzt sei in Syrien alles möglich. Am Tag nach dem Sturz Assads würden einander die zersplitterten Oppositionsgruppen mit ihren Forderungen und Zielen gegenseitig blockieren und die Bildung einer neuen, politisch kohärenten Führung verhindern.

Rebellengruppen „quasi unabhängig“

Auch gibt es keine geeinte Rebellenführung. Die einzelnen Gruppierungen würden von verschiedenen Staaten Geld und Waffen bekommen. „Die sind quasi unabhängig“, so Kamel. Er hält es sogar für möglich, dass die unterschiedlichen Rebellenorganisationen einander bekämpfen könnten.

„Ich sehe niemanden, der die Staatsgewalt übernehmen könnte“, warnt auch der Nahost-Experte George Joffe von der Universität Cambridge vor einem Machtvakuum. Die Opposition sei tief zerstritten, wie es denn nach dem Ende der Herrschaft Assads weitergehen solle.

Warnung vor „Zeit der Abrechnung“

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer (Grüne) erwartet in Syrien auch nach einem Sturz des Regimes ein weiteres Blutvergießen. An die Stelle von Assad und seiner Diktatur werde „keine westlich geprägte Demokratie mit Rechtsstaat“ treten, warnte Fischer in der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“, Donnerstag-Ausgabe). „Es ist vielmehr zu befürchten, dass dann die Zeit der Abrechnung mit den Stützen des Regimes und ihren Anhängern beginnen wird.“ Das Blutvergießen werde keinesfalls ein Ende haben.

Fischer rechnet zudem mit erheblichen Auswirkungen auf die regionale Machtverteilung in der Region zwischen der Türkei, dem Iran und Saudi-Arabien. „Der Nahost-Konflikt wird mehr und mehr religiös aufgeladen werden. Kompromisse werden dadurch schwieriger, und die Hamas, die palästinensischen Islamisten, werden dadurch erheblich gestärkt werden“, warnte der frühere deutsche Vizekanzler. Möglicherweise ergäben sich aber auch neue Chancen zur Lösung des Nahost-Konflikts.

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