Pussy-Riot-Prozess: Notarzt bei Angeklagten

Im umstrittenen Moskauer Strafprozess gegen die russische Skandalband Pussy Riot haben die drei angeklagten Frauen im Gerichtssaal einen Schwächeanfall erlitten. Als Grund nannte ihr Verteidiger eine schlechte Behandlung durch die Justiz.

Die jungen Musikerinnen hätten kaum geschlafen, wenig gegessen und an den ersten Verhandlungstagen jeweils zwölf Stunden in einem Glaskäfig ausharren müssen, wie der Anwalt gestern nach Angaben der Agentur Interfax sagte. Notärzte erklärten die Frauen nach kurzer Untersuchung für verhandlungsfähig. Ihnen drohen wegen einer Protestaktion gegen Kreml-Chef Wladimir Putin in einer Kirche je sieben Jahre Haft.

„Gefälschte Anklage“

Unterdessen warf die Verteidigung der Staatsanwaltschaft eine „gefälschte Anklage“ vor. Einige Nebenkläger seien mit völlig identischen Aussagen zitiert, „bis hin zum gleichen Druckfehler“, sagte ein Verteidiger. Richterin Marina Syrowa wies aber erneut einen Befangenheitsantrag gegen sich ab. Zudem räumte sie der Verteidigung nicht mehr Zeit zum Studium der 3.000 Seiten umfassenden Anklage ein.

Kritik aus Regierungspartei

Der Prozess spaltet unterdessen die russische Gesellschaft. Ein Politiker der regierenden Partei Geeintes Russland und ein bekannter Geistlicher kritisierten öffentlich die Verhandlung. „Je länger der Prozess dauert, umso mehr wird er zum Symbol für Justizwillkür in Russland“, schrieb der Politiker Waleri Fedotow aus St. Petersburg, der Heimatstadt von Präsident Wladimir Putin, in einem Internetblog. Er wolle zeigen, dass nicht alle in der Partei „solch mittelalterliche Fanatiker sind“.

Die Protestaktion der Frauen gegen Putin in einer Moskauer Kirche habe zwar viele gekränkt, sei aber kein Grund für eine Gefängnisstrafe, betonte Fedotow. Der Geistliche Andrej Kurajew sagte, auch in Kirchenkreisen gehe die Vermutung um, der Prozess sei von Putins Umfeld gesteuert.

Auch Anti-Putin-Blogger angeklagt

Nach dem Prozessauftakt gegen die Band Pussy Riot wurde am Dienstag auch der populäre Oppositionelle Alexej Nawalny angeklagt.

Offiziell wird ihm Veruntreuung angelastet, der wahre Grund könnte allerdings ein anderer sein: So prangert Nawalny seit Jahren Korruption in Staatsbetrieben an, auf seinen Onlineportalen organisierte der Anwalt die Protestbewegung gegen die umstrittene Parlamentswahl im Dezember. Und seit Putins Kreml-Rückkehr im Mai geht die Justiz mit besonderer Härte gegen Kritiker vor.

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