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Kabul hofft auf neue Einnahmequelle

Der afghanische Präsident Hamid Karzai bezeichnete die Wirtschaft in seinem Land kürzlich als „unterentwickelt“ - Risiken durch Terrorismus und Extremismus seien weiter groß. Beinahe täglich sterben Menschen bei Anschlägen. Mehrere Ölkonzerne, allen voran der US-Riese Exxon Mobil, wollen sich von diesen Gefahren nicht länger abschrecken lassen und erwägen einen Einstieg in das kriegsgeplagte Land.

Exxon Mobil zeigt ernsthaftes Interesse an einer Ölförderungskonzession im Norden Afghanistans, wie US-Medien vor wenigen Tagen berichteten. Ins Auge gefasst hat der US-Konzern Öl- und Gasvorräte im tadschikischen Becken Afghanistans.

Allein die Tatsache, dass Exxon erwägt, eine Konzession zu kaufen, lässt nach Einschätzung von Experten auch andere westliche Energiekonzerne in Richtung Afghanistan blicken, wie Reuters berichtet. Angesichts schwindender Energievorräte halten die Konzerne Ausschau nach neuen Möglichkeiten, von denen es in Afghanistan genügend zu geben scheint. Das Land ist nach jahrzehntelangen Konflikten erst wenig ausgekundschaftet.

Milliardenschatz schlummert unter Erde

Afghanistan hat nach US-Schätzungen 1,9 Milliarden Barrel unentdeckte Rohölreserven. Wie viel sich davon tatsächlich wirtschaftlich fördern lässt, ist unbekannt. Kabul erhofft sich durch seine Energievorräte jedenfalls eine lukrative Einnahmequelle. Das Land ist nach wie vor von internationalen Hilfen abhängig - auch nach dem schrittweisen Abzug der ISAF-Truppen. Erst kürzlich wurden Afghanistan von der Internationalen Gemeinschaft Hilfsgelder in der Höhe von 16 Milliarden Dollar zugesichert.

Würden, ähnlich wie in Äquatorialguinea, wo in etwa dieselbe Menge an Rohöl vorhanden ist, täglich 250.000 Barrel gefördert, könnte das Land 9,1 Milliarden Dollar pro Jahr verdienen. Das würde knapp die Hälfte des Bruttoinlandprodukts des Jahres 2011 ausmachen. Dazu kommen enorme Gasvorräte. In der betroffenen Region, im tadschikischen Becken, schlummern knapp 950 Millionen Barrel Öl und mehrere Milliarden Kubikmeter Gas.

Gewalt, Terrorismus, Korruption

Für westliche Energiekonzerne bietet ein Einstieg in Afghanistan freilich enorme Risiken: Beinahe täglich kommen Menschen bei Terroranschlägen ums Leben, der Gewaltpegel ist laut UNO derzeit so hoch wie noch nie, seit das Taliban-Regime vor zehn Jahren gestürzt wurde. Wirtschaft und Politik des Landes sind von Korruption durchzogen. Bei allen Fortschritten, die in den vergangenen zehn Jahren erzielt worden seien, sei die Lage in seinem Land weiterhin „gefährdet“ und die „Wirtschaft unterentwickelt“, sagte Präsident Karzai kürzlich auf einer internationalen Afghanistan-Konferenz in Tokio. Sein Land sei weiter „großen Risiken“ durch Terrorismus und Extremismus ausgesetzt.

„Sicherheit kein Ausschlussgrund“

Instabile Krisenregionen gehören für viele Ölkonzerne längst zum Tagesgeschäft. „Sicherheit ist ein Thema, aber es ist kein Ausschlussgrund“, so Chakib Khelil, ehemaliger Ölminister Algeriens, und nun Energieberater in Paris. Es müsse jedoch einen guten Ertrag geben, der das Risiko rechtfertige. „Exxon würde nicht in diese Region einsteigen, wenn sie nicht wirklich vielversprechend wäre. Die werden nicht nach Kartoffeln graben“, so Khelil.

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