Themenüberblick

Handys als Ghettoblaster

Sodcasting, das laut Urban Dictionary vor allem von Jugendlichen gepflegte laute Abspielen von Musik „fragwürdigen Geschmacks“ in der Öffentlichkeit, wird seit Jahrzehnten betrieben.

In den 80er Jahren dominierten Ghettoblaster das urbane Straßenbild, und unter anderem trugen Features wie ansteckbare Mikrophone einen wichtigen Teil zur Hip-Hop-Kultur bei. Rund 20 Jahre davor versprachen schon Transistorradios ihren Nutzern Freiheit, Unabhängigkeit und damit Rebellion gegen ältere Generationen.

Während bei Ghettoblastern viel Wert auf die akustische Qualität auch bei höherer Lautstärke gelegt wurde, scheint sich diese Tradition nicht ganz bis in die Neuzeit gehalten zu haben: Immer öfter wippen hierzulande Jugendliche zu Tonfolgen aus hörbar überforderten und entsprechend quäkenden Handylautsprechern.

Abgrenzung oder schlicht asozial?

Nicht nur für Wissenschaftler stellt sich dabei die Frage, warum vor allem Jugendliche überhaupt das Bedürfnis nach Sodcasting haben. Eine Erklärung könnte die große Ablehnung sein, die das von Erwachsenen meist als asozial empfundene Verhalten, laut Musik spielen zu wollen, hervorruft. Ob die Musik als Belästigung empfunden wird, hängt dabei nicht zuletzt auch vom Geschmack der beteiligten Personen ab.

Wissenschaftler sehen in Sodcasting auch einen Weg, ein Terrain zu markieren. Laut dem Erfinder des Wortes, Pascale Wyse, fürchten Sodcaster nichts mehr als Nichtbeachtung. Auch Ghettoblaster sorgten zu ihrer Hochzeit für ausreichend Diskussionsstoff zwischen den Generationen - und Beachtung, nicht zuletzt von anderen Besitzern eines Ghettoblasters.

Jugendliche wollen Musik teilen

Von der BBC und dem Guardian befragte Jugendliche sehen die Musik hauptsächlich als Unterhaltung, die sie mit ihren Freunden teilen können, und weniger als asoziales Verhalten. Verbote sind da wenig hilfreich, eher helfen könnte, den Jugendlichen das richtige (Zu-)Hören beizubringen, sagt Julian Treasure vom Soundspezialisten Sound Agency.

Die aktuelle Welle gibt es mittlerweile seit einigen Jahren. Schon 2006 forderte eine Kampagne in Großbritannien, dass lautes Musikspielen in Londons öffentlichen Verkehrsmitteln untersagt wird. In Großbritannien war zudem ein Gesetz in Vorbereitung, das die Nutzung von Kopfhörern in öffentlichen Bereichen von Krankenhäusern und den Verkehrsmitteln vorschreiben sollte - es wurde allerdings nicht verabschiedet.

Links: