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Dem Suppentopf entgangen

Wenn es darauf ankommt, können Schildkröten ganz schön schnell sein: In Summerville im Nordosten des US-Bundesstaates Georgia sind weit über tausend Wasserschildkröten auf der Flucht. Entwischt sind die Reptilien aus einer riesigen Schildkrötenfarm, die zur kommerziellen Zucht betrieben wird.

Der Betreiber der Anlage steht damit vor dem Ruin - während sich die Tiere in umliegenden Gewässern herumtreiben und damit dem Kochtopf wohl erfolgreich entgangen sind. Denn tatsächlich ist dem überwiegenden Teil der Schildkröten, die in der Anlage auf engem Raum gehalten wurden, die Flucht geglückt. 1.600 der 2.200 Zuchttiere haben das Sammelbecken gegen einen alternativen Lebensraum eingetauscht. Die Tiere tauchten dabei in den unterschiedlichsten Ecken in der Umgebung ab - und sie werden wohl nicht mehr aus freien Stücken zurückkehren.

Metalldiebe am Werk

Möglich wurde die Massenflucht aber durch menschliche Einflüsse: So vermutet die Polizei auf dem Grundstück des Zuchtbetriebs das Werk von Metalldieben, die während ihres Beutezugs auch Teile der Absperrvorrichtung entwendeten. Die geschaffene Möglichkeit des „freien Geleits“ nahmen die Schildkröten offenbar gern in Anspruch.

Der Verdacht erhärtete sich, denn auch andere Metallteile waren vom Grundstück entwendet worden, etwa die Heckklappe eines Jeeps. Die Ermittler sind den Metalldieben auf der Spur. Sie konnten sich laut den „Chattanooga News“ einen ironischen Hinweis nicht verkneifen, wonach wilde Schildkrötenrudel ungezügelt im gesamten Gebiet unterwegs seien. „Es ist Vorsicht geboten“, scherzte Chefermittler Matt Hayes.

Schildkröten vielerorts verstreut

Der Betreiber der Anlage, David Driver, war auf den schleichenden Verlust seiner Tiere zuerst gar nicht aufmerksam geworden. Erst Hinweise aus der Bevölkerung brachten ihn darauf: „Ich habe Anrufe von Leuten bekommen, die überall Schildkröten gesehen haben“, wurde Driver in den „Summerville News“ zitiert. Über ganze Straßenzüge tummelten sich alle möglichen Arten von Schildkröten - von den als Haustieren beliebten Rotwangen-Schmuckschildkröten bis hin zu Zierschildkröten war alles dabei. „So habe ich erst realisiert, dass es sich um meine Tiere handelt“, erklärte Anlagenbetreiber Driver.

Hauptsächlich Export nach China

Für den Betreiber kommt die Massenflucht seiner Tiere zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Kunden der Zuchtfarm befinden sich zum großen Teil in Übersee, die meisten der verkauften Tiere werden in den asiatischen Raum exportiert. Dort landen vor allem Geierschildkröten, Weichschildkröten und Schnappschildkröten als Delikatessen auf dem Teller.

„Wir haben auch einige wirklich teure Exemplare verloren“, klagte der Betreiber. Denn die Zucht ist keineswegs ein Hobby, sondern ein Geschäft - und dieses ist zuletzt stark eingebrochen. „Es war ein schlechtes Jahr, der Preis ist massiv gefallen“, sagte Driver. So erzielten Schnappschildkröten in China momentan pro Exemplar Preise von bis zu sieben Dollar (etwa 6,70 Euro), noch vor einem Jahr hätten sie das Doppelte eingebracht.

Freigang als wirtschaftlicher Totalschaden

Noch dazu ist er auf die ausgewachsenen Tiere angewiesen, denn diese sind zeugungsfähig. Gerade jene sind es, die in großer Zahl verschwunden sind. Über Jahre hat Driver die vielen Schildkröten zusammengesammelt - vielfach geschah das nach dem üblichen Schema: „Die Leute haben mich angerufen und gesagt: ‚Ich habe Schildkröten, sie können sie holen.‘ “ Nun dürfte das Spiel wieder von vorne losgehen. Und wenn die Polizei auch fieberhaft nach den Metalldieben sucht, die Hundertschaften an Schildkröten wird sie kaum wieder auftreiben können.

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