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Buchkonsum wird transparent

Der durchschnittliche Leser benötigt sieben Stunden für den letzten Teil der Romantrilogie „Tribute von Panem“. Das entspricht einer Lesegeschwindigkeit von 57 Seiten pro Stunde. Gleich 18.000 Kindle-Leser haben denselben Satz aus dem zweiten Teil markiert. Und Nutzer des E-Readers Nook laden nach dem Beenden des ersten gleich den zweiten Teil herunter. Das berichtete das „Wall Street Journal“ („WSJ“).

Konnte das Interesse an den Büchern bisher nur im Nachhinein aus Verkaufszahlen und Rezensionen ausgelesen werden, stehen mit E-Books nun eine Vielzahl von Echtzeitdaten und -statistiken bereit. „Der jahrhundertealte private, zurückgezogene Akt des Lesens ist durch das Aufkommen elektronischer Bücher zu einer messbarem und quasiöffentlichen Aktivität geworden“, so das „WSJ“.

Denn E-Reader zeichnen jede Menge Daten zu Vorlieben und Gewohnheiten ihres Nutzers auf. Wie lange braucht der Leser für das ganze Buch? Wie oft macht er Pause bzw. wo wird am häufigsten abgebrochen? Wird es ein zweites Mal gelesen? Wo und wie oft werden Notizen eingetragen oder Passagen an Freunde weitergeleitet? Welche Stichwörter werden bei der Suche nach neuer Lektüre verwendet? Dank integrierter WLAN- oder UMTS-Verbindung gehen all diese Informationen in regelmäßigen Intervallen zurück an die Hersteller.

Amazon weiß, was du letzten Sommer gelesen hast

Amazon (Kindle), Barnes & Noble (Nook), Apple (iBookstore) und Google (Google Books) erheben über ihre E-Reader und die Apps für Tablets und Smartphones derart Daten ihrer Nutzer. Amazon listet auf seiner Website zum Beispiel die meistmarkierten Textpassagen der Kindle-User auf. Die Buchhandelskette Thalia erklärte auf Anfrage von ORF.at, dass man in ihren E-Readern (Cybook und Oyo) derzeit auf Techniken zur Userverhaltensanalyse verzichte.

Die E-Reader-Hersteller geben die Lesestatistiken teilweise auch an die Verlage weiter. Diese versuchen die neu gewonnen Informationen möglichst produktiv zu nutzen. Noch steckt die Auswertung in den Kinderschuhen, Verlage wie Autoren sehen aber eine große Chance darin, ihre Produkte zu optimieren.

Einige Erkenntnisse bestätigen zwar nur, was man längst wusste. So werden laut Analyse von Barnes & Noble Romane in einem durch, Sachbücher meist mit zahlreichen Unterbrechungen und oft auch gar nicht zu Ende gelesen. Wird aber etwa ein Buch von vielen Nutzern an der gleichen Stelle abgebrochen, könnte man diesen Abschnitt mit zusätzlichen multimedialen Inhalten aufpeppen, kürzen oder umschreiben.

Die E-Reader im Überblick

E-Book-Reader bieten Speicherplatz für ein ganzes Bücherregal, ihre Akkus halten viele tausend Seiten lang, und Geräte gibt es bereits für weniger als 100 Euro.

Kritiker fürchten literarischen Einheitsbrei

Kritiker fürchten bereits eine „Vermassentauglichung“ der Buchwelt mit dem Fokus auf Verkauf und Vermarktung. Statt individuellen Qualitätslesestoff zu liefern, könnten Autoren etwa künftig nur noch für den Massenmarkt schreiben. Mit den Statistiken hätten die Verlage zudem ein Druckmittel in der Hand. Vorstellbar wäre etwa, dass Autoren dazu genötigt würden, ihre Texte durch verlagseigene Lektoren noch einmal für ein breiteres Publikum überarbeiten zu lassen.

„Das Besondere am Buch ist doch, dass es exzentrisch und dabei so lang wie nötig sein kann. Damit sollte der Leser nichts zu tun haben", erklärte Jonathan Galassi von Farrar, Straus & Giroux (Teil der Holtzbrinck-Verlagsgruppe) im Gespräch mit dem „WSJ“. „Wir kürzen ‚Krieg und Frieden’ nicht, nur weil einige Leute es nicht zu Ende gelesen haben."

Die Einblicke ins Leseverhalten können allerdings durchaus auch zur Qualitätsverbesserung genutzt werden. Gerade im Genre der Sachbücher können Lesbarkeit und Verständlichkeit der Artikel gezielt verbessert werden.

Mitlesen: Deaktiviermöglichkeit gefordert

Datenschützer setzen sich unterdessen dafür ein, dass sich E-Book-Leser vor der Aufzeichnung ihrer Gewohnheiten schützen können. „Was man liest, geht niemanden sonst etwas an“, so Cindy Cohn von der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF).

Bereits 2010 veröffentlichte die EFF den “EFF-Datenschutzratgeber für E-Book-Käufer”, der auflistet, welche Konzerne Leserdaten aufzeichnen und an wen eine Weitergabe möglich ist. Die Bürgerrechtler verlangen eine Möglichkeit für Leser, den Wissensdurst der Hersteller deaktivieren zu können. Das ist momentan nicht ohne Einschränkungen möglich.

Dass zuletzt gerade Bücher, die man nicht öffentlich zur Schau stellen will, Erfolge auf dem digitalen Markt feierten, zeigt das Bedürfnis der Leser nach Anonymität. So ist das Bestsellerdasein von „50 Shades of Grey“ weniger der packenden Geschichte zu verdanken als vielmehr der Tatsache, dass sich dank E-Books auch erotische Bücher überall und völlig unerkannt lesen lassen.

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