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Internationale Kritik nutzte offenbar

Der mutmaßliche ungarische Nazi-Verbrecher Laszlo Csatary ist verhaftet worden, berichtet des ungarische Radio am Mittwoch. Laut Aussendung wird die Budapester Staatsanwaltschaft Hausarrest für Csatary beim zuständigen Gericht beantragen. Seine Überführung in U-Haft werde initiiert, hieß es.

Die Budapester Fahndungsbehörde hatte bereits im Vorjahr auf Ersuchen des Simon-Wiesenthal-Zentrums die Fahndung wegen des Verdachts von Kriegsverbrechen durch den heute 97-Jährigen erhoben. Laut dem Direktor des Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Efraim Zuroff, war Csatary mitverantwortlich für den Abtransport von 15.700 Juden in das Konzentrationslager Auschwitz. Zuvor hatte sich Ungarn noch offengehalten, ob es zu einer Anklage gegen Csatary kommt und damit für internationale Kritik gesorgt.

Csatary sei am Mittwoch als Verdächtiger von der Ermittlungsbehörde in Budapest verhört worden, berichtet die amtliche Ungarische Nachrichtenagentur (MTI). Für Kriegsverbrechen könnte eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt werden. Nach Angaben des Simon-Wiesenthal-Zentrums gehört Csatary zu den meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkriegs.

Suche nach Überlebenden

Ermittlungen gegen Csatary sind nach Darstellung der Staatsanwaltschaft in Budapest schwierig. Die dem 97-Jährigen zur Last gelegten Verbrechen in Kosice, das heute zur Slowakei gehört, lägen 68 Jahre zurück, hatte die Staatsanwaltschaft am Montag erklärt. Die Ermittlungen bestünden demnach zu einem „bedeutenden Teil“ darin, möglicherweise noch lebende Augenzeugen zu finden, von denen viele im Ausland vermutet werden.

„Sun“-Journalisten spürten Csatary auf

Csatary lebte 17 Jahre lang unbehelligt in Budapest - davor in Kanada. Bereits im September 2011 habe das Jerusalemer Wiesenthal-Zentrum die ungarische Staatsanwaltschaft über Csatarys Budapester Aufenthaltsort informiert, sagte Direktor Efraim Zuroff der Nachrichtenagentur dpa. Weil Ungarns Justiz aber darauf nicht reagiert habe, sei die Presse informiert worden. Reporter der britischen „Sun“ fotografierten und filmten Csatary nun in seiner Wohnung in Budapest - wo er unter seinem echten Namen lebte. Zuroff forderte Ungarn auf, Csatary schnellstmöglich vor Gericht zu bringen.

Demonstrantinnen vor der Wohnungstür Csatarys

APA/EPA/Bea Kallos

Proteste vor der Tür des mutmaßlichen NS-Verbrechers

Frankreich: „Nazi-Verbrechen verjähren nicht“

Die französische Regierung forderte die zu Wochenbeginn noch sich zierenden ungarischen Behörden am Montag auf, dem mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher den Prozess zu machen. „Die Nazi-Verbrechen verjähren nicht“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Paris am Montag.

Csatary soll 1941 und 1944 als Polizeichef von Kosice im damals ungarisch besetzten Teil der Slowakei in den Jahren 1941 und 1944 an der Deportation von insgesamt rund 16.000 Juden mitgewirkt haben. Dafür wurde er 1948 in Abwesenheit in Ungarn zum Tode verurteilt. Nach dem Krieg lebte er lange in Kanada. 1997 entzogen ihm die dortigen Behörden die Staatsbürgerschaft, worauf sich seine Spur zunächst verlor.

Zuroff: „Haben gehofft, dass er verschwinden würde“

„Nazijäger“ Zuroff beklagte noch am Montag, dass die ungarischen Ermittler in dem Fall noch nicht aktiv geworden seien. „Sie haben einfach gehofft, dass er (Csatary, Anm.) verschwinden würde“, mutmaßte er zu Wochenbeginn. „Wir verlangen, dass sie die Sache endlich angehen. Dass sie Csatary als Verdächtigen benennen. Dass sie aufhören herumzulavieren.“ Das hohe Alter des Verdächtigen sei kein Hindernis. „Nazi-Verbrecher zu verschonen wäre das falsche moralische Signal an die Gesellschaft. Für Nazi-Mörder darf es keine Ruhe geben“, fügte Zuroff hinzu.

„Dieser Mann ist bei guter Gesundheit und fährt selbst Auto“, sagte Zuroff. Er zeigt sich am Montag vor allem „frustriert“ über den mangelnden Willen der ungarischen Behörden, gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher zu ermitteln. „Im Alter von Csatary kann sich der Gesundheitszustand von einem Tag auf den anderen verschlechtern. Es muss schnell gehandelt werden“, mahnte Zuroff. Das Alter und die Zeit, die seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen sei, dürften Kriegsverbrecher nicht vor einer Strafverfolgung schützen.

Ungarische Neonazis machen Jagd auf Demonstranten

Das ungarische Neonazi-Internetportal Kuruc.info macht Jagd auf Aktivisten, die am Montag an einem Protest gegen Csatary teilgenommen haben. Das Portal veröffentlichte Fotos von Teilnehmern der spontanen Kundgebung vor der Wohnung von Csatary in Budapest und setzte ein „Blutgeld“ von umgerechnet 350 Euro für die „Identifizierung“ der Organisatoren aus, hieß es in Medienberichten.

Dabei wird auf der Website mit „speziellen Folterungen“ und „Erschießen am Donauufer“ gedroht. Mit Hilfe des Internets konnte Kuruc.info so in kürzester Zeit Daten, Telefonnummern von der Mehrheit der Organisatoren der Demonstration ermitteln. Eine der Organisatorinnen, Andrea Gergely, wird Anzeige gegen das Portal erstatten. Der ungarische Premier Viktor Orban hatte jüngst den US-Kongress gebeten, Schritte gegen das in den USA registrierte Neonazi-Portal zu unternehmen.

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