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Freund Hunter hätte sich gefreut

Der Film „The Rum Diary“ müsste eigentlich für mehrere Zielgruppen funktionieren: Klatsch-und-Tratsch-Fans, die sehen wollen, warum sich Johnny Depp von Vanessa Paradis getrennt hat (Depps Filmpartnerin), alle, die ihn in einer Rolle sehen wollen, in der er richtig hübsch sein darf - und für alle Freunde des Schrägen, ob in der Literatur Hunter S. Thompsons oder im Kino.

Das Wort Kultfilm wurde eine Zeitlang so oft verwendet, dass es längst verpönt ist. Vielleicht darf man es auf „Fear and Loathing in Las Vegas“ dennoch anwenden. Johnny Depp spielte den Gonzo-Journalisten und mit allen möglichen und unmöglichen Drogen experimentierenden Trinker Hunter S. Thompson. Der ganze Streifen geriet zum Trip, vor und hinter der Kamera. Seither hängt das Filmplakat in zahllosen Studenten-WGs.

Gonzo-Journalismus, das heißt: scharf formulierte Gesellschaftskritik im Grenzbereich zwischen Journalismus und literarischer Fiktion. Thompson hatte damit seinen eigenen Stil kreiert. Er ging hinein in seine Recherchen und schrieb von innen heraus. Subjektiv durfte das sein, autobiografisch und gerne auch da und dort erdichtet. So wie Wallraff, nur eben ganz anders, im Sinne der Beat-Generation, der Thompson angehörte.

Johnny Depp sitzt vor einer Schreibmaschine

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Rum, Zigarette, Schreibmaschine: Die wichtigsten Requisiten für Johnny Depp

Fans mit dem Taser vertrieben

Johnny Depp war der Faszination dieser Art zu schreiben schon als Teenager erlegen. Bereits ein Star, durfte er sein Idol Thompson treffen. Vor 17 Jahren fand er sich wie verabredet um Mitternacht in einer Bar in der Nähe von Thompsons Haus ein. Als der kam, umringten lästige Schaulustige und Fans Depp. Thompson teilte die Menge mit einem Elektroschocker für Rinder und einem Taser, ging ohne Kommentar auf Depp zu und stellte sich vor: „Hi, ich bin Hunter.“ So lautet die Mär, gerade eben von der „Huffington Post“ wiedergegeben.

Was folgte, war eine jahrelange, enge Freundschaft. Als es an den Dreh von „Fear and Loathing in Las Vegas“ ging, zog Depp sogar für einige Zeit bei Thompson im Keller ein. Dort fand er das Manuskript eines Buches: „The Rum Diary“, Thompson hatte es im Alter von nur 22 Jahren verfasst und schien es längst vergessen zu haben. Die beiden gingen es durch und fassten den Plan einer Verfilmung.

Depp als Testamentsvollstrecker

2001 kam etwas dazwischen. 2003 auch. Und dann nahm sich Thompson 2005 im Alter von 67 Jahren das Leben. Zwei Wünsche hatte er davor geäußert: Seine Asche solle mit einer Kanone in den Himmel geschossen werden, und Depp solle das „Diary“ verfilmen. Der Schauspieler erfüllte ihm beide. In „The Rum Diary“ spielt er nicht nur wie in „Fear and Loathing in Las Vegas“ das Thompson-Alter-Ego, er finanzierte den Film auch als Produzent. Für das Drehbuch und die Regie engagierte er Bruce Robinson („The Killing Fields“, „Withnail & I“).

Es geht darin um einen jungen Journalisten (das geht bei Depp mit viel Schminke noch durch), der nach Puerto Rico kommt, um dort für den San Juan Star zu schreiben. Paul Kemp findet sowohl die Zeitung als auch das Land in einem Zustand fortgeschrittenen Verfalls vor. Der Chefredakteur will die Bilanz des Blattes retten, indem sein englischsprachiges Produkt mit positiven Meldungen mögliche Sponsoren glücklich macht und urlaubende US-Touristen nicht mit Problemgeschichten nervt.

Schauspieler Johnny Depp, Aaron Eckhart und Amber Heard in einer Szene aus dem Film "The Rum Diary"

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Der Gute (Johnny Depp), der Böse (Aaron Eckhart), die Schöne (Amber Heard)

Die Würde in Alkohol ertränkt

Aber Kemp, so heißt der Thompson/Depp-Charakter in Puerto Rico, versucht dennoch gesellschaftskritische Artikel über Armut und über hohle US-Touris unterzubringen, und darüber, wie US-Wirtschaftstreibende das Land abzocken. Bis er aufgrund anhaltender Erfolglosigkeit seine Würde in Alkohol ertränkt und auf das Angebot von genau so einem Blutsauger eingeht und für ihn die PR macht.

Vor allem verliebt Paul sich in des Blutsaugers Liebste - Chenault, gespielt von Amber Heard. Wundern darf man sich nicht, dass sich der 49-jährige Depp inmitten seiner mutmaßlichen Midlife-Crisis bei all dem lasziven und halbnackten Herumgeknutsche vor der Kamera in die 26-jährige Heard verknallt hat. Sie soll einer der Gründe - wenn nicht sogar der Hauptgrund - dafür sein, dass Depp sich von seiner Lebensgefährtin Vanessa Paradis getrennt hat, mit der er 14 Jahre zusammen war und zwei Kinder hat.

Buchhinweis

Hunter S. Thompson: The Rum Diary. Heyne, 283 Seiten, 9,20 Euro.

Thompson war am Set anwesend

Im Film jedenfalls macht Depp das, was er am besten kann - einen ständig benebelten Charakter spielen. Er hatte seine diesbezüglichen Fähigkeiten zuvor nicht nur in „Fear and Loathing“ bewiesen, sondern auch in Jim Jarmushs Edelwestern „Dead Man“, in dem er einen verwundeten, delirierenden Desperado wider Willen darstellt. An den US-Kinokassen wurde ihm sein Einsatz diesmal nicht gedankt. Der Film ist eine verdienstvoller Tribut an Depps Freund Hunter S. Thompson, erzählt aber sicher nicht dessen beste Geschichte. Umgesetzt wurde die Story aber mit überaus einnehmendem Humor.

Am Ende ist „The Rum Diary“ dennoch braves Erzählkino mit viel „Gut gegen Böse“, daran können auch Drogen- und Alkoholexzesse nichts ändern. Aber um ein Kunstwerk dürfte es Depp auch nicht gegangen sein. Er stellte am Set einen Stuhl mit der Beschriftung „Hunter S. Thompson“ auf, daneben ein Aschenbecher samt einer Packung Dunhill, eine Flasche Chivas Regal, dazu ein Highball-Glas. Und jeden Tag in der Früh stieß er mit Robinson auf seinen Freund Hunter an. Der Film soll ein „Cheers“ an ihn sein. Als solcher funktioniert er.

Simon Hadler, ORF.at

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