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Plattformen ohne Arbeiter?

Norwegens Regierung hat in letzter Minute die bevorstehende Blockade der Gas- und Ölförderung durch einen Arbeitskampf gestoppt. Wie in Oslo in der Nacht auf Dienstag mitgeteilt wurde, setzte Arbeitsministerin Hanne Bjurström unmittelbar vor Inkrafttreten einer Flächenaussperrung eine Zwangsschlichtung in Gang.

Damit wurden sowohl die geplante Aussperrung wie auch ein vor 16 Tagen begonnener Streik ausgesetzt. Die größte Arbeitsgewerkschaft in der Branche erklärte, die Arbeiter auf den Bohrinseln nehmen die Arbeit umgehend wieder auf. Bjurström begründete den staatlichen Eingriff in den Tarifstreit mit dessen „großen gesellschaftlichen Konsequenzen“. Sie sagte nach einem Gespräch mit Gewerkschaften und Arbeitgebern kurz vor Mitternacht: „Alles in allem wäre es unverantwortlich gewesen, den Konflikt weiterlaufen zu lassen.“

Oseberg Bohrplattform in der Nordsee

AP/Helge Hansen, Statoil, Scanpix Norway, Pool

Die norwegische Ölindustrie wird mit ihren Sonderregelungen, auch bei der Bezahlung, zur Last für traditionelle Industriesparten

Der Arbeitskampf war am Donnerstag mit der Arbeitgeberdrohung eskaliert, ab Dienstag alle Beschäftigten auszusperren. Der zum größten Teil dem Staat gehörende Ölkonzern Statoil wollte die Produktion in diesem Fall einstellen. Die Öl- und Gasproduktion könne ab Dienstag zum Erliegen kommen, erklärten sowohl Gewerkschaften als auch Arbeitgeber bis zuletzt, nachdem Sonntagfrüh die Tarifgespräche für die rund 7.000 Beschäftigten auf den Bohrplattformen vor der Küste nach 13 Stunden zum dritten Mal gescheitert waren.

Streit über Pensionsregelung

Hauptstreitpunkt ist die Gewerkschaftsforderung nach einer Vorruhestandsmöglichkeit ab einem Alter von 62 Jahren. Die Arbeitnehmervertreter riefen die Regierung auf, nicht in den Konflikt einzugreifen. Die Arbeitgeber sollten ruhig „ein paar Tage schwitzen“, hieß es in einer Erklärung. Eine verordnete Schlichtung wäre Verrat an der Tarifautonomie.

Händler auf dem Ölmarkt hofften dennoch auf ein Eingreifen des Staates, wie es vor acht Jahren schon die damals konservative Regierung tat. Die nun regierenden Sozialdemokraten hielten sich bis Montag Nacht aber zurück und dürften dabei auch die Wahl im nächsten Jahr im Auge gehabt haben. Das Ölministerium erklärte zunächst, es habe keine Pläne für eine Intervention.

Arbeiter auf der Oseberg Bohrplattform in der Nordsee

Reuters/Norsk Telegrambyra AS

Die Arbeitgeber drohten am Montag noch damit, die Arbeiter von den Plattformen aussperren zu wollen

Sorge um den Ölmarkt

Händler befürchteten weitere Auswirkungen auf den Ölmarkt. Schon in der vergangenen Woche schob der Arbeitskampf den Preis kräftig an. Norwegen ist der weltweit achtgrößte Ölexporteur. Der Streik hat die Produktion bereits um 13 Prozent geschmälert. Norwegens Gasproduktion ging um vier Prozent zurück. Das Land ist auch der zweitgrößte Gaslieferant für Europa. Größte Abnehmer sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

Norwegen, so befand die „Neue Zürcher Zeitung“ („NZZ“) ja jüngst, leide mittlerweile unter seiner Ölindustrie. Nicht nur ziehe die Ölindustrie zu viele Arbeitskräfte aus der traditionellen Industrie ab. Der Wohlstand, der aus dem Öl kommt, schlage sich auch im Lohnniveau nieder: "2011 sind die Stundenlöhne in Norwegen um 3,7 Prozentpunkte stärker gestiegen als in den Konkurrenzländern, davon wiederum waren zwei Punkte dem stärkeren Kronen-Kurs anzulasten.

Um mit der ausländischen Konkurrenz mithalten zu können, müssen norwegische Firmen hohe Produktivitätsfortschritte erzielen. Nicht zuletzt wegen des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften, die vom besser bezahlten Erdölsektor angelockt werden, hält sich die traditionelle Industrie mit Investitionen zurück." Die Regelungen für die Erdölindustrie, so die Schlussfolgerung der „NZZ“, blockiere die anderen Industriesektoren in Zeiten nachlassender Nachfrage.

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