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„Gegenwind“ wird stärker

Nach der ersten großen Welle der Finanzkrise hat sich die Autoindustrie - mit einigen Ausnahmen - relativ rasch erholt. Besonders deutsche Hersteller wie VW, BMW und Audi meldeten Rekordumsätze. Doch das laufende Jahr dürfte für die Branche im Ganzen nicht rosig enden.

Zumindest in weiten Teilen Europas brachen die Absatzzahlen zuletzt ein, allein in den USA und Asien läuft das Geschäft noch rund. Entlassungen und Werksschließungspläne zeigen, wie ernst die Lage ist. Der PSA-Peugeot-Citroen-Konzern wolle bis zu 10.000 Mitarbeiter kündigen - doppelt so viele wie bisher geplant - hieß es zuletzt.

Damit könnten bis zu zehn Prozent der Gesamtbelegschaft ihren Arbeitsplatz verlieren, berichtete die französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“ letzte Woche. Der Autobauer hatte bereits im Herbst 2011 Einsparungen von 800 Millionen Euro angekündigt. Die weltweiten Auslieferungen gingen um 13 Prozent (auf 1,62 Mio. Fahrzeuge) zurück, wie das Unternehmen am Freitag mitteilte. In Europa sei der Absatz um 15 Prozent auf 980.000 Fahrzeuge eingebrochen.

Nicht viel besser sieht es bei Fiat aus. Dort denkt man darüber nach, eines von fünf Werken zu schließen. Heuer dürften in Italien nur rund 1,4 Millionen Fahrzeuge verkauft werden. Das entspreche dem Niveau von 1979, hieß es zuletzt aus Turin. Man rechne durchaus noch mit einer länger dauernden Auftragsflaute.

Kein gutes Omen für Opel

Auch der ohnehin angeschlagene deutsche Autobauer Opel spürt den Abwärtstrend deutlich. Im Juni sanken die Zulassungszahlen für die Marke in Deutschland im Vergleich zum Vormonat um acht Prozent, wie aus Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) hervorgeht. Der deutsche Gesamtmarkt wuchs dagegen im Juni um drei Prozent - kein gutes Vorzeichen für den Opel-Konzern, der inmitten einer Sanierung steckt.

Im Gegensatz zu Opel legten die deutschen Oberklasse-Hersteller Mercedes, Audi und Porsche im Juni zu, ebenso wie Marktführer VW. Damit sind sie ebenso eine Ausnahme wie ihr Heimmarkt. Außer in Deutschland und Großbritannien geht es mit den Absatzzahlen in Europa derzeit nämlich bergab, vor allem in Euro-Krisenländern wie Spanien und Italien, aber auch in Frankreich. Der US-Markt, aber auch der in Asien - vor allem China - zeigt die genau gegenläufige Tendenz nach oben.

„Zweiklassengesellschaft“ der Hersteller

Experten sprechen deshalb mittlerweile nicht nur von einer „Zweiklassengesellschaft“ unter den Herstellern, sondern von einer anrollenden „Konsolidierungswelle“. Während die einen gegen den Strudel sinkender Absätze ankämpfen, machen die anderen gute Geschäfte außerhalb Europas. Doch selbst für die deutschen Platzhirsche werde der „Gegenwind“ stärker, sagte am Dienstag der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, in Berlin. „Wer sehr stark vom europäischen Markt abhängt, der hat es zurzeit sehr, sehr schwer.“

In den nächsten Jahren sei eine „Kapazitätsanpassung“ in der europäischen Autobranche überfällig, so Wissmann - selbst in Deutschland. „Es besteht erheblicher Restrukturierungsbedarf“, sagte ähnlich Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) mit Blick auf die Branche. „Mindestens fünf bis acht Automobilwerke sind derzeit in Europa überflüssig.“ Die Branche stehe vor einer „Konsolidierungswelle“.

„Autokrise in Europa erst am Beginn“

„Die Autokrise in Europa ist erst am Beginn“, sagte Ferdinand Dudenhöffer, Deutschlands „Autopapst“ und wohl meistzitierter Automobilexperte von der Universität Duisburg-Essen. Er verwies auch auf hohe Rabatte, mit denen die Hersteller die Wagen in den Markt drückten. Eine schnelle Besserung erwartet er nicht. „Bis sich die Schuldenstaaten einigermaßen erholen, gehen gut fünf Jahre ins Land.“

Sieben von zehn aus Deutschland exportierten Wagen werden derzeit außerhalb der Euro-Zone verkauft. Der starke US-Markt sowie China, Russland, Japan und Indien verhelfen dem weltweiten Markt laut Prognose des VDA in diesem Jahr zu einem Plus von vier Prozent auf gut 68 Millionen verkaufte Fahrzeuge. Allein in den USA dürften in diesem Jahr nach aktuellen Schätzungen 14 Millionen Neuwagen abgesetzt werden. Die deutschen Konzerne erzielen Monat für Monat neue Spitzenverkäufe. Während sich BMW und Mercedes ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des führenden Oberklasse-Herstellers leisten, rollt VW mit günstigen Preisen und solider Technik den Massenmarkt auf.

Deutsche bauen in den USA kräftig aus

Weil die Nachfrage so stark ist, hatte BMW sein Werk im Bundesstaat South Carolina kräftig erweitert, VW stampfte eine komplette Fabrik in Tennessee aus dem Boden und Mercedes stellt an seinem Standort in Alabama neue Mitarbeiter ein. „Die Verkäufe stimmen uns sehr zuversichtlich“, sagte Mercedes-Landeschef Stephen Cannon zuletzt.

Gute Verkäufe sind jedoch noch lange kein Garant für hohe Gewinne. Die Entwicklung alternativer Antriebe - Stichwort Elektroauto - verschlingt Milliarden. Die Hersteller versuchen, die Kosten mit Kooperationen in Grenzen zu halten. Autoexperte Christoph Stürmer vom Beratungsunternehmen IHS spricht mit Blick auf die globalen Marktverschiebungen und neue Technologien von einem „doppelten, fundamentalen Umbruch“.

Außerdem drohen aus Sicht der deutschen Autobauer für schwere Wagen schärfere EU-Auflagen zur CO2-Verringerung. Auch die Regierung von US-Präsident Barack Obama hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Spritverbrauch zu senken. Betroffen wären vor allem die deutschen Oberklasse-Hersteller mit ihren Luxusmodellen.

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