Themenüberblick

Ein kleines „gallisches“ Blog

Es ist ein bisschen wie die Geschichte des kleinen gallischen Dorfes vor den Toren des großen römischen Imperiums. Nur dass es sich hier um eine innerfranzösische Geschichte handelt. Es ist die Geschichte über eine Lehrerin, ihr Blog und einen mächtigen Verlag, der sich an einem stößt: dass Madame Figaro so heißt wie eine Frauenzeitschrift aus dem Verlag.

„Es ist der Name meines Mannes, den ich trage“, berichtete die Lehrerin in einem Erklärbericht auf ihrem kleinen, liebevollen Blog, „ich heiße Figaro.“ In der Anredeform: Madame Figaro.

Unter dem Namen „Die Klasse von Madame Figaro“ bloggte die Lehrerin monatelang allerlei aus ihrem Schulalltag, sie stellte Videos aus ihrem Englisch-Unterricht online oder Bilder aus dem Schulalltag - und sie baute ohne jede kommerzielle Absicht über das Netz eine besondere Bindung zwischen ihren Schülern und sich als Lehrerin auf.

Ein paar Dutzend Besucher am Tag

Viele Lehrerkollegen fanden die Seite auch interessant, weil da jemand seine Unterrichtsmittel derart offen thematisierte. Ein paar Dutzend Leute verirrten sich auf diese Seite. Und gäbe es nicht mächtige Suchmaschinen, das Blog von Madame Figaro wäre wohl weiter so klein und intim geblieben, wie es war.

Madame Figaro Cover

Madame Figaro

„Madame Figaro“: schwer zu verwechseln mit dem kleinen Blog einer Lehrerin gleichen Namens

Doch irgendwann entdeckte die Verlagsgruppe Figaro, die ja nicht nur die angesehenste bürgerlich-konservative Tageszeitung gleichen Namens herausgibt, sondern eine Reihe von Beilagen und Journalen, in denen auch der Bestandteil „Figaro“ wesentliches Erkennungsmerkmal ist, das verborgene Blog. Seit 1980 gibt es „Madame Figaro“, ein nicht nur bekanntes Modejournal, sondern mittlerweile auch Plattform im Netz mit Beiträgen aus „Madame Figaro“.

Der Name als „F-Word“

„Normalerweise kennt man den Ausdruck ‚F-Word‘ mit einem englischen Wort, das einem in Großbuchstaben begegnet. In meinem Fall ist das F-Word, das man nicht aussprechen soll, mein Name“, berichtete die Lehrerin Madame Figaro auf ihrem Blog: „Mein Fehler ist, dass ich mich Madame Figaro nenne - und das missfällt den Eigentümern der Marke ‚Madame Figaro‘ enorm.“

Seit einem Jahr habe sie aus ihrem Kollegen- und Schülerzirkel ein Blog gestartet - unter dem Namen „La Classe de Madame Figaro“. Als einen kleinen Beitrag in der Bloggosphäre aus Lehrerkollegen bezeichnete Frau Figaro ihr Blog.

Post vom Verlag

Anfang Mai habe sie Post bekommen. Einen eher „trockenen Brief“, wie sie festhielt: „Die nicht autorisierte und wiederholte Verwendung von MADAME FIGARO (im Original in Großbuchstaben) stellt eine Verletzung des intellektuellen Eigentums dar. Wir fordern Sie höflich auf, ab sofort jede Form von Verwendung dieser Marke in ihrem Blog zu unterlassen.“

In ihrem Antwortbrief erinnerte die Lehrerin den Verlag nach eigenen Angaben daran, dass sie nicht „die Marke Madame Figaro“, sondern einfach ihren eigenen Namen verwendet habe. Zudem erinnerte die Lehrerin den Verlag an die Größenverhältnisse zwischen ihrem Blog und dem Journal „Madame Figaro“.

Die Töne werden ruppiger

In der Folge sei der Schriftverkehr zunehmend weniger höflich ausgefallen, so die Lehrerin in ihrem Blog. Ihr Gegenvorschlag, sich nicht mehr „Madame“, sondern nur noch in der Abkürzungsform „Mme“ zu nennen, kommentierte der Verlag mit dem Hinweis, dass diese Form die Marke herabwürdige. Die Folge: eine Unterlassungsaufforderung durch die Rechtsabteilung des Verlags. Streitwert: 300.000 Euro.

Der Fall wird öffentlich

Mme Figaro lenkte als kleine Lehrerin zuerst einmal insofern ein, als sie ihr Blog fortan „Les Chantiers de l’Apprentissage“ („Die Baustellen der Lehre“) nannte - und sie suchte nach einem mächtigeren Mittel, als sich mit einer starken Rechtsabteilung anzulegen. Sie ging mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit. Bei Erscheinen auf der Nachrichtenwebsite Rue 89 war der Fall von Madame Figaro der meistgelesene Bericht des Tages.

Es war auch dieses mittlerweile große Onlinemedium (gegründet von ehemaligen „Liberation“- und „Le Monde“-Redakteuren), das sich an die Verlagsgruppe mit der Bitte um Stellungnahme wandte. Der Figaro-Verlag verweigerte vorerst jeden Kommentar.

Nachdem der Artikel publiziert worden war, erhielt Madame Figaro nach eigenen Angaben aber eine Mail der Herausgeberin des Magazins. Inhalt: Man werde eine Lösung für diese Namensgleichheit in gutem Geist finden. Nachsatz der bloggenden Lehrerin: „Sie haben mich mit Madame Figaro in der ausgeschriebenen Form angesprochen.“

Gerald Heidegger, ORF.at

Links: