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Konkrete Vorbereitungen laufen an

Euro-Gruppe-Chef Jean-Claude Juncker hat auf dem EU-Gipfel am Mittwoch in Brüssel den „offiziellen Startschuss“ für eine Diskussion gegeben, die so vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre: Griechenlands Verbleib in der Euro-Zone sei nur noch „Arbeitshypothese“. Für das Szenario eines Ausstiegs müsse man sich rüsten, sagte Juncker - und löste damit eine Lawine von offenen Bekenntnissen aus.

Auf dem Gipfel herrschte zwar Einigkeit, dass Griechenland den Euro behalten solle - zugleich bekannten sämtliche europäischen Regierungschefs, dass die Folgen eines griechischen Euro-Austritts bereits durchgerechnet würden.

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) sagte, die Griechen würden mit der kommenden Wahl selbst die Entscheidung darüber treffen, im „Kurier“-Interview (Freitag-Ausgabe) erteilte er aber einer Änderung der EU-Sparauflagen für Griechenland eine Absage: „Die EU kann sich nicht erpressen lassen oder auf die vereinbarten Bedingungen verzichten.“ Den Austritt aus der Euro-Zone „sollte sich ein Land gut überlegen“. Tschechiens Regierungschef Petr Necas sprach von der „realen Variante“ und allenfalls „einzigen Möglichkeit“ des griechischen Euro-Austritts.

Mitterlehner schließt Euro-Austritt Athens nicht aus

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) rechnet mit der Möglichkeit eines griechischen Euro-Austritts, hält ihn aber für weniger wahrscheinlich als den Verbleib in der Euro-Zone. Er hoffe darauf, dass die Wahlen am 17. Juni dazu beitrügen, das Land zu stabilisieren. „Wir müssen dringend schauen, dass die Griechen im Euro bleiben“, sagte Mitterlehner in der ZIB2 am Donnerstagabend. Der Wirtschaftsminister warnte vor Spekulationen über einen Euro-Austritt, diese würden schnell zur „selbsterfüllenden Prophezeiung“ werden.

Auf die Frage nach einem Plan B der Regierung im Fall eines Griechen-Exits sagte er, in Regierungskreisen gebe es „eventuelle Überlegungen“, man wolle diese aber nicht „nach außen tragen und damit rechnen“.

Es droht „ein heißer Sommer“

Seine Regierung und die Tschechische Nationalbank seien „im Grunde genommen schon vorbereitet“, sagte Necas. „In diesem Moment werden wir sie nicht nennen“, hüllte er sich über Details in Schweigen. Auch Italiens Vizewirtschaftsminister Vittorio Grilli sagte, man müsse sich auf einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone einstellen. Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny meinte in dieser Hinsicht: „Eine gute Notenbank muss für alle Eventualitäten gerüstet sein, aber sie muss nicht über alle Fragen sprechen.“

Der Chef der Raiffeisen Bank International (RBI), Herbert Stepic, sieht die Wahrscheinlichkeit eines Griechenlands-Austritts aus dem Euro bei 50 zu 50, wie er am Donnerstag in Wien sagte. Seine Bank habe in den letzten 18 Monaten „für den Ernstfall“ einen Liquiditätspuffer von 25 Milliarden Euro aufgebaut. Die Summe liege um einige Milliarden „über normal“. Sollte es zum griechischen Euro-Austritt kommen, drohe Europa „ein heißer Sommer“. Das heiße starke Volatilitäten auf den Finanzmärkten, extreme Schwankungen an den Börsen.

Angst vor Angst bei Sparern

Stepic räumte ein, er sähe ein Griechenland-Austrittsszenario jetzt „relaxter“ als vor zwei Jahren. Die Banken hätten diese zwei Jahre auch gebraucht. Vor zwei Jahren habe man sich viel mehr vor einer katastrophalen Ansteckung anderer Krisenländer gefürchtet. Mittlerweile seien Vorkehrungen durch die Rettungsfonds EFSF und ESM getroffen, auch stehe die EZB mit einem Bündel an Liquiditätsunterstützungsmaßnahmen bereit. Welche Vorbereitungen innerhalb der EU liefen, „entzieht sich meiner Kenntnis“, so Stepic.

„Wovor sich die Banken am meisten fürchten müssen, ist die Verunsicherung der Sparer“, sagte Stepic für die gesamte Bankenbranche in Europa. „Das führte dann automatisch dazu, dass die Leute sagen: ‚Ich will mein Geld sehen.‘“ Vor allem in Griechenland selbst würde sich die Situation jedoch nochmals drastisch verschlechtern, Schuldner in existenzbedrohende Zahlungsschwierigkeiten und Firmen in Konkurs geraten. Bei den griechischen Banken würden Einlagen abgezogen.

Radikale Geldentwertung als sichere Folge

Der deutsche Bankenverbandspräsident Andreas Schmitz prophezeite einen Run auf die griechischen Banken, falls das radikallinke Bündnis SYRIZA die kommende griechische Wahl gewinnen würde. Sonst schätzt er „den unmittelbaren Griechenland-Effekt“ als „überschaubar“ ein: „Ich glaube, dass das schon ein bisschen in den Märkten eingepreist ist.“ Die Ansteckungsgefahr habe abgenommen. „Ich hoffe, dass es gelingen kann, negative Effekte von Spanien, Italien, Irland und Portugal wegzuhalten.“

Schmitz, seines Zeichens allerdings expliziter Befürworter eines griechischen Euro-Austritts, sprach von einem „erheblichen Risiko“, dass eine Stabilisierung des Landes innerhalb der Euro-Zone „nicht funktionieren“ werde. Als Argument für einen griechischen Euro-Austritt wird immer wieder vorgebracht, dass Griechenland durch eine radikal abgewertete Währung international wieder wettbewerbsfähiger würde und auch als plötzliches „Billigurlaubsland“ auf mehr Einnahmen aus dem Tourismus hoffen könnte.

„Irgendwo zwischen Katastrophe und Armageddon“

Sollten allerdings nach einem griechischen Euro-Austritt Euro-Länder wie Spanien, Italien und sogar Frankreich von der Krise angesteckt werden, könnte das das gesamte System der Gemeinschaftswährung zum Einsturz bringen. Laut dem Chef des Internationalen Bankenverbands (IIF), Charles Dallara, würde ein Abschied Griechenlands vom Euro für den Rest Europas einen Schaden „irgendwo zwischen Katastrophe und Armageddon“ bedeuten. Auch müsste weiterhin EU-Hilfe nach Athen fließen - gerade, wenn dort nach einem Euro-Ausstieg die Wirtschaft wie erwartet zumindest kurzfristig zusammenbricht.

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