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„Gefühl von Aussichtslosigkeit“

Mit schrecklichen Details über eineinhalb Stunden äußerster Todesangst haben die Zeugenaussagen vom Massaker auf der norwegischen Insel Utöya begonnen. „Ich bin sicher, dass ich gehört habe, wie er nach Treffern in Jubel ausgebrochen ist“, sagte die 24-jährige Tonje Brenna am Mittwoch über den Massenmörder Anders Behring Breivik vor Gericht in Oslo, der auf Utöya 69 Menschen tötete.

Die Generalsekretärin der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF überlebte am 22. Juli letzten Jahres, nachdem sie sich mit zum Teil schwer verletzten Teenagern in einer Felsspalte nahe des „Liebespfades“ verstecken konnte und nach eigener Aussage die meiste Zeit tot stellte. An dieser Stelle wurden viele der Opfer von Breivik ermordet.

„Wenn ich es aussprechen müsste, wäre es so etwas wie ‚Wu-huu!‘. Es waren offensichtlich Szenen der Freude“, so die 24-jährige Brenna. Auch auf Nachfrage von Staatsanwalt Svein Holden, der darauf hinwies, dass Breivik selbst bestreite, gejubelt zu haben, versicherte die Zeugin, sie sei sich sicher, dass sie Jubel gehört habe, als sie sich - sich tot stellend - wenige Meter vom Attentäter entfernt befand. „Wir dachten, dass es Polizisten waren, die uns da töteten“, sagte Brenna.

Überlebende des Utöya-Massakers bei einer Gedenkfeier

AP/Emilio Morenatti

Tonje Brenna (im Bild ganz rechts) bei einer Trauerfeier im Juli 2011

„Morgen werden wir zu Hause sein“

Brenna schilderte dem Gericht, wie sie und zwei Burschen eine Gruppe von rund 20 Jugendlichen eine Klippe hinabführten. Das Versteck verdeckte aber nicht alle, und Breivik kehrte mehrere Male dorthin zurück und schoss auf die Gruppe hinunter. „Es gab kleine Stein- und Erdlawinen, als die Menschen hinunterfielen. Ein relativ großer Stein fiel auf meinen Nacken und ich bin ziemlich sicher, dass dieser Felsen getroffen wurden“, zeigte Brenna im Gerichtssaal auf einer Aufnahme, wie knapp sie ihrer eigenen Einschätzung nach dem Tod entging.

Um die Verzweiflung und Angst unter Kontrolle zu halten, hätten die Jugendlichen versucht, sich gegenseitig zu beruhigen. Sie sagten demnach Sätze wie: „Morgen werden wir zu Hause sein und den Samstagabendfilm mit unseren Eltern anschauen.“

„Entschied mich, nicht wegzuschwimmen“

„Ich entschied mich, nicht wegzuschwimmen“, sagte Brenna und begründete das mit ihrem Verantwortungsgefühl für die Jüngeren. Von denen sie aber viele eben nicht retten konnte. „Trauer und Schmerz liegen wie eine feuchtkalte Hand um das Herz“, sagte die junge Norwegerin vor Gericht. Als weiterer Überlebender berichtete der Norweger Björn Ihler. Sein Landsmann Oddvar Hansen sagte darüber aus, wie er vom Festland aus mit seinem Boot Jugendliche von Utöya gerettet hatte.

Breivik wollte Überlebende befragen

Der rechtsradikale Täter, der bei den Aussagen von Überlebenden in einer hinteren Reihe des Gerichtssaales Platz nehmen musste, schüttelte bei der Aussage über seine Jubelrufe den Kopf. Ein Antrag Breiviks, die Überlebenden im Zeugenstand befragen zu dürfen, wurde vom Gericht abgewiesen. Unmittelbar vor der Aussage von Brenna war das Gericht am 15. Verhandlungstag weiter die Liste von Obduktionsberichten der 69 meist jugendlichen Opfer von Utöya durchgegangen.

Das jüngste Opfer war die gerade 14 Jahre alt gewordene Sharidyn Svebakk-Bohn. Breivik hatte sie mit zwei Schüssen in den Rücken getötet. In Gedenkworten für das Mädchen, die eine Anwältin im Beisein der weinenden Adoptiveltern verlas, hieß es, dass Sharydin später Modeschöpferin werden wollte.

Chaotische Flucht quer über Insel

Brenna berichtete als erste der als Zeugen geladenen Überlebenden, wie sie vor dem Versammlungshaus auf Utöya plötzlich sah, dass vor ihr zwei Jugendliche von Schüssen getroffen wurden und umfielen. Danach habe es eine chaotische Fluchtbewegung quer über die Insel gegeben. Sie sagte nach den Mitschriften aus dem Gerichtssaal durch norwegische Medien: „Man hatte die ganze Zeit ein Gefühl von Aussichtslosigkeit.“

Auf Antrag von Breiviks Verteidigern schloss das Gericht unmittelbar vor Beginn der Zeugenaussagen zu Utöya einen Teil der Überlebenden als Zuhörer aus. Die Gerichtsvorsitzende Wenche Elizabeth Arntzen begründete das damit, dass die Benannten mit ihren Aussagen Einfluss auf die Entscheidung über die Zurechnungsfähigkeit des Attentäters haben könnten.

Entscheidende Frage noch offen

Ob der Massenmörder vom Gericht als schuldfähig oder nicht eingestuft wird, gilt als entscheidende offene Frage bei dem bis Ende Juni angesetzten Prozess. Breivik hatte am 22. Juli kurz vor dem Massaker mit einer Bombe in Oslo acht Menschen umgebracht. Er begründet sein Verbrechen als „notwendig“ beim Kampf gegen islamische Zuwanderer und die Befürworter einer multikulturellen Gesellschaft. Das Urteil soll Ende Juli, kurz vor dem ersten Jahrestag der beiden Anschläge, verkündet werden.

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