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Wo Elefanten in der Wand stecken

Manege frei für Artisten, Akrobaten, Dompteure und Clowns: In der neuen Ausstellung Parallelwelt Zirkus nähert sich die Kunsthalle Wien dem Phänomen Zirkus als „Gegenwelt, als Metapher, als Zeichensystem und Formenrepertoire“, wie Co-Kuratorin Verena Konrad bei der Pressekonferenz erklärte.

Erstgenannter Kurator der Zirkusschau ist der ehemalige Kunsthallen-Direktor Gerald Matt. „Es war seine Initiative, und wir haben sie gemeinsam konzipiert“, so Konrad. Seit seiner Dienstfreistellung Anfang Jänner sei Matt zwar nicht mehr im Haus gewesen, in den letzten Wochen vor der Eröffnung „passiert aber beim Ausstellungsinhalt nicht mehr viel“. Diskutiert habe man das Thema in der Kunsthalle schon seit Jahren.

Clown von Cindy Sherman, Untitled #423, 2004

Cindy Sherman/Courtesy Sammlung Ringier

Cindy Shermans Arbeit „Untitled #423“ porträtiert einen tragischen, negativ besetzten Clown

Die Ausstellung versteht sich nicht als historische Aufarbeitung der Zirkusgeschichte, sondern stellt viel mehr internationale künstlerische Positionen, die den Zirkus auch außerhalb von Zelt und Manege thematisieren, in die Auslage.

Charlie Chaplin zur Einstimmung

Vertreten sind dabei einerseits untrennbar mit der Zirkusrezeption verbundene Künstler und Werke wie Charlie Chaplins Film „The Circus“, der bereits im Eingangsbereich auf die Ausstellung einstimmt und Ausschnitte aus dem Filmwerk von Federico Fellini, für den der Zirkus nicht nur Spektakel, sondern auch ein Welt- und Lebensmodell darstellt.

Aber auch Alexander Calders legendärer, aus unzähligen handgefertigten Skulpturen bestehender Miniaturzirkus darf nicht fehlen. Die 26-minütige Dokumentation „Le cirque de Calder“ von Carlos Vilardebo von 1961 gibt einen Einblick in das performative Setting und die Präsentation durch Calder.

Hinter dem Zirkuszelt

Einen Blick auf die Rückseite des Zirkuszelts wirft Clifton Childree, der vor rund einem Jahr im project space der Kunsthalle mit seiner ersten Einzelausstellung „Fuck that Chicken from Popeyes“ zu Gast war. Zirkus, Sideshows, Midnight-Movie-Theater und Vaudeville sind für den 40-Jährigen, der aus einer Künstlerfamilie in Alabama stammt die Hauptinspiration für sein Werk. In seiner detailreichen Rauminstallation „Clown Alley“ kombiniert er in einem Separee der Kunsthalle Videoprojektionen mit einem skulpturalen Ensemble aus Sperrmüll und Flohmarktware.

TV-Hinweis

„Kultur.montag“ berichtet am Montag um 22.30 Uhr in ORF2 über die Ausstellung „Parallelwelt Zirkus“ - mehr dazu in tv.ORF.at.

Der Hauptsaal der Ausstellung präsentiert sich bunt wie der Programmzettel einer Varieteschau. Von Daniel Firmans aufsehenerregender Skulptur „Nasutamanus“ - einem Elefanten, der am Rüssel befestigt aus der Wand ragt bis zu Erwin Wurm, der für „Parallelwelt Zirkus“ drei neue „One Minute Sculptures“ entwickelt hat. Angeleitet durch Handlungsanweisungen sollen die Besucher in diesem Fall Reinigungszubehör österreichischer Parteizentralen akrobatisch aufstapeln - ein Akt, der von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Schaukeln für den Überblick

Wurms Skulpturenpuzzle ist jedoch nicht die einzige Mitmachstation in der Kunsthalle. Jeppe Heins „Light Pavilion“ lädt die Besucher ein, auf einem Hometrainer zu strampeln und dadurch mit Glühbirnenketten ein Zelt zu spannen. Und auf der Galerie hängt mit Thilo Franks Installation „Reflectet Phoenix“ eine Schaukel, die benützt werden darf, und die im Schwung einen guten Überblick über die Kunsthallen-Manege bietet.

Ausstellungsplakat Rona Yefman, Girl on Her Elephant, 2002 (Detail)

Rona Yefman/Sommer Contemporary Art Gallery

Ausstellungshinweis

„Parallelwelt Zirkus“, 4. Mai bis 2. September, Kunsthalle Wien, täglich 10.00 bis 19.00 Uhr, donnerstags 10.00 bis 21.00 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog (312 Seiten, 29 Euro) erschienen.

Einem der bekanntesten Zirkuscharaktere, dem Clown, sind in der Ausstellung gleich mehrere Arbeiten gewidmet. Cindy Sherman, Roni Horn, Marion Peck und Rhona Bitner zeigen in ihren Werken unter anderem die unterschiedlichsten Facetten von Weißclown und August und zeigen sie zwischen heiter, düster, sensibel und aggressiv.

Ugo Rondinones menschengroße Installation „If There Were Anywhere But Desert“ zeigt einen täuschend echt anmutenden Polyesterabguss eines dickbäuchigen, auf dem Boden liegenden Clowns, der eher an einen Rausch ausschlafenden Alkoholiker erinnert denn an einen komischen Spaßmacher.

Naumanns Entlarvung des Clowns

Bruce Naumann entlarvt den Clown in seiner Zweikanal-Videoinstallation „Clown Torture: Dark and Stormy Night with Laughter“ als traurige Figur, die ihren „angestammten Platz in der Zirkusarena verloren hat und unerbittlich an seiner Kunst der leichten Unterhaltung scheitert“. Und dabei im Loop unentwegt und theatralisch lacht - ein Horrorkabinett für Coulrophobiker, Menschen, die Angst vor Clowns haben.

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